VERKEHR Wie eine Bombe
Streusalz sei zwar eine praktische Sache, sagt Oberbürgermeister Hans Haller, »aber immer schon Gift gewesen«, und deshalb wird im schwäbischen Göppingen in diesem Winter vor allem geschippt.
In Hannover salzt ein »reduzierter Streudienst« nur noch verkehrsreiche Straßen. In Frankfurt werden pro Quadratmeter Verkehrsfläche nur noch 15 Gramm Salz (früher 50) ausgefahren.
Im schleswig-holsteinischen Rendsburg versucht es der Streudienst mit einem Gemisch aus einem Teil Salz und zehn Teilen Sand; Berlin will, wenn es sich nur irgend machen läßt, überhaupt aufs Salz verzichten - die Trendwende ist unverkennbar. »Der Höhepunkt des Salzes«, sagt Bayerns Innenminister Gerold Tandler, »ist überschritten.«
Quer durch die Republik kommt wieder mehr Split und anderer Alternativ-Stoff auf die Straße. Selbst Autofahrer-Verbände, wie der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC), die bislang jede Abkehr vom giftigen Salz als Sünde wider die Sicherheit des Autofahrers geißelten, legen jetzt einen anderen Gang ein. »Salz muß sein«, schreibt die »ADAC Motorwelt«, »aber nicht soviel wie früher.«
Seit 1956/57, da auf dem Autobahnabschnitt Elchinger Hang bei Ulm zum ersten Mal in Westdeutschland Salz gestreut wurde, stieg der Verbrauch stetig an - in den letzten Jahren auf 1,5 Millionen Tonnen, in strengen Wintern sogar auf das Doppelte. Daß der Schaden den Nutzen überwiegt, ist den Experten längst klar.
Straßenbäume sterben zu Hunderttausenden am Wurzelgift. Das in rauhen Mengen über Wege und Stege geschleuderte Salz frißt Asphaltdecken wie Betonbrücken an und läßt Autos schneller rosten - allein die Korrosionsschäden werden auf 2,5 Milliarden Mark jährlich geschätzt.
Solchen Schadensbilanzen, den Kampagnen der Umweltschützer, freilich auch den knapper werdenden öffentlichen Mitteln ist es zuzuschreiben, daß Stadtverwaltungen und Länderparlamente zunehmend vom Salz ablassen. Schnee soll auf wenig befahrenen Strecken wieder Schnee bleiben, Streusalz wird knapper dosiert und häufig mit Sand und anderen Stoffen gemischt.
Als Alternative zum Salz oder als Beimischung kommt meist Granulat auf die Straße, ein körniges Streumittel aus Schmelzkammerrückständen, Hochofenschlackensand oder aufbereitetem Naturstein. »Unser Produkt«, freut sich Roman Bermel von der Lava-Union, Hersteller der »Eifel-Lava«, »hat eingeschlagen wie eine Bombe.« Beim Berliner Umweltbundesamt wurde inzwischen für 17 Granulat-Fabrikate das begehrte »Umweltschutzzeichen« beantragt, Prädikat für umweltfreundliche Produkte.
Trendsetter beim Granulat-Streuen ist Berlin. Weil von den 220 000 Bäumen der Stadt nach jahrelanger Versalzung inzwischen 43 000 akut und 12 000 schwerwiegend gefährdet sind, will der Senat im Winter 1981/82 auf Streusalz verzichten, wo immer es nur möglich ist. Berliner Granulat ist eine bröselförmige Schlacke aus den städtischen Kohlekraftwerken, es kann im Frühjahr nach der Schneeschmelze wieder eingesammelt und neu aufbereitet werden.
Der Berliner Senat blieb auch beim Granulat, als Mitte Dezember sich eine geschlossene Schneedecke auf den Straßen bildete und 30 Busfahrer aus Protest gegen die ungewohnt salzlosen Verkehrsbedingungen ihre Fahrzeuge samt Insassen im Schneetreiben stehen ließen. Auch eine Drohung der Taxifahrer-Innung, das Salzstreuen notfalls per Gerichtsentscheid wieder einzuführen, ließ die Behörde nicht wanken.
Für den ADAC ist der konsequente Berliner Salzverzicht, wie Club-Sprecher Ulrich Heuber meint, »vollkommen überzogen«. Ähnlich beurteilt Egon Schaffer, Sachbearbeiter im Straßenreinigungsamt S.47 Remscheid, die Lage: »Es ist mit Granulat nicht getan.«
Granulat sei zwar umweltfreundlich, könne aber, ebenso wie Sand, immer nur kurzfristige Wirkung haben. Auf glatten Fahrbahnen, bedauert Heuber, werde es schnell von der Straße gefegt. Um Salz einigermaßen zu ersetzen, wären enorme Materialmengen erforderlich, die Streukosten insgesamt würden steigen. Während ein Streuwagen mit Salzfracht etwa 40 km Straße abdecken könne, müsse ein Wagen mit Sand, Splitt oder Granulat schon nach nur fünf oder sechs Kilometern nachladen.
Städtereiniger und Forscher sehen deshalb auch »gegen Streusalz noch kein Kraut gewachsen«. Technischer Harnstoff, zum Teil auf Flughäfen eingesetzt, sei achtmal so teuer wie Salz. Ersatz wie Granulat und Sand würde schnell überfrieren, matschen und obendrein Gullis und Kanalrohre verstopfen.
Freilich, auch Tausalz hat, von der Umweltvergiftung abgesehen, technische Nachteile; je nach Konzentration und Kälte gefriert neben dem Schnee auch die Salzlösung, die Wirkung ist dahin. Bei windigem Wetter wird Salz eher von der Straße geblasen als Granulat. Nur Feuchtsalz, ein Gemisch aus kristallinem Material und einer Salzlösung, kann, bei trockener Fahrbahn, auf Straßenoberflächen festkleben.
Wenn es um Winterdienst-Alternativen geht, haben auch andere Länder wenig Beispielhaftes zu bieten. In Österreich und der Schweiz kommt Mischsalz - vier Teile Natrium- und ein Teil Calciumchlorid - auf die Straße, eine Mischung, die zwar auch bei tieferen Temperaturen nicht gefriert, Metalle aber noch stärker angreift. Auf Salz verzichtet wird in der Regel nur in Wintersportregionen, aus Gründen der Optik.
»Wir müssen«, empfiehlt Rudolf Trum, Bundesgeschäftsführer des Verbandes privater Städtereinigungsbetriebe, »die geringere Wirksamkeit von Granulat einfach hinnehmen.« Auch Herbert Warnke, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, will nicht mehr soviel Salz sehen: »Das Verhalten der Kraftfahrer wird sich mit Sicherheit darauf einstellen.«
Die Salz-Gegner können sich dabei auf einen bereits vor einem Jahr in Berlin begonnenen Stadtteil-Test berufen, mit dem eine Forschergruppe Verkehrssicherheit und Unfallhäufigkeit im Winter untersuchte.
Das Testergebnis war überraschend: Während im salzigen Berlin-Schöneberg die Unfallzahlen gegenüber dem Vorwinter um 2,2 Prozent stiegen, registrierte die Polizei im nur noch mit Granulat bestreuten Kreuzberg 6,2 Prozent weniger Karambolagen. Allerdings hatten die Autofahrer, fanden die Tester heraus, »objektive Schwierigkeiten beim Einleiten des Bremsvorganges«.
Granulat aber, hielten die Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin als »vorläufiges Untersuchungsergebnis« fest, sei durchaus eine taugliche Alternative zum Salz, zumindest in nicht extrem strengen Wintern. Denn weniger die Art des Streumittels beeinflusse das Unfallgeschehen als vielmehr die Verhaltensweise der Autofahrer selbst.
Trotz Verzichts auf Salz und heftiger Schneefälle meldete dann auch vor Weihnachten die Berliner Polizei den Rückgang schwerer Unfälle. Die Autofahrer hätten sich diszipliniert auf die Straßenverhältnisse eingestellt. Die Taxifahrer-Innung zog ihre Beschwerde gegen den Granulat-Dienst zurück.
Symptomatisch muß das nicht sein. Am 1. Januar tritt das neue »Staatshaftungsgesetz« in Kraft, das Ländern wie Kommunen neue Pflichten auferlegt. So müssen sie, um der Haftung zu entgehen, bei Unfällen nachweisen, daß der Straßenzustand nicht ursächlich gewesen sein kann. Helmut Schwinghammer, Sprecher des Bayerischen Städteverbandes, befürchtet deshalb, die Stadtverwaltungen würden beim Salzstreuen »wieder in die vollen gehen«.