Atomkraft Wie eine Eiterbeule
In der Gemeinde Niederaichbach an der Isar kennt fast jeder den Witz, der Besuchern erzählt wird: »Was soll man laut Vorschrift bei Strahlenalarm tun?« - »Seine wichtigsten Papiere einstecken und sich langsam Richtung Friedhof begeben.« - »Warum denn langsam?« - »Damit keine Panik entsteht.«
Mit Galgenhumor haben sich die rund 2500 Niederaichbacher darein gefügt, daß sie in unmittelbarer Nachbarschaft von drei Atommeilern leben müssen. An das Dorf im Kreis Landshut grenzen die Blöcke Isar 1 und Isar 2 sowie die Ruine des schon vor 16 Jahren stillgelegten Kernkraftwerks Niederaichbach, eines »nutzlosen Monsters« (Die Zeit), das nur an kümmerlichen 18 Tagen Atomstrom geliefert hatte.
Doch gerade von der Reaktorleiche, die vor vier Jahren zum vollständigen Abriß durch die Hanauer Nuklear-Ingenieur-Service GmbH und die Würzburger Spezialfirma Georg Noell freigegeben wurde, scheint nun die größte Bedrohung auszugehen.
Gegen Ende des alten Jahres begann die heiße Phase des Abbruchunternehmens - eine Weltpremiere: das Ausweiden des Reaktordruckbehälters unter einem darüber gestülpten Zerlegehaus. Die Noell-Techniker tasten sich jetzt, mit ferngesteuerten Manipulatoren, allmählich zum radioaktiven Kerninventar mit einer Strahlungsintensität von 18 rem pro Stunde vor. Zum Vergleich: Die Dosis für Kernkraftarbeiter beträgt 5 rem - pro Jahr.
Der Eingriff schreckte die Opposition im Landtag auf, SPD-Abgeordnete warnten vor einem »neuzeitlichen Ritt über den Bodensee«. In Niederaichbach werde »ein Waffenarsenal gigantischer Größenordnung«, so der SPD-Umweltexperte Hans Kolo, einfach »wie eine Eiterbeule aufgeschnitten«, ohne daß geklärt sei, wie die anfallenden 1200 Tonnen radioaktiv verseuchten Materials entsorgt werden sollen.
Genossen und Grüne verlangten, Bayerns neuer Umweltminister Peter Gauweiler, 42, solle den Abriß unverzüglich einstellen. Doch ihre Begründung, die heiße Abbruchphase verstoße gegen den Genehmigungsbescheid, war formalrechtlich leicht zu entkräften.
Zwar heißt es in dem Bescheid, radioaktive Abfälle seien »unverzüglich zum Bundesendlager Konrad zu transportieren und dort endzulagern« - dieser geplante Atommüll-Terminal in der niedersächsischen Erzgrube »Schacht Konrad« steht vorerst nur auf dem Papier.
Doch die Abrißerlaubnis räumt den Betreibern, das hatte die Landtagsopposition übersehen, eine »alternative Entsorgung in genehmigten Zwischenlagern« ein, etwa beim Kernforschungszentrum in Karlsruhe - für den Fall, daß das Endlager im Schacht Konrad nicht rechtzeitig zur Verfügung stehe.
Ganz abwegig war die Forderung nach einem Stopp der Demontage dennoch nicht. Denn spätestens, seit es dem Monster von Niederaichbach an die verstrahlten Eingeweide geht, fragen immer mehr Politiker und Experten, ob das erforderliche Endlager wenigstens in absehbarer Zeit fertig ist.
Aus dem nationalen Müllschlucker der Nuklearindustrie wird jedoch vorerst nichts. Das im Frühjahr 1989 unterbrochene Planfeststellungsverfahren ist noch gar nicht wiederaufgenommen worden, und die neue niedersächsische Landesregierung unter Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) hat daran offenkundig kaum noch Interesse.
Pressionen des christdemokratischen Bundesumweltministers Klaus Töpfer, der sich auf angebliche Zusagen des früheren hannoverschen Öko-Ministers Werner Remmers (CDU) beruft, hat Sozialdemokrat Schröder bislang abgeblockt. »Wir werden uns in der Sache«, sagte er, »keinen Millimeter bewegen.« Schließlich sei, so Schröder, »Schaden vom Land abzuwehren«.
Niedersachsens Umweltministerin Monika Griefahn, 36, eine ehemalige Greenpeace-Kämpferin, bezweifelt grundsätzlich, ob sich die Grube Konrad überhaupt für die langfristige Lagerung von Strahlenmüll eignet. Sie fordert überdies, daß in einem neuen Genehmigungsverfahren auch sämtliche Transportrisiken berücksichtigt werden müßten - ein umstrittenes Junktim.
Einstweilen versichern die Abriß-Unternehmer in Bayern, ihre Zwischenlager seien für den Schrott von Niederaichbach allemal ausreichend. Die Eile beim Abriß hat einen Grund: Die Nuklear-Lobby will weltweit erstmals praktisch demonstrieren, daß ein Leistungsreaktor bis aufs Fundament geschleift werden kann.
Kernkraftwerks-Bauherrn müssen bei Neubauten nach einschlägigen atomrechtlichen Bestimmungen nachweisen können, wie sie die strahlenden Riesen eines Tages wieder beseitigen wollen. Dafür genügte bislang ein theoretisches Konzept, doch im weltweiten Konkurrenzkampf könnten praktische Erfolge von immensem Vorteil sein.
Darauf wies der für Niederaichbach zuständige Projektleiter Volker Rüdinger vom Kernforschungszentrum Karlsruhe unverblümt hin: Das Abriß-Modell diene, erläuterte er, »der nationalen und internationalen Wettbewerbsstärkung der deutschen Nuklearindustrie«.
Gelingt es in Niederaichbach, den alten Druckröhren-Reaktor ganz aus dem Boden zu reißen, dann lassen seine früheren Betreiber, die Bayernwerk AG, darüber womöglich keineswegs das Gras wachsen, wie immer wieder versprochen wurde. Vielmehr könnte der Platz für einen Neubau genutzt werden, etwa für einen Nachfolger des altersschwachen Kraftwerks Isar 1.
Solche Absichten lassen sich jedenfalls aus dem Gutachten der Hanauer Abriß-Firma entnehmen. Die Stromversorger seien sich, heißt es darin, »der Tatsache bewußt, daß günstige Standorte in der Bundesrepublik nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen«; die Unternehmen wollen, so das Papier, »die Wiedergewinnung günstiger Standorte gesichert sehen«. Auch mit dieser Vorstellung haben sich die atomgehärteten Niederaichbacher offenbar schon vertraut gemacht. »Von wegen grüne Wiese«, sagt ein 62jähriger Maurer im Ruhestand, der 34 Jahre lang beim Bautrupp des Bayernwerks gearbeitet hat, »de brauchan bloß an neia Platz für Isar oans.«