Wie einst Jesus
Nr. 34/2000, Hausmitteilung; Minister: SPIEGEL-Gespräch mit Joschka Fischer über den Kampf gegen Rechtsextremisten und den 9. November als Nationalfeiertag
Mit innerer Bewegung und großer Anteilnahme habe ich in Ihrer Hausmitteilung gelesen, dass die SPIEGEL-Redakteure von Joschka Fischer in der Toskana nur mit zwei Flaschen Wasser und je einem Stückchen Apfel bewirtet worden sind. Ich kann sie trösten: Der SPIEGEL steht nach wie vor ganz oben in der Gunst des Herrn Außenministers. Unsere Redakteure, die eine Woche zuvor Joschka Fischer in der Toskana besuchten, erhielten während eines zweistündigen Gesprächs bei 35 Grad im Schatten nicht einmal ein Glas Wasser.
HAMBURG MICHAEL H. SPRENG
CHEFREDAKTEUR »BILD AM SONNTAG«
Man traut den eigenen Augen nicht: Da macht sich die SPIEGEL-Chefredaktion samt Gefolge auf den Weg, um unserer »Foreign Affair« in die Toskana nachzupilgern, und der selbstverliebte ,,Marathonmann« teilt mit den hungrigen Gästen eine Flasche Wasser und Apfelspalten - ganz wie einst Jesus mit seinen Jüngern. Hoffentlich lernt man daraus, Oblaten und Wein selbst mitzubringen, geht man zum Polit- und Stilpapst Nummer 1.
POTSDAM WOLFGANG JOOP
Eine journalistische Glanzleistung: die Entzauberung des Politschwätzers Fischer. Nie war ein Interview mit dem amtierenden deutschen Außenminister kürzer als dieses. Und nie hatte der Mann weniger zu sagen als hier. Und das Wenige hätte auch noch ungesagt bleiben können!
FRANKFURT AM MAIN SIEGFRIED HEIMLICH
Die Erwartungshaltung, mit der Redakteure in ein Interview mit einem Spitzenpolitiker gehen, sollte wohl von diesen überdacht werden. Jedenfalls ist es mir gänzlich neu, dass es nun zu den Aufgaben unseres Außenministers gehören soll, Journalisten zu bewirten. Was hatten Sie denn erwartet? Auf dem Foto ist übrigens deutlich zu erkennen, dass den Herren Redakteuren eine gewisse kulinarische Zurückhaltung durchaus gut täte. Seien Sie Herrn Fischer dankbar!
BOCHUM KERSTIN HEIMANN
Im doppelten Wortsinn hat unser Außenminister die SPIEGEL-Redakteure darben lassen. Der früher einmal für Originalität bürgende Grüne offenbart sich als Plattitüdenminister. Fischer meint, in Südostasien oder in Afrika müsse Stabilität hergestellt werden, die er ,,eigentlich« unterstützen wolle. Dafür brauche er mehr Geld. Was für eine Phantasterei! Diese Schuhe sind gleich mehrere Nummern zu groß für die Deutschen. Selbst die Amerikaner, die unter Clinton ihre ohnehin kümmerliche Auslandshilfe weiter verringert haben, werden das nicht schaffen. Ärgerlicher noch Fischers Bemerkung, »klügere Leute« hätten sich in den Bonner Jahren gefragt: »Was haben die Leute zu verstecken?« Berlin sei viel transparenter. Was für ein Nonsens. Gerade Bonn war unter allen Regierungen und Außenministern das Gütesiegel für eine berechenbare deutsche Außenpolitik.
BERLIN KLAUS BÖLLING
So lobenswert ein Sparkurs in der Politik des Herrn Fischer auch sein mag, so enttäuscht bin ich, dass anscheinend die italienische Gastfreundschaft bei einem oft in Italien verweilenden Besucher wie Herrn Fischer noch nicht so ganz durchgedrungen ist. In Sardinien (und nicht nur dort!) folgt nach Vorspeisen (egal ob sardisch oder toskanisch) immer ein komplettes Menü mit Nudeln, Gemüse, Fisch, Fleisch, Desserts und Wein. Deshalb, lieber und respektierter Herr Außenminister Fischer, nennen Sie eine Vorspeise, der kein Hauptmahl folgt, in Zukunft bitte nicht »sardische Vorspeise«, sondern einfach »Amuse geule alternative« oder ,,Öko-Häppchen à la Fischer«.
LUXEMBOURG ANSELME PAU