Wie im Exil - DER SPIEGEL
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Bundestag Wie im Exil

Die acht Abgeordneten des Bündnis 90 kommen sich in Bonn überflüssig und verloren vor.
• aus DER SPIEGEL 14/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Herbst 1989 brachten sie auf den Straßen der DDR ein System zum Einsturz. Jetzt sitzen die Acht vom Bündnis 90/die Grünen verloren unter 654 Abgeordneten im Bonner Parlament. Und als sie kurz vor Ostern im Vorgebirgsgasthaus »Heimatblick« zum ersten Mal mit ihren Mitarbeitern ein wenig ausspannten, war ihnen allen ähnlich zumute, wie Gerd Poppe es beschrieb: Traum und Wirklichkeit schieben sich übereinander.

Bonn war für die meisten von ihnen die ferne Metropole des Kapitalismus und ein Stück lang ersehnter Freiheit. Seit einigen Monaten arbeiten sie dort und erleben ein idyllisches Städtchen, die angeblich böse Welt als bloße Normalität - und die wirkt auf sie fremd, unheimlich oder gar abstoßend.

»Sentimental«, wie er selber sagt, tauchte Werner Schulz seine Hand in den Rhein, er hatte »eine große Sehnsucht nach Deutschland«, aber er »atmet auf«, wenn er wieder nach Ost-Berlin fährt. »Wie in Trance« lief Poppe nach Öffnung der Mauer durch West-Berlin, aber, sagt er heute, »die Bundesrepublik ist schon ein Schock«.

Für Christina Schenk waren die Herbstmonate 1989 »die glücklichsten meines Lebens«, aber im vereinten Vaterland fühlt sie sich »wie im Exil«. Es klingt bitter: »Dies Deutschland ist nicht mehr mein Land.«

Den Westen hatte mancher von ihnen vor dem Sturz der SED-Herrschaften noch nie oder, wie Konrad Weiß, nur zu Kurz-Visiten kennengelernt. Vera Wollenberger hatte striktes Reiseverbot, auch in den Osten; 1988 studierte sie zwangsweise in England - Auflage für die Entlassung aus dem Gefängnis.

Poppe, ebenfalls mit totalem Reiseverbot belegt, hatte den Westen zuletzt vor dem Mauerbau als 20jähriger gesehen. Als Minister in Begleitung seines Regierungschefs Hans Modrow kam er erstmals nach Bonn. Wolfgang Ullmann, der 1948 bis 1954 an der Freien Universität Berlin studiert und auch in USA als Gastdozent für Kirchenfragen gearbeitet hatte, »kehrt zurück in eine Epoche, die ich hinter mir habe«.

Keineswegs sind die Erfahrungen in der Bonner Republik immerzu leidvoll. Die Arbeitsbedingungen finden die Ostdeutschen im Verhältnis zu ihren bisherigen ideal. Die zweite Etage des Hochhauses im Tulpenfeld wurde für sie geräumt. Von den Grünen konnten sie Mitarbeiter übernehmen, hielten aber auf Distanz: »Wir sind nicht deren Rechtsnachfolger«, stellt Weiß klar.

Offen nahmen die etablierten Parteien die Neuen, die sich stolz als »die eigentlichen Repräsentanten« (Ullmann) der untergegangenen DDR fühlen, in ihre Reihen auf. Der Umgang ist freundlich. Bei einer Dampferfahrt lobte ein CDU-Kollege begeistert Frau Wollenberger wegen ihrer Rede zum Golf-Krieg, oft habe er sie schon kopiert und verschickt.

Auch die Mächtigen öffnen die Türen. Ullmann durfte im Kanzleramt vorsprechen. Weiß traf mit dem Außenminister zusammen, mehrfach schon ließ die Bundestagspräsidentin bitten. Frau Wollenberger erhielt vom Parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium Willy Wimmer bei einem Frühstück ein Privatissimum über ihre Rechte als Mitglied des Verteidigungsausschusses.

Von Innenminister Wolfgang Schäuble bekam Ingrid Köppe eine Einladung, »als Denkhilfe« für den Umgang mit der Stasi-Vergangenheit, wie sie spöttisch meint. Klaus Feige wartet schon ein wenig ängstlich auf das Gespräch mit dem Umweltminister. »Worüber soll ich mit Töpfer reden«, fragt er ratlos, »bei den grundsätzlichen Differenzen?«

Überall Wohlwollen, aber den Bedachten ist nicht wohl dabei. Nur zu genau merken sie, daß sich hinter schönen Worten und Gesten harte politische Gegnerschaft verbirgt. Zäh müssen sie _(* Schulz, Feige, Wollenberger, Poppe, ) _(Schenk, Weiß, Köppe, Ullmann. ) als kleine Gruppe ohne Status einer Fraktion um parlamentarische Rechte kämpfen. Mühsam verschafften sie sich Zugang zu den Besprechungen der Obleute in den Ausschüssen. Von den Beratungen im Parlamentarischen Geheimdienst-Gremium sind die Opfer des Stasi-Staates ausgeschlossen. Und zugleich ist ihnen klar, daß sie trotz großer politischer Gegensätze »als Feigenblatt« (Feige) eine Vorzugsbehandlung genießen. Als Kräfte des Herbstes werden sie hofiert, aber »das Schulterklopfen«, so Poppe, »hinterläßt zwiespältige Gefühle«. Sobald es zur Sache geht, bleibt von der Freundlichkeit wenig übrig.

Es sind die Erlebnisse im Parlament, die auf die Neulinge ernüchternd oder enttäuschend wirken. Für Freiheit und Demokratie waren sie auf die Straße gegangen. Nachdem das SED-Regime gefallen ist, hören sie aus dem Munde eines CDU-Redners den für sie schockierenden Satz: »Wir wollen keinen Rückfall in die Demokratie der Straße.«

Ein blamables Bild bietet das Parlament, eigentlich das Kernstück der Demokratie, aus der Sicht der Bürgerrechtler: Entscheidungen stehen längst unverrückbar fest, wenn der Deutsche Bundestag sie diskutiert.

Erstaunt beklagen sie den Zwang zur Einheitsmeinung. »Alle sitzen in ihren Gräben«, so Schulz, sind eingeschnürt in ihr »Parteikorsett«. Viel Zeit geht drauf, obwohl nur wiederholt wird, was längst gesagt ist. Die Acht aber müssen bei der Aufteilung ihrer karg bemessenen Redezeit untereinander um Minuten feilschen, um ihre Position wenigstens einmal rüberzubringen. Für Christina Schenk steht im einstigen Bonner Wasserwerk nur »ein Theaterstück mit verteilten Rollen« auf dem Programm. Ingrid Köppe erinnert das parlamentarische Treiben an einen »Boxring«, wo nur »Schläge« ausgeteilt werden: »An meiner Meinung aber ist keiner interessiert.«

Spricht Schulz, Mitbegründer des Neuen Forums, der Urzelle des DDR-Widerstands, von der »Gefühllosigkeit« der Bonner Politik gegenüber den Bürgern drüben, die mit dem Arbeitsplatz ihre Lebensperspektive verloren haben, ruft einer der Liberalen dazwischen »Unverschämtheit«. Ein Christdemokrat belehrt ihn: »Das sind die Arbeitslosen der SED.«

Beschreibt Feministin Christina Schenk detailliert den »relativ hohen gesellschaftlichen Status« der Frauen in der früheren DDR, tönt es ihr aus den Reihen der Union entgegen: »Lachhaft«, »Märchenstunde«.

Die Gefeierten von damals mußten erkennen, wie rasch »der Lorbeer von gestern welkt« (Weiß). Besonders schwer können es die Kollegen ertragen, wenn die Neulinge ihr abweichendes Bild von der früheren DDR oder auch vom vereinten Deutschland vorzeigen.

Empört verlangte der FDP-Abgeordnete Norbert Eimer, daß Frau Schenk den Begriff »annektiertes Gebiet« zurücknimmt: Das »freigewählte Parlament« dürfe sich »so etwas nicht gefallen lassen«. Die Unbotmäßige weigerte sich: Der Ausdruck, beharrte sie, »entspricht meinen Gefühlen«.

Die Vorschläge der Achter-Truppe über den Umgang mit der Stasi-Vergangenheit seien »das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind«, befand CDU-Mann Johannes Gerster. Der Ost-Grüne Feige sah sich plötzlich in die Nähe derer gerückt, gegen deren Regime er auf die Straße gegangen war: »Sie sind doch derjenige«, hatte der CDU-Abgeordnete Gerhard Pfeffermann scharf beobachtet, »der bei allen Abstimmungen mit der PDS stimmt.«

Sosehr sie auch daran zweifeln, ob die PDS die SED-Vergangenheit abgestreift hat - die stereotype Gleichschaltung widerspricht ihrem demokratischen Empfinden. Wenn eine 30jährige PDS-Abgeordnete für die 40jährige SED-Misere haftbar gemacht wird, erscheint ihnen das einfach dümmlich. Es stört sie aber nicht im geringsten, wenn sie mit Gregor Gysi und seinen Leuten im Urteil übereinstimmen - und im übrigen auch mit vielen Ossis aus den Reihen der übrigen Parteien, die sich oft nicht aus den Hinterbänken hervortrauen.

So fühlt sich nur eine verschwindend kleine Minderheit aufgerufen zu artikulieren, was die meisten beklagen, die mit ihnen aus dem untergegangenen Staat gekommen sind: die Überheblichkeit, Selbstgerechtigkeit und Arroganz derer, die schon im Westen waren.

Sie alle sehen sich der strengen Forderung ausgesetzt, die einfach heißt: Paßt euch an. Alles soll in der vergrößerten Bundesrepublik weiter so laufen wie in der alten. Selbst der sonst so verständnisvolle Ullmann sorgt sich wegen der »Verständigungsschwierigkeiten«; er hat ein »Gefühl der Verletztheit« bemerkt und fürchtet eine »falsche Art der Vergangenheitsbewältigung«. Ullmann warnt: »Das Konzept der Vereinigung läuft nicht gut.«

Nach dem verbreiteten Eindruck der Neuen exportieren die Westler ihr Modell Bundesrepublik mit allen Gesetzen, Verordnungen und Verwerfungen, so Weiß, »wie die einstigen Kolonialherren«. »Die große Chance einer Synthese der beiderseitigen Erfahrungen« wurde zum Leidwesen von Poppe nicht genutzt. Und Christina Schenk: »So falsch, wie wir hier im Westen leben, kann das nicht die ganze Welt übernehmen.«

Keiner von den Newcomern wünscht sich die alten Zeiten der DDR zurück. Aber Schulz immerhin fühlte sich dort »nicht nur bespitzelt, sondern auch sozial aufgehoben«. Und viele Bürgerrechtler hätten doch gerne die Chance gehabt, einen eigenen Weg auszuprobieren, einen »alternativen Sozialismus«, der mit dem alten Staat der Stalinisten nicht das geringste gemeinhaben sollte.

Nostalgisch denken sie zurück an die kurzen aufregenden Zeiten, als SED-Machthaber und ihre einstigen Gefangenen gemeinsam an Runden Tischen nach Lösungen suchten und Dörfer, Städte und das ganze Land regierten. Von einer »Kreativität aus dem Nichts« schwärmt Poppe im Nachhinein. Auch die Volkskammer erscheint den Bonner Neulingen jetzt als Ort lebendiger parlamentarischer Demokratie, die versteinerten Verhältnisse im Bonner Parteiensystem hingegen als eine »Abart« (Köppe).

Nach den ersten Monaten breitet sich bei denen, die hoffnungsvoll nach Bonn gekommen waren, neben Mißmut auch Resignation aus. Da ihre praktischen Erfahrungen und politischen Vorstellungen nicht gefragt sind, erst recht nicht die Erinnerung daran, was sie 1989 auf der Straße wollten, denkt mancher bereits darüber nach, ob das Verhältnis von Aufwand und Nutzen stimmt.

Die Bilanz der Bonner Grünen nach acht Jahren im Bundestag erscheint den Bündnis-Leuten aus dem Osten jedenfalls zu dürftig. Drei Anträge der Westgrünen, so fanden die Ossis heraus, kamen durch: zu den Themen Tibet, Folter in der Türkei und Meeresschildkröten. o

* Schulz, Feige, Wollenberger, Poppe, Schenk, Weiß, Köppe, Ullmann.

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