Wie Mutter will - DER SPIEGEL
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CO-PRODUKTION Wie Mutter will

• aus DER SPIEGEL 29/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fast jede Geste schien zu sagen: wir brauchen eure Hilfe, nicht nur als Handelspartner, vielmehr noch als Menschen« - so wollen, einer emphatischen Verlautbarung im Pressedienst der Westberliner Filmfirma CCC zufolge, einige deutsche Filmleute die Gefühle ihrer polnischen Kollegen verstanden haben.

Einige Monate nach der Zusammenarbeit polnischer und deutscher Filmmenschen ist freilich noch immer nicht heraus, wer wessen Hilfe brauchen wird. Das Resultat gemeinsamer polnisch-deutscher Bemühungen, der von der Polski-Film Warschau und der Westberliner CCC in Co-Produktion hergestellte Film »Der achte Wochentag«, konnte bisher weder in Polen noch in der Bundesrepublik noch irgendwo sonst vor der Öffentlichkeit gezeigt werden.

Der Film erzählt die Geschichte eines Studenten-Liebespaares, für das in der neuen sozialistischen Gesellschaft im wörtlichen Sinn »kein Platz« ist. Die katastrophale Wohnungsnot in Warschau gibt den beiden keine Chance, irgendwann für ein paar Stunden miteinander allein zu sein. Denn der angehende Architekt Piotr (Zbigniew Cybulski) wohnt, nachdem sein Studentenzimmer bei einem Ruinen-Einsturz zerstört wurde, in einem Studenten-Heim, während die Philosophie-Kandidatin Agnieska (Sonja Ziemann) bei ihren. Eltern (Bum Krüger und Ilse Steppat) in einer mit Untermietern vollgestopften Altstadt-Wohnung in einem Verschlag unter der Treppe haust.

Die junge Liebe droht in dem Augenblick zu scheitern, als ein Journalist auftaucht, der eine eigene Wohnung besitzt, Agnes zu sich lädt und sie ohne Zögern verführt. Der Film endet damit, daß Agnes ihrem Piotr das Abenteuer eingesteht. Piotr wendet sich von ihr, und Agnes läuft hinter dem verzweifelten Piotr her. Ob sich beide aussöhnen werden, bleibt offen. Der Filmtitel will sagen, daß es in der sozialistischen Gesellschaft für ein individuelles Glück bestenfalls an einem »achten Wochentag« Platz geben könnte, an einem Tag also, der nur in den Träumen der Menschen existiert und seit langem vornehmlich in der russischen Literatur für unerfüllbare Wünsche sprichwörtlich ist.

Der Text zu diesem zeitkritisch-pessimistischen Film stammt von Marek Hlasko, einem »zornigen jungen Mann« der polnischen Literatur, der auf solche Weise Kritik an den »sozialistischen Errungenschaften« des kommunistischen Polen üben möchte. Autor Hlasko, ehemaliger Literatur-Redakteur der inzwischen verbotenen Studenten-Zeitschrift »Po Prostu« und Mitgründer der - wie er sagt »noch vor ihrem Erscheinen meuchlings niedergemachten« - Zeitschrift »Europa«, ist ehemaliger Hausdiener, Taxichauffeur und Mechaniker. Bereits seine ersten Erzählungen - für den Novellenband »Der erste Schritt in die Wolken« erhielt er 1957 den polnischen Verlegerpreis - haben ihn den Partei-Instanzen suspekt gemacht. Im Zeichen des polnischen Oktober-Frühlings fand Hlasko dann aber Beschäftigung als Filmautor. Der 25jährige Schriftsteller durfte unter anderem mit dem Regisseur Aleksan der Ford die Verfilmung seiner Erzählung »Der achte Wochentag« vorbereiten. Inzwischen verfilmte außerdem der Regisseur Petelski Hlaskos Roman »Idioten leben im Himmel«.

Bei einer Studienreise in den Westen, die Hlasko von Tantieme-Vorschüssen westlicher Verlage finanzierte - einige seiner Bücher werden nächstens in England, Frankreich, den Vereinigten Staaten und in Deutschland erscheinen -, verdarb sich der junge polnische Schriftsteller aber wieder die Chance, von der Partei geduldet zu werden. In Paris nämlich gab Hlasko verärgert durch den scharfen, nur mit einem Pseudonym gezeichneten Angriff der parteiamtlichen »Trybuna Ludu«, die ihn als »Schüler Orwells, der den humanistischen Sinn des Sozialismus leugnet«, bezeichnete - der Wochenschrift »L'Express« ein Interview, das wegen seiner Offenheit nicht nur in Warschau beträchtliches Aufsehen erregte.

»Ich bin nicht von oben gekommen«, meditierte Hlasko. »Mit 13 Jahren fing ich an zu arbeiten. Ich habe alles mögliche getan: war Hausknecht in einer Nachtbar, dann sechs Jahre lang Taxichauffeur, schließlich Mechaniker. Ich habe also ganz unten angefangen. Und als ich schließlich zu schreiben begann, hatte ich schon so viel gesehen und erlebt, daß es für mich völlig ausgeschlossen war, die Wahrheiten der Behörden zu glauben...

»Wenn ich sagen würde, daß es der schönste Traum des Arbeiters ist, sich zu besaufen, um sich zwei Stunden lang zu vergessen, völlig zu vergessen, Sie würden es mir nicht glauben. Und doch ist es wahr. Das Elend des Menschen, der in einem totalitären Lande lebt, ist eben das dauernde Gefühl, sich selber fremd und lächerlich zu finden.«

Auf die Frage, was er unter »totalitär« verstünde, entgegnete Hlasko: »Für mich ist alles totalitär, was ohne Skrupel in der Methode die Verwirklichung einer Ideologie anstrebt.«

-'Trotz dieser Kritik an der polnischen Gegenwart äußerte Hlasko allerdings nicht die Absicht, im Westen zu bleiben. In einem stolzen Brief an das polnische Blatt »Trybuna Ludu« bekundete er seine feste Absicht, nach Polen zurückzukehren: »Ein Schriftsteller ist nichts ohne sein Vaterland, und gerade Polen ist für einen Schriftsteller ein außerordentlich interessantes Land ... Im übrigen«, so resignierte Hlasko, »bin ich dort nun einmal geboren und aufgewachsen ...

Immerhin genügten Hlaskos Ketzereien dem polnischen Parteichef Gomulka, die Aufführung des Films in Polen zu verbieten. Auch beim Festival in Cannes wurde der Film wieder zurückgezogen; die Polen verzichteten darauf, sich bei dem Riviera-Filmfest einen der Preise zu verdienen, für die »Der achte Wochentag« ein sicherer Anwärter war. Die Regie nämlich hatte Aleksander Ford übernommen, einer der besten osteuropäischen Filmregisseure, dem es denn auch gelungen war, dem Schwarzwaldmädel Sonja Ziemann eine nennenswerte schauspielerische Leistung abzutrotzen. Sonja Ziemann: »Mit dieser Rolle muß ich mir ein ganz neues Publikum erobern.«

Der polnische Regisseur und »Staatspreisträger« Aleksander Ford hat allerdings einige Erfahrungen im Umgang mit Zensoren und hofft, das Verbot seines Films rückgängig machen zu können. Sowohl sein erster Nachkriegs-Film »Die Grenzstraße« (er wurde 1948 in Venedig mit der Goldmedaille des italienischen Ministerrats ausgezeichnet) wie auch der 1953 gedrehte Film »Die Fünf aus der Barskastraße« (er erhielt 1954 in Cannes einen Regiepreis) waren nach ihrer Fertigstellung zunächst verboten worden. Beide Filme wurden aber schließlich ohne nachträgliche Änderungen dem polnischen Publikum zugänglich gemacht.

Aus taktischen Erwägungen hat sich Ford bisher denn auch hartnäckig geweigert, seinen Film intern vor polnischen Kritikern zu zeigen und zur Diskussion zu stellen. Er ist der Ansicht, daß es wenig nützt, wenn Leute den Film kennen, »die doch so schreiben, wie die 'Mutter' es will!«

Ob »Der achte Wochentag« in der Bundesrepublik gezeigt werden kann, hängt nun von der Filmselbstkontrolle (FSK) ab, die freilich nach Ansicht einiger westdeutscher Kritiker, die den Film bisher gesehen haben - möglicherweise an einigen recht realistischen Liebesdialogen Anstoß nehmen könnte.

Vom Frankfurter Bundesamt für gewerbliche Wirtschaft hat der CCCChef Artur Brauner inzwischen den Bescheid erhalten, daß es nicht gestattet werden könne, den Film in Deutschland als »deutsch-polnische Gemeinschaftsproduktion« zu bezeichnen, da die Bundesrepublik zu Polen keine diplomatischen Beziehungen unterhalte und auch mit

Polen keine Wirtschafts- und Handelsverträge abgeschlossen habe.

Auf dieser Bezeichnung jedoch hatte die Polski-Film Warschau zunächst bestanden, denn sie hat die künstlerische und finanzielle Hauptlast des Films (etwa 7 Millionen Zloty = offiziell 7,35 Millionen Mark) getragen, während die CCC nur drei Schauspieler (außer der Ziemann Ilse Steppat und Bum Krüger), die Gagen für die Musikaufnahmen - es spielt das Rias-Tanzorchester -, die deutsche Synchronisation und das Farb-Negativ-Material beigesteuert hat.

Das Frankfurter Bundesamt für gewerbliche Wirtschaft teilte dem CCC-Chef Brauner aber mit, es habe keine Bedenken, wenn »Der achte Wochentag« in der Bundesrepublik als »deutscher Film mit polnischem Beitrag« bezeichnet werde.

Filmautor Hlasko

Schon verboten

Filmszene aus »Der achte Wochentag": Noch nicht erlaubt

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