GROSSBRITANNIEN Wie Winston
Es war ein unangenehmer Job, der am 11. September auf Tony Blair gewartet hatte. Auf dem Jahreskongress des Gewerkschaftsdachverbands in Brighton sollte der Premierminister seine Sanierungs- und Privatisierungspläne für den Öffentlichen Dienst vorstellen. Der Chef der Labour Party musste fürchten, von verbitterten Gewerkschaftern ausgebuht zu werden.
Doch dann kam alles ganz anders. Als Blair von der Attacke auf die USA erfuhr, sagte er seine Rede ab. Der Terrorismus, erklärte er sichtlich erschüttert, »ist das neue Böse in unserer heutigen Welt«. Dann eilte der Premier zurück nach London, wo er seine engsten Mitarbeiter zum Krisenstab zusammentrommelte.
Ohne Ideen und Kraft war Blair nach seiner triumphalen Wiederwahl im Juni erschienen. Nach vier Jahren, so sah es aus, hatte den erst 48 Jahre alten Premier der Elan verlassen. Doch der Eindruck war falsch. Seit das World Trade Center in Schutt und Asche gesunken ist, fühlt sich Blair ganz in seinem Element.
Der gelernte Anwalt gehört zu jenem seltenen Typus von Politikern, die - wenn sie von einer Sache wirklich überzeugt sind - auch sehr überzeugend wirken. Meisterhaft kann Blair mit einem martialischen Ton in der Stimme den Terrorismus geißeln und dessen Opfer beklagen. Wie ein charismatischer Feldgeistlicher führt er die Seinen in den Krieg gegen das Böse.
Im Gegensatz zu Jacques Chirac und anderen europäischen Staatsmännern übernahm der Brite sofort die kriegerische US-Terminologie. Mit offenem Jeanshemd und schwarzer Bomberjacke erklärte Blair vor der Tür von Downing Street Nr. 10: »We are at war.« Im Unterhaus, dessen Abgeordnete er zu einer Sondersitzung aus der Sommerpause holte, verkündete er: »Wir Briten sind Leute, die in den Zeiten von Not, Anfechtung und Tragödie unseren Freunden beistehen.«
Blair beließ es nicht bei Solidaritätsbekundungen. Innerhalb von fünf Tagen versuchte er, 27 Staats- und Regierungschefs - von Chinas Jiang Zemin bis Irans Mohammed Chatami - für die Anti-Terror-Allianz zu gewinnen. Sechs afrikanische Präsidenten mussten bei einem lange zuvor geplanten gemeinsamen Besuch in London gleich eine Solidaritätsresolution für die USA unterzeichnen.
Innerhalb von zweieinhalb Tagen flog Blair nach Berlin, Paris, New York, Washington und Brüssel, um den Amerikanern dabei zu helfen, ein breites Bündnis zu schmieden. Zumindest in Washington wurde sein Einsatz gewürdigt. Er durfte neben Laura Bush in der Ehrenloge des Kongresses sitzen, als deren Gatte George zu Senatoren und Abgeordneten sprach. »Amerika hat keinen wahreren Freund als Großbritannien«, verkündete der Präsident - und an den gerührten Premier gewandt: »Thank you for coming, friend.«
Während der Premier bei innenpolitischen Themen wie der Einführung des Euro übervorsichtig und ängstlich agiert, scheint sich der praktizierende Katholik Blair zu verwandeln, sobald eine schwierige außenpolitische Herausforderung, etwa
ein militärischer Einsatz, in Sicht ist. Entschlossen, ernst und zupackend tritt er dann auf einmal auf.
Bereits während des Kosovo-Kriegs hatte sich Blair - früher wegen seiner Konstitution und seines Dauerlächelns gern »Bambi« genannt - zum Falken gemausert. Sein Kriegseifer gefiel dem konservativen Wochenblatt »Spectator« derartig, dass es Blair als »jungen Churchill« feierte.
Wie schon beim Kampf gegen den Belgrader Despoten Slobodan Milosevic ist auch jetzt die rechte Presse besonders vom Premier begeistert. Die »Daily Mail« bejubelt die »neue, mächtige Freundschaft« zwischen Blair und Bush; die »Sun« lobt, Blair mache »einen großartigen Job«. Auch in Meinungsumfragen haben mehr als drei Viertel der Befragten ihre Zustimmung zu Blairs Politik ausgedrückt.
73 Prozent der Briten wollen eigene Soldaten an den Hindukusch schicken. Solche Einmütigkeit beweist wieder einmal, dass das Inselreich, das zuletzt 1066 von fremden Truppen erobert wurde, im Gegensatz zu seinen Partnern auf dem Kontinent ein resolutes Verhältnis zum Krieg pflegt. Nach wie vor gilt der Kampf gegen Hitler als Britanniens »finest hour« - bevor es dann mit England und dem Empire endgültig bergab ging.
Dem Premierminister ermöglichen die dramatischen Ereignisse der letzten drei Wochen eine willkommene Ablenkung vom öden Alltag mit seinen entgleisenden Eisenbahnen, der noch immer wütenden Maul- und Klauenseuche, den maroden Krankenhäusern und Schulen. Den Labour-Parteitag in dieser Woche, auf dem ein Aufstand der Linken drohte, hat er um drei auf zwei Tage verkürzt.
Dafür wird der Premierminister - auf dem Rückweg von Australien - die in Oman stationierten britischen Truppen besuchen und anfeuern. Seine neue Marathontour auf die andere Seite der Erde macht Tony Blair angeblich nichts aus.
Ihr tapferer Premier sei, so erzählen Mitarbeiter stolz, ganz wie Winston Churchill. Er könne, wenn nötig, überall sofort einschlafen. MICHAEL SONTHEIMER
* Am 20. September im US-Kongress mit Präsidentengattin LauraBush und Pennsylvania-Gouverneur Tom Ridge (l.).