Wieder nicht dazugelernt
Nr. 34/2002, Titel: Die Sommer-Sintflut - Wenn Flüsse im Wasser ertrinken. Umwelt / Klima / Katastrophen
»Jahrhunderthochwasser!«, meine Güte, lasst diesem Jahrhundert doch noch die 97 Jahre Zeit, die es noch hat ...
BERLIN ULLRICH MALCKE
Schönen Gruß an Mister Bush! Die so genannte zivilisierte Welt ist jetzt einer weiteren, möglicherweise noch größeren Gefahr als dem Terrorismus ausgesetzt. Dieses Problem ist gravierender, weil hausgemacht: Der Feind, die »Achse des Bösen« sind wir selbst, unsere eigenen Fehler. Mit den nationalen Interessen der USA war das Kyoto-Abkommen nicht zu vereinbaren. Es wird Zeit, die nationalen Scheuklappen endlich abzunehmen, denn es müssen Maßnahmen ergriffen werden, die weit über Kyoto hinausgehen.
ELFERSHAUSEN (BAYERN) RALF HOLZINGER
Natürlich wäre es schön, wenn unsere Flüsse nicht so kanalisiert wären. Doch hat der zurzeit viel kritisierte Ausbau der Flüsse nur einen sehr geringen Einfluss auf die Hochwasserspitzen. Denn obwohl die Flüsse in Sachsen und in Tschechien das ihnen zugewiesene Kanalbett ignorierten, sich um kaum einen Deich scherten und weithin nach beiden Seiten ihre natürlichen Überschwemmungsgebiete überfluteten, minderte dies die Flut kaum ab; nein, selbst 200 Kilometer flussabwärts, wo die Elbe auf Grund der zufließenden Nebenflüsse schon eine erheblich höhere Leistungsfähigkeit hat, waren die Folgen fatal.
CLAUSTHAL-ZELLERFELD JUSTUS TEICKE
Bei den laufenden wasserbaulichen Maßnahmen entlang der Elbe handelt es sich gerade nicht um einen Generalausbau. Es werden größtenteils im Rahmen von Unterhaltungsmaßnahmen die schon lange vorhandenen, aber nicht unterhaltenen Buhnen und Leitwerke wiederhergestellt. Die Buhnen haben vorrangig den Zweck, den Wasserstand bei geringen Abflüssen zu erhöhen und durch Konzentration auf die Fahrrinnenmitte bessere Fahrverhältnisse zu erreichen. Bei höherer Wasserführung oder gar bei Hochwassern wird die Fließgeschwindigkeit nicht nennenswert erhöht, die Buhnen werden überflutet und lassen dem Fluss seinen freien Lauf.
BRAUNSCHWEIG WOLFGANG DUFFNER
Naturbelassenheit in Ehren, doch Wien ist mit schöner Regelmäßigkeit von der Donau unter Wasser gesetzt worden - auch zu Zeiten, als diese noch naturbelassen war! Tatsächlich hat die umsichtige und vorausschauende Regulierung der Donau in den siebziger Jahren bewirkt, dass Wien von diesem Hochwasser fast überhaupt keine (!) Schäden abbekommen hat.
WIEN ZACHARIAS KORSALKA
Es fehlt das Wassereinzugsgebiet-bezogene Denken. Die Flüsse und Auen machen nur circa sieben Prozent der Fläche der Bundesrepublik aus. Sie müssen aber die Niederschläge aus dem gesamten Land aufnehmen. Wichtig ist es, den Flüssen mehr Raum zu geben. Mit der bewilligten Deichrückverlegung in der Lenzener Elbtalaue erfolgte ein Schritt in die richtige Richtung.
BERLIN DR. RENÉ SCHWARTZ INST. F. GEWÄSSERÖKOLOGIE U. BINNENFISCHEREI
Die Geldgeber der Grundlagenforschung sollten großzügiger bei der Bewilligung einschlägiger Forschungsprojekte über historische Hochwasserereignisse verfahren. Die Kosten für eine derartige Vorsorgeforschung dürften lächerlich gering sein gegenüber den Schäden, die die abgelaufene Flut verursacht hat.
LEIPZIG DR. WILFRIED RICHTER
Länder und Kommunen sollten geplante, aber noch nicht begonnene Bauvorhaben und Prestigeobjekte, die sich aus demselben Topf an Bundesgeldern nähren wie die Zuschüsse für den dringend benötigten Wiederaufbau und die Wiederherstellung der verkehrlichen Infrastruktur in den Hochwassergebieten, zurückstellen. Für Egoismen ist angesichts der Not in den Überschwemmungsgebieten kein Platz, denn es steht außer Frage, dass die Gelder in Dresden, Grimma oder Wittenberg dringender benötigt werden.
KARLSRUHE JUERGEN R. WENZEL
Regierung, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften sollten sich zusammensetzen im Rahmen »Bündnis für Arbeit« und die Tarifautonomie außer Kraft setzen und alle arbeitswilligen Kräfte zu Entgelten tätig werden lassen, die die Geschädigten in der Lage und willens sind zu bezahlen. Das heißt, jeder, der arbeiten will, kann arbeiten. Die Baupreise, Materialpreise, Nebenkosten werden massiv sinken. Der Euro wird an Kaufkraft erheblich gewinnen und sowohl innerdeutsch als auch im Export preiswerte Angebote ermöglichen. Die Gesamtwirtschaft wird unter dem Zwang der Not zur Preis- und Kaufkraftnormalität zurückfinden. Die angerichteten Schäden werden schnell und preiswert behoben sein.
HILDESHEIM PROF. PAUL LOTHAR MÜLLER
Anstatt dass im Osten beim eigenen Haus in mehr Sicherheit investiert wurde, stieg man erst mal vom Trabi auf den BMW um. Sehr eilig hatte man es auch damit, sofort den Gardasee oder Mallorca zu bevölkern. Jetzt wird gejammert, um Spenden gebeten, Staat und EU angebettelt. Der Steuerzahler wird's schon richten, speziell im Westen.
KARLSRUHE WERNER BAHM
Bisher fehlte allen Anwohnern an Elbe und Mulde die Phantasie, dass ein Sommerregen eine solch zerstörende Flut auslösen kann. Sicher fehlt denjenigen Unionspolitikern, die jetzt zum Klimaschutz den Neubau von Atomkraftwerken vorschlagen, weiterhin die Phantasie, dass mehrere Sicherheitssysteme gleichzeitig ausfallen können. Wieder nicht dazugelernt.
DRESDEN STEFFEN BRAUN
Wieder einmal bedarf es einer Katastrophe, aber nicht irgendwo in Mosambik oder Bangladesch, sondern bei uns, damit Umweltschutz ein Thema wird. Wieder einmal setzt eine große Hilfsaktion ein, aber nicht etwa auch für die viel mehr betroffenen Menschen in Ostindien oder Bangladesch, in Tschechien oder Südrussland, sondern nur für die eigenen Landsleute. Sollen die anderswo sich doch selber helfen, oder? Spendenkonten werden genannt, aber sie gelten nur für die heimischen Flutopfer.
BAD CAMBERG (HESSEN) WOLFGANG FLADUNG
Sicher kennt jeder den einen oder anderen, welcher in Dresden oder in Wittenberg direkt an der Elbe wohnt und schon immer mit dem wunderbaren und unbezahlbaren Blick auf den Strom geschwärmt und bei Fragen nach Hochwasser mit der Hand abgewinkt hat: »Es wird schon nicht so schlimm.« Oft wurde nicht einmal der Versuch unternommen, eine Hochwasserversicherung abzuschließen. Und jetzt sollen wir alle für diese Unvernünftigkeit aufkommen?
MÖHLAU (SACHSEN-ANHALT) RALF SCHMIDT
Zweifellos ist jetzt die Zeit solidarischer Hilfe. Helfen wir denen rasch, die unserer Hilfe bedürfen, und hüten wir uns vor denen, für die das Leid dieser Menschen in Wahrheit zweitrangig ist. Schnell schwindet auch die Sorge der Menschen, wenn ein paar Jahre nichts passiert. Das ist ein Problem, weil Hochwasserschutz weit über eine Wahlperiode hinaus angelegt sein muss. Die nächste Flut kommt bestimmt.
ELLERAU (SCHLESW.-HOLST.) PETER GROTH
Sie schreiben, die Münchener Rückversicherung habe eine alarmierende Karte veröffentlicht, aus der hervorgehen würde, in welchen Regionen Mitteleuropas künftig verstärkt mit Überschwemmungen, Gewittern oder Stürmen gerechnet werden muss. Dies trifft so nicht zu. Vermutlich beziehen Sie sich auf Karten, die von Dritten auf der Grundlage unserer »Weltkarte der Naturgefahren« erstellt worden sind. Diese Weltkarte geben wir seit 1978 heraus. Sie liegt nun in 3. Auflage und als CD-Rom vor. ln dieser Karte sind keine regional detaillierten Aussagen über die Zunahme der genannten Naturgefahren enthalten. Eine Karte mit solch genauen Prognosen kann mit der notwendigen Verlässlichkeit nach dem derzeitigen Erkenntnisstand in der Klimaforschung nicht seriös erstellt werden.
MÜNCHEN DR. GERHARD BERZ LEITER DES BEREICHS GEORISIKOFORSCHUNG DER MÜNCHENER RÜCK
Nachdem die deutsche Einheit zum Teil über die Rentenversicherung bezahlt wurde, ist es diesmal an der Zeit, den Öffentlichen Dienst ins Boot zu nehmen und die Trockenlegung des Ostens über einen zwangssolidarischen »Gehalts-und Pensionsverzicht« zu finanzieren.
KARLSRUHE ROLAND ZAHN
Angesichts der drohenden Gefahr von Überschwemmungen sollte man alle Jugendlichen zu einem Katastrophenschutzdienst verpflichten, der den heutigen Wehrdienst ablöst.
IBBENBÜREN LUDGER HOPPE
Antonin Artaud hatte Recht, als er schrieb: »Und es ist gerecht, dass sich von Zeit zu Zeit Katastrophen ereignen, die uns bewegen, uns wieder an die Natur zu halten, das heißt, das Leben wiederzufinden.«
FÜRTH (BAYERN) BERND NOACK