China Wilde Ehe
Niemandem hier fiele es ein, den Baulöwen Chen Yuguang als architektonischen Raubritter zu bezeichnen. Er selbst sähe sich am liebsten als die chinesische Ausgabe von Donald Trump.
Die Gebäude, mit denen der frühere Bettler, Rotgardist und Hilfsarbeiter Chinas südlichste Großstadt Haikou verunstaltet, gleichen einer Mischung aus kalifornischem High-Tech-Krematorium, japanischem Love-Hotel und bayerischem Neuschwanstein. Schrill, vulgär, bombastisch, sind sie zweifelsohne ein Anschlag auf den guten Geschmack - den europäischen zumindest. Seinen Landsleuten gefällt es.
Chen, der in Chinas jüngster Sonderwirtschaftszone Hainan Häusermonstren aufeinandertürmt wie Zuckerbäcker ihre Hochzeitstorten, ist der erste Milliardär der Volksrepublik. Auf 1,2 Milliarden Yuan (nach Schwarzmarktkurs etwa 250 Millionen Mark) schätzt er den Wert seiner Aktien und Immobilien. Das Firmenimperium, das der Geschäftsmann vor knapp fünf Jahren gründete, ist heute gar das Doppelte wert.
Solche Erfolgsstorys schreibt in Zeiten weltweiter Rezession nur noch die sozialistische Marktwirtschaft von Deng Xiaoping. Der Unternehmer Chen, 45, gewitzt und gierig nach Reichtum, ist Protagonist einer neuen Elite, die langsam die alten Parteikader verdrängt.
Befreit von den Fesseln der staatskapitalistischen Planwirtschaft, verwandeln sich die einst gleichgeschalteten Volkschinesen in ein Heer von Unternehmern, Händlern und Konsumenten. »Von 1,1 Milliarden Chinesen«, schrieb die Wirtschaftszeitung Jingji Ribao, »machen 900 Millionen Geschäfte.«
Und wie. Im ersten Halbjahr 1993 erhöhte sich das Bruttoinlandsprodukt um 13,9 Prozent, der industrielle Produktionswert um 25 Prozent, das Einkommen der Städter um 27 Prozent - das ist Weltrekord.
Bei diesem Großen Sprung nach vorn wollte Chen immer an der Spitze sein. Geboren wurde er 1948, ein Jahr vor Maos Machtübernahme, in der Hauptstadt der Provinz Sichuan. Seine Schulausbildung beendete er, als er 15 Jahre alt war. Chen versuchte sich als Bauarbeiter, dann wurde er Hilfselektriker. »Die Lampen hier kann ich alle selbst anschließen«, verkündet er stolz am Mahagoni-Schreibtisch seines Büros in Haikou und deutet auf den kristallenen Kronleuchter.
Wie viele Gleichaltrige machte er während der Kulturrevolution bei den Roten Garden mit. Auf dem Höhepunkt der bürgerkriegsähnlichen Wirren 1968 verschlug es ihn nach Peking. Dort erfüllte sich auf dem Tiananmen-Platz ein Traum, er stand Mao gegenüber.
Doch bald verschlang die rote Terrorbewegung der Garden auch ihre Kinder. Als die Führung die Armee rief, weil sie den jugendlichen Aufstand nicht mehr bändigen konnte, mußte Chen ins Gefängnis.
Nach seiner Entlassung wollte er nur noch reich und mächtig werden - ohne die Partei. Chens Aufstieg ist exemplarisch für eine Generation, die Maos ideologischem Wahn ihre Jugend opferte: Als der revolutionäre Spuk vorbei war, flüchtete sie sich in Zynismus und Rücksichtslosigkeit. Statt der von Mao ausgegebenen Parole »Dem Volke dienen« gilt für sie die Aufforderung des Reformers Deng: »Bereichert euch!«
Bald zählte der junge Mann aus Sichuan landesweit zur ersten Welle der »Getihu« - Privathändler, die von der Entbehrung gewohnten Bevölkerung damals noch in einem Atemzug mit Mafia und Haftentlassenen genannt wurden.
Chen, der nicht eindrucksvoller wirkt als ein taiwanesischer Handelsvertreter, kam 1988 mit umgerechnet knapp 200 000 Mark nach Haikou, Provinzhauptstadt der Tropeninsel Hainan. Das frühere Gefangeneneiland mit nur sechs Millionen Einwohnern ist Chinas Dorado: ein Pioniergebiet, wo die Zentrale nichts investiert, aber heute fast alles erlaubt, wo Spieler zu Spekulanten und sozialistische Hasardeure zu kapitalistischen Geldsäcken werden.
Chens erster Firma - der junge Neureiche wollte aus Maniok und Süßkartoffeln Benzinersatz gewinnen - stellten die Behörden den Strom ab. Da beschloß er, mit den Mächtigen zu paktieren.
Die Marine, Hainans größter Grundbesitzer, suchte einen Partner für die Erschließung von mehreren Hektar Brachland an der noch bescheidenen Flugpiste der Stadt. Gegen die Bosse der großen Staatsunternehmen vom Festland schien der Emporkömmling aus Sichuan keine Chance zu haben. Während sie Geld aus Firmen-Schwarzkassen für schnelle Profite auf die Insel pumpten, konnte Chen nur sein vergleichsweise bescheidenes Kapital als Garantiesumme bieten. Doch die Gier der Uniformierten kam ihm zugute.
»Wenn meine Finanzierung in einer Woche nicht steht, gehört das Geld euch«, versprach er und schaffte das Unmögliche. In fünf Tagen hatte er Kredite für 200 Millionen Yuan (nach Schwarzmarktkurs etwa 40 Millionen Mark) zusammen.
Sein Erfolgsrezept ist seitdem das gleiche geblieben, und es erinnert getreu an das Finanzjonglieren, mit dem Donald Trump in den USA einst ein Imperium zusammenraffte: Chen verspricht seinen Geldgebern Gewinne von 30 bis 50 Prozent - manchmal schon nach einem halben Jahr. Bisher ging das gut, denn seit die Pekinger Führung Hainan 1988 als Chinas fünfte Sonderwirtschaftszone auswies, erlebt die Kokosnußinsel den größten Immobilienboom in der Geschichte der Volksrepublik.
Die Spar- und Kontrollmaßnahmen, mit denen Vizepremier Zhu Rongji seit Juli versucht, der Spekulation Einhalt zu gebieten, konnten die Korruption und den Run aufs schnelle Geld nicht stoppen.
Chen wußte stets, was seine Landsleute wollten - zumindest jene, die wie er durch Dengs Reformkurs reich wurden: Luxus, Glimmer, Glanz und Kitsch, eben alles, was unter Mao als westliche Dekadenz gebrandmarkt war. Deshalb baut er Villenviertel und Apartmenthäuser wie aus amerikanischen Seifenopern. Fünf Jahre nach seiner Ankunft auf der Tropeninsel besitzt er Chinas größtes Immobilienimperium; aus den Spekulationsgewinnen kaufte er einen Mischkonzern zusammen - von Elektronik bis zu Trockenfrüchten.
»Davon habe ich geträumt«, sagt er, wenn er im Dachgarten seines 15stöckigen Firmenhauptquartiers herumstolziert. Damit meint er weniger das Kapital, das in diesem Umfang bisher kein Privatmann im offiziell noch sozialistischen China anhäufte. Nein, er meint sein »Superhaus": »Wir hatten uns lange überlegt, ob wir es außen rosa, blau oder grün fliesen sollten«, sagt er. Jetzt ist es weiß.
Zwischen Erkern und Türmchen hat sich der Chef eine Joggingpiste herrichten lassen. Die Tennishalle, »vollklimatisiert natürlich«, umrahmt eine hölzerne Balustrade. Ein früherer Nationalspieler steht als Trainer zur Verfügung.
Die Manager von Chens Erschließungsgesellschaft »Xin Nengyuan« ("Neue Ressourcen"), durchweg junge Leute aus Sichuan, können sich in einem Swimming-pool erquicken. Abends suchen sie Entspannung vor einer Großleinwand in der Karaoke-Bar; im Nachtklub werden Modenschauen geboten.
Die Wohnungen in dem Apartmenthaus sind an Neureiche aus ganz China verkauft, das Stück bis zu einer Million Mark. Die Rendite für Chen betrug mehrere hundert Prozent. »Jüngst führte ich einen hohen Militär durch die Apartments«, erzählt der Unternehmer vergnügt. »Ich sah ihm an, wie schockiert er war. Doch ich wollte ihm zeigen, wo es langgeht in unserem Land.«
Lange schon ist Chen gut Freund mit der Parteielite - der in Hainan sowieso, aber auch der in Peking. »Im Politbüro mag man mich«, weiß er. Mit Politbüromitglied Li Ruihuan spielt er gelegentlich Tennis.
Hinter Pekings Zhongnanhai, dem Sitz der Partei- und Staatsführung, hat der Kapitalist den Genossen einen Tennisplatz gebaut. Für den allchinesischen Behindertenverband, geleitet von Deng Xiaopings Sohn Deng Pufang, spendete er ein Aktienpaket im Wert von einer Million Yuan sowie Bares in Höhe von 3,5 Millionen.
Der ganz große Durchbruch kam für Chen, als seine Firma als erstes Unternehmen von Hainan an der Börse der Sonderwirtschaftszone Shenzhen notiert wurde. In wenigen Tagen vervierfachte sich ihr Wert. Aus der Klasse der chinesischen Multimillionäre stieg Chen damals zu Chinas erstem Milliardär auf.
Der größte Wunsch des frisch gewählten Vorsitzenden des Hainaner Unternehmerverbandes ist derzeit ein eigenes Flugzeug. »Noch immer ist Chinas Wirtschaft zu ineffizient, oft sitze ich tagelang einfach in Hainan fest«, klagt er. Doch die KP will ihm soviel Bewegungsfreiheit vorerst nicht gönnen.
Als freier Unternehmer kann Chen es sich leisten, auch kritisch über die Partei zu reden, die ihn reich werden ließ. »Wenn die Partei Fortschritte bringt, wird sie an der Macht bleiben«, vermerkt er. »Aber wir können auch viel von Taiwans Erfolg lernen.«
Seine Vision, aus der Firma »Neue Ressourcen« bald Chinas ersten privaten Multi zu machen, rückt allmählich der Wirklichkeit näher. In Hainan wächst gerade ein 30 Stockwerke hohes Fünf-Sterne-Hotel in den Tropenhimmel - ein Joint-venture zwischen »Neue Ressourcen Hainan« und einem Ableger in Singapur. Weitere Dependancen der Privatfirma sollen bald in anderen Ländern folgen.
»So richtig legal ist das alles noch nicht«, gibt der Milliardär zu. Denn letztlich sei der KP ein derart potenter Privatunternehmer noch nicht geheuer. »Solange das ZK noch kein Dokument zu Chinas privaten Multis verabschiedet hat, leben wir in einer wilden Ehe«, sagt seine PR-Managerin. »Aber irgendwann wird es einen Trauschein geben.« Y
»Wenn die Partei Fortschritte bringt, bleibt sie an der Macht«
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_188_ Sonderwirtschaftszonen in China
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