Wilde Wasser - DER SPIEGEL
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INDIEN Wilde Wasser

Eine Regierung, die funktioniert, hatte Indira Gandhi ihrem Volk vor einem Jahr versprochen, doch es funktioniert fast nichts. Ihre Gegner halten das Jahr 1980 für »das düsterste seit der Unabhängigkeit«.
• aus DER SPIEGEL 7/1981
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Nur eine Millon von 660 Millionen Indern haben einen Fernsehapparat. So ist das Volk auf Photos angewiesen, will es sich ein Bild machen von dem Befinden seiner Herrscher.

Strahlend und vital sah das Volk seine Regierungschefin Indira Gandhi, 63, zu Beginn des Jahres 1980 nach ihrem triumphalen politischen Comeback; niedergeschmettert, wie betäubt, im Sommer, nach dem Unfalltod ihres Sohnes und Kronprinzen Sandschaj.

Finster entschlossen blickte Frau Gandhi im Herbst drein, als sie Gesetzesmaßnahmen verkündete, die manchen an ihre Diktatorenphase 1975/77 gemahnten. Aggressiv, arrogant, ganz die alte -- so tritt sie in diesen Tagen gegen jene auf, die an ihrer einjährigen Regierungsbilanz zu mäkeln wagen.

Ihr Versagen vorzuwerfen, so Indira Gandhi, das sei, »wie wenn Nichtschwimmer jene kritisieren, die sich ihre Bahn durch Wildwasser kämpfen«.

Die kühne Schwimmerin hat so gut wie keines ihrer Wahlversprechen auch nur annähernd einlösen können. Für Schri Mulgaokar, Chefredakteur beim größten indischen Pressekonzern »Express Group of Newspapers«, war das Jahr 1980 gar »ganz ohne Frage das düsterste seit der Unabhängigkeit«. Es war das 34. Jahr der Selbständigkeit Indiens, das 13. Regierungsjahr Indiras, das 30. der Nehru-Gandhi-Dynastie. In diesem Jahr versprach die Nehru-Tochter, die Kriminalität unter Kontrolle zu bekommen, religiöse Massaker und separatistische Flächenbrände zu stoppen, das Chaos an der Wirtschaftsfront zu bekämpfen und für stabile Preise zu sorgen.

Vor allem aber wollte sie den Indern bescheren, was sie unter der Herrschaft der aus Rechten wie Linken zusammengewürfelten Dschanata-Koalition in den drei vorangegangenen Jahren so schmerzlich entbehrt hatten: »Eine Regierung, die funktioniert.«

Die Wirtschaftslage Indiens ist, abgesehen von einer neuerlichen Rekordernte, trübe:

* Fast die Hälfte aller Betriebe mit Staatsbeteiligung wirtschaftet in den roten Zahlen. Die großen staatlichen Stahlwerke etwa arbeiten -teils wegen Unterproduktion heimischer Kohlebergwerke -- mit nur 50 oder 60 Prozent ihrer Kapazität.

* Zum Ende des Wirtschaftsjahres am 31. März wird mit dem für ein Entwicklungsland gewaltigen Handelsbilanzdefizit S.142 in Höhe von zehn Milliarden Mark gerechnet.

* Wenngleich die Inflation laut Statistik von 21 auf gut 12 Prozent fiel, stiegen doch die Preise für etliche Grundnahrungsmittel um bis zu 33 Prozent.

* Die geschätzte Zahl der Arbeitslosen liegt bei 60 Millionen, die der Unterbeschäftigten weit höher; 310 Millionen Menschen, fast die Hälfte aller Inder, leben unterhalb der Armutsgrenze, die mit 60 Pfennig pro Tag festgelegt ist.

Angst um Arbeits- und Studienplätze ist eine der Ursachen der seit über einem Jahr anhaltenden Streiks und blutigen Unruhen in dem nordöstlichen Teestaat Assam, wo die einheimische Bevölkerung die Ausweisung von über vier Millionen Zugewanderten, meist bengalischen Moslems, erzwingen will (SPIEGEL 23/1980).

Die Führung in Delhi weiß schon lange keinen anderen Ausweg mehr, als reguläre Truppen oder paramilitärische Einheiten gegen aufständische Zivilisten einzusetzen. So geschehen in Assam, in Nagaland, Misoram und Tripura, wo separatistische Ideen zunehmend Anhänger finden, so geschehen zur Beendigung von Massakern zwischen Hindus und Moslems in Moradabad, wo seit dem vorigen August 180 Menschen ums Leben kamen, in Allahabad und Delhi.

In einem vertraulichen Bericht an seinen Außenminister spekulierte der australische Botschafter in Delhi, Gordon Upton, bereits über einen möglichen Coup der indischen Militärs, weil Indira Gandhi mit den inneren Problemen des Landes nicht fertig werde. Ähnliche Befürchtungen äußerte Oppositionspolitiker Kanwar Lal Gupta: »Angesichts der Militärdiktaturen in Bangladesch und Pakistan in Indiens direkter Nachbarschaft ist Frau Gandhis häufiger Einsatz der Militärs von übler Vorbedeutung.«

Dagegen hatte es für viele Oppositionelle im vergangenen September eher den Anschein, daß Frau Gandhi selbst auf dem Weg zurück zur totalitären Alleinherrschaft sei.

»Es scheint, die Geschichte wiederholt sich«, meinte damals der Abgeordnete Radscheswara Rao von der einzig noch ernst zu nehmenden Oppositionspartei, der moskautreuen KP Indiens, als das Unterhaus mit überwältigender Mehrheit das sogenannte Nationale Sicherheitsgesetz verabschiedete. Nach diesem Gesetz kann jeder, der in irgendeiner Weise »die Sicherheit des Staates oder die Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung« zu gefährden droht, ohne Prozeß für maximal ein Jahr in Präventivhaft genommen werden.

Hunderte Inder wurden seither auf Grund dieses »Schwarzen Gesetzes« (so die Opposition) verhaftet. Prominentestes Opfer war im vorigen November der Sozialist George Fernandes, 50, der im westindischen Bundesstaat Maharaschtra eine Demonstration von Bauern angeführt hatte, die neuerdings überall im Land einen größeren Part im allseitigen Verteilungskampf verlangen.

Doch trotz aller Reminiszenzen an das Jahr 1975, als Indira Gandhi den Ausnahmezustand erklärte und ihre Gegner zu Tausenden ins Gefängnis warf, sind die meisten Verfolgten von damals diesmal zuversichtlicher. Ex-Außenminister Atal Bihari Wadschpaji: »Wie kann Frau Gandhi den Ausnahmezustand wiederholen, wenn sie all jene Instrumente, die sich damals als effektiv erwiesen haben, inzwischen zerstört hat?«

Mit den »Instrumenten« sind gemeint: Der indische Civil Service -der größte Beamtenapparat der Welt --, die indische Polizei, der Geheimdienst -- erschüttert freilich schon, nachdem Indira Gandhi bei den Wahlen 1977 die Macht verloren hatte. Danach setzte in dem von den Briten hinterlassenen, einst als Indiens »Stahlrahmen« gerühmten Civil Service eine umfangreiche Säuberungswelle ein. Richter Dschajantilal Tschhotalal Schah, Vorsitzender des nach ihm benannten Ausschusses, hatte allein 48 000 Fälle von Exzessen während des Ausnahmezustands zu untersuchen, begangen meist von Beamten in Indiras Auftrag.

Drei Jahre später, bei Frau Gandhis Comeback, hatte Richter Schah seine Ermittlungen einzustellen, eine neuerliche S.144 Säuberungswelle rollte durch die Institutionen. Eisenbahnminister Kedar Pande etwa entließ den gesamten Vorstand der Staatlichen Eisenbahngesellschaft, die Top-Beamtenschaftsriege im Industrieministerium wurde gefeuert.

Erstmals in der Geschichte Indiens seit der Unabhängigkeit gärt es im Geheimdienst, der während des Ausnahmezustands eine Schlüsselrolle gespielt hatte. Aus Protest gegen die Entlassung von Kollegen legten 2000 Geheimdienstler die Arbeit nieder.

Doch weit fataler noch als dort wirken sich die Folgen der Säuberungen bei den Ordnungskräften aus.

Sowohl unter der Dschanata-Regierung als auch jetzt wieder wurden Tausende von Polizeibeamten verhaftet und vor Gericht gestellt, entlassen, degradiert oder versetzt. Yoginder Radschpal, einer der fähigsten Beamten des Landes und früherer stellvertretender Generalinspekteur der Polizei in Delhi -- er hatte Frau Gandhi während der Schah-Ermittlungen vorübergehend festnehmen lassen --, kam seinem Rausschmiß zuvor und trat freiwillig in den Ruhestand.

Frustrationen im Polizeikorps schlagen bei einigen der Betroffenen offenkundig in Brutalität um. So vergewaltigte eine Gruppe von neun Polizisten in Baghpat die 28jährige Maja Tjagi während eines Verhörs, anschließend jagten sie die Frau nackt auf die Straße. Als Maja Tjagis Mann sich beschweren kam, wurde er erschossen.

Vor Indira Gandhis Residenz in Delhi verprügelten Polizisten Anfang des Jahres neunzig Blinde, die demonstriert hatten. »Das ist Indiens Beitrag zum Jahr der Behinderten«, kommentierte bitter ein indischer Journalist.

In der Stadt Bhagalpur im Bundesstaat Bihar blendeten Beamte zwischen Februar und Oktober des vergangenen Jahres 31 Untersuchungshäftlinge auf bestialische Weise mit Stopfnadeln, Fahrradspeichen und Säure, in Kalkutta brachen Vernehmungsbeamte jungen Männern die Beine, um Geständnisse zu erzwingen. »Kein Wunder«, so der Oppositionspolitiker Wadschpaji, »daß die Menschen das Vertrauen in die Polizei verlieren.«

Der Vertrauensschwund erstreckt sich längst auch auf die Regierungschefin, die trotz ihres übergeordneten Wahlversprechens, eine funktionierende Regierung aufzustellen, ihr Kabinett 13 Monate nach Amtsantritt immer noch nicht voll besetzt hat.

Die beiden wichtigen Ressorts für Industrie sowie Stahl und Bergwerke haben noch keinen Chef im Kabinettsrang, die Regierungschefin selbst steht dem Verteidigungsministerium vor.

Viele Inder beunruhigt, daß in Frau Gandhis -- nach zwei Spaltungen recht ausgedünnten -- Kongreßpartei ein politisches Führungstalent, das ihre Nachfolge antreten könnte, nicht auszumachen ist. Statt dessen klammert sich die Nehru-Tochter auch nach dem Tod ihres sorgfältig auf die Staatsgeschäfte vorbereiteten Sohnes Sandschaj an den Traum der Fortsetzung der Dynastie.

Ihr ältester Sohn Radschiw, 36, Pilot der Indian Airlines, muß jetzt am Boden bleiben und an Mutters Seite oder auch allein Staatsgäste, Minister, Parteipolitiker und Bittsteller empfangen -- widerwillig, wie es heißt.

»Die Versuche, einen Widerstrebenden mit Gewalt zum Lückenbüßer einzusetzen«, meinte der »Indian Express«, »zeigt Frau Gandhis wachsendes Gefühl der Unsicherheit.«

Als weiteres Indiz der Unsicherheit wertet Indiens Presse Frau Gandhis zunehmende Neigung, den Tempeln des Landes und seinen Gurus Besuche abzustatten. Das linke Wochenblatt »Blitz« giftete bereits, die Regierungschefin lasse sich von einem »Popanz-Schattenkabinett aus Yogis und Tantriks« beraten.

Wenn Stimmungswechsel vom Volksmund abzulesen ist, dann auch in Indien. Indira Gandhi, vor einem Jahr noch mit so schönen Hindu-Namen wie Durga (Göttin der Macht) oder Schakti (Stärke) bekränzt, hat neuerdings einen anderen Namen: Mitti ki gudija.

So nennen nordindische Dorfkinder ihre Puppengeschöpfe, die sie sich aus Matsch und Lehm zurechtkneten. Der Name dieser Puppe ist Synonym für willenlose, schwache Personen.

S.142Nach dem Wahlsieg Anfang 1980 in Delhi, mit Sandschaj-EhefrauManeka.*

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