Wildes Maul - DER SPIEGEL
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KIRCHE / KONVERTITEN Wildes Maul

• aus DER SPIEGEL 50/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Weil er nachts zuweilen an der falschen Stelle betet, darf Dr. theol. Edmund Steffensky, 36, womöglich nicht evangelischer Pfarrer werden.

Katholischer Geistlicher ist Steffensky 13 Jahre lang gewesen. Im September wurde der frühere Benediktinerpater evangelischer Christ, im Oktober heiratete er die evangelische Links-Theologin Dorothee Sölle, 40 ("Atheistisch an Gott glauben"), geschieden und Mutter dreier Kinder.

Als katholischer Mönch war und als evangelischer Ehemann blieb Steffensky in Köln einer der Organisatoren des »Politischen Nachtgebets«, das jeweils mehr als tausend Christen beider Kirchen anzieht. Thema letzte Woche: »Weihnacht, Weihnacht über alles«; geworben wurde mit einem Manneken Pis, das die Lichter eines Plastik-Weihnachtsbaums löscht.

Daß nachts in der Kölner Antoniterkirche radikal politisch gebetet und geredet wird, gilt katholischen wie evangelischen Kirchenfürsten seit langem als anstößig: Kardinal Frings hält es für »theologisch unmöglich«. der evangelische rheinische Präses Joachim Beckmann gar für »reinen Götzendienst«

Seit Vor-Beter Steffensky aber von der einen Kirche in die andere übergewechselt ist, hat er zusätzliche Schwierigkeiten mit beiden Kirchen.

Erst wollte Frings-Nachfolger Joseph Kardinal Höffner ihn wegen Beleidigung vor Gericht bringen. In einem Interview mit dem »Kölner Stadt-Anzeiger« hatte der Ex-Benediktiner gesagt: »Es ist ja nicht wahr, daß katholische Priester nicht »verheiratet' sind. Viele sind mit tau-

* Mit den Töchtern Michaela und Carolina aus Dorothee Sölles erster Ehe.

send Dingen verheiratet, angefangen vom guten Essen und Trinken über viele andere Dinge bis hin zur Selbstbefriedigung, zur Freundin und zur Homosexualität«

Dieses freie Wort verwirrte viele Christen. Der evangelische Bestseller-Autor Heinz Zahrnt ("Die Sache mit Gott") hielt es »für einen guten christlichen Satz, der nicht nur auf katholische Priester und evangelische Pfarrer, sondern auf alle Christen und alle Menschen zutrifft«. Die weltlichbürgerliche »Stuttgarter Zeitung« hingegen empfand ahnlich wie der beleidigte Kardinal Höffner: Die Äußerung des Ex-Priesters sei »pauschale »Pfaffenschelte', wie sie allenfalls 500 Jahre vor Steffensky das wilde Lästermaul des François Villon in Pariser Hurenkneipen sang«.

Zunächst hatte Steffensky noch ein Dementi des Interviews dementiert, das der Evangelische Pressedienst voreilig verbreitet hatte. Schließlich aber suchte er den Kölner Generalvikar Nettekoven auf und gab dem höchsten Höffner-Beamten Gelegenheit, dies als Entschuldigungs-Visite anzusehen und die Klage zurückzuziehen.

Offiziell hatte die rheinische evangelische Kirchenleitung verlautbart. erst nach Abschluß des Gerichtsverfahrens könne über die Zulassung Steffenskys als evangelischer Pfarrer entschieden werden. Als dieser Aufschub-Grund hinfällig wurde, trugen fünf der 50 rheinischen Superintendenten andere Argumente gegen einen Kanzeiwechsel des Konvertiten vor.

Sie hatten inzwischen seine katholische Vergangenheit durchleuchtet und sich eine Rede beschafft, die Steffensky im Juli 1969 auf dem Evangelischen Kirchentag als katholischer Gast gehalten hatte. Die fünf Superintendenten waren sich einig, daß ein evangelischer Pfarrer nicht so frei reden dürfe wie damals der katholische Geistliche Steffensky.

Typisches Wort des Vortragenden Steffensky auf dem Kirchentag: »Auferstehung, Jungfrauengeburt, Erbsünde, Gott, Jenseits dürfen nicht in der kirchlichen Verkündigung stehen wie Unbekannte in einer mathematischen Gleichung. Ihr Stellenwert für die Welt, für heute, für die menschliche Existenz muß ermittelbar sein, sonst sind sie überflüssig.«

Urteil der fünf Superintendenten: Wer so rede, übersehe, »ja negiert die unaufgebbaren biblischen und bekenntnismäßigen Grundlagen und Richtlinien zur Übernahme eines evangelischen Pfarramtes«. Und wer überdies noch am Kölner »Politischen Nachtgebet« teilhabe, sei vollends auf evangelischer Kanzel »nicht tragbar«.

Die 16köpfige rheinische Kirchenleitung in Düsseldorf mochte weder für noch gegen Steffensky entscheiden. Sie beschloß am Donnerstag vergangener Woche, ihm »die Möglichkeit zu geben, an verschiedenen Orten Leben und Dienste einer evangelischen Gemeinde kennenzulernen. In dieser Zeit wird er verschiedenen Pfarrern zugewiesen werden. Danach wird entschieden, wie sein weiterer Weg geregelt werden kann«.

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