Wildwest in Deutsch-Ost - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 26 / 104

KOLONIEN Wildwest in Deutsch-Ost

Deutschlands legendenumwobener Heia-Safari-General Paul von Lettow-Vorbeck ist wieder auferstanden: Ein US-Autor stellt ihn als eine Kreuzung zwischen Humphrey Bogart und John Wayne vor.
• aus DER SPIEGEL 46/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit Jahren werden die Amerikaner nicht müde, alten deutschen Weltkrieg-I-Heroen zu huldigen. Erst war es der »Rote Baron« Manfred von Richthofen, jetzt ist ein neuer Held hinzugekommen: der Infanterie-General Paul von Lettow-Vorbeck.

Der »Löwe von Afrika« (so sein amerikanischer Bewunderer) führte von 1914 bis 1918 die Schutztruppe in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika. Ganz auf sich gestellt, kämpfte er gegen eine Übermacht von Briten, Indern, Südafrikanern, Belgiern und Portugiesen.

Er war ein Meister der taktischen Finessen und Improvisationen. Als er zwei Tage nach dem Waffenstillstand den Kampf einstellte, zählte seine Truppe noch 155 Weiße, 1200 Askaris und 2000 Träger. Die Zahl seiner Gegner belief sich auf annähernd 50 000.

Damals meinte Lettow, er hätte noch Jahre so weiterkämpfen können, und seine Widersacher widersprachen nicht. Sie wußten nur zu gut, daß der General allen Schießbedarf und nahezu die ganze Fourage seiner Schutztruppe aus alliierten Depots abgezweigt hatte.

Der sportlich-faire Buschkrieg auf dem fernen Nebenkriegsschauplatz wurde von 1920 an ein beliebter Topos der vaterländischen Literatur. Damals beschrieb der heimgekehrte Lettow seine Heldentaten in zwei Büchern, von denen »Heia Safari!« sogleich zum Bestseller aufrückte, obgleich der Stil so dröge war wie der Held selbst.

Ganz anders der Lettow, den der US-Autor William Stevenson in einem Buch vorstellt, dessen deutsche Ausgabe jetzt der Molden Verlag vorlegt.

( William Stevenson: »Der Löwe von ) ( Afrika«. Verlag Fritz Molden, München. ) ( 496 Seiten; 36 Mark. )

In einer amerikanischen Dichterklause hat sich der reaktionäre Kommißkopf, der im Kapp-Putsch 1920 gegen die Weimarer Republik kämpfte, zu einer hemdsärmeligen Kreuzung aus Humphrey Bogart und John Wayne gemausert. Der Ballermann sitzt ihm ebenso locker wie die Zunge, die in Gefechtspausen Triviales mit Tiefgang abschießt.

Sicherheitshalber nennt Stevenson sein Werk einen »Roman«, doch im Nachwort beteuert er, daß alle wesentlichen Figuren und Fakten der Wirklichkeit entsprechen. Des zum Zeichen steuert er sogar eine historische Enthüllung bei:

Deutsche Hitler-Gegner hätten im Zweiten Weltkrieg versucht, über gegnerische Geheimdienste Kontakte zu amerikanischen und britischen Regierungen aufzunehmen. Und woran scheiterte das wohl? Stevenson weiß: »Man teilte ihnen mit, daß sie erst Lettow-Vorbecks Versprechen haben müßten, daß er an die Spitze einer interimistischen Nach-Hitler-Regierung treten würde. Aber der General antwortete: ''Nein, das alte Deutschland ist verloren und wird seine Seele nicht wiederfinden, solange wir nicht den vollen Preis gezahlt haben.''«

Bei so forschem Einstieg in die Historie des deutschen Widerstands wundert es nicht, daß es im fernen Deutsch-Ostafrika zugeht wie in einem Breitwand-Melodram der Firma Warner Brothers. Der historische Lettow, ein Asket mit steifleinenen Moralvorstellungen, hatte nur Kriegführen im Sinn; der US-Lettow aber rammelt und rauft sich durch den Busch.

Ganz ohne Weiber geht es bei Stevenson nicht, und so bekommt sein Lettow eine knackige US-Jüdin namens Truman verpaßt.

Deren einschlägigen Erfahrungen ist der Haudegen nicht gewachsen: »Der deutsche Kronprinz hatte von Kate behauptet, sie habe Katzenaugen; während er in ihnen zu lesen versuchte, hatte er militärische Geheimnisse ausgeplaudert. Um ihr muschelförmiges Ohr studieren zu können, hatte Prinz Heinrich von Preußen über die Möglichkeit gesprochen, S.117 ganze Armeen auf dem Schienenweg zu befördern.«

Die sexerfahrene Kate vermochte nicht einmal die Schändung durch feindliche Askaris zu schrecken: »Meine Schenkel sind Nußknacker.« Doch bei Lettow-Vorbeck wurde die stramme Dame weich. Sie ergab sich ihm züchtig und zügig.

Nur der Gouverneur Heinrich Schnee, der mißmutig hinter Lettow dreintrottete, entsagte dem Sex und frönte dem Suff. In nüchternen Momenten dachte er sich bürokratischen Unsinn aus.

Lettow, natürlich, soff nicht, aber eine kleine Schwäche dichtet Stevenson auch ihm an. Er läßt ihn unentwegt Opium rauchen, ohne freilich zu erklären, wie der Junkie es schaffte, bei guter Gesundheit fast 94 Jahre alt zu werden.

Dem erotischen Blindgänger Schnee legt der Dichter eine nymphomanische Ehefrau bei, Ada, »eine gebürtige Engländerin aus guter Familie«. Sie »ritt meilenweit, um ein ihr freundlich gesinntes Bett zu finden«.

Anfangs vernaschte sie die Siedler, dann warf sie sich auf die Schutztruppe. Als sich Ada schließlich auch noch über den Kommandanten des nach Deutsch-Ostafrika verschlagenen Kleinen Kreuzers »Königsberg« hermacht, taucht ein Krokodil mit »tausend Pfund schwerem Ruderschwanz« auf. Das Untier frißt die nimmersatte Ada.

Derweil läßt Stevenson seinen General mit einem oder zwei Revolvern herumlaufen, die er emsig zieht. Der reale Lettow freilich schleppte nur sehr selten Feuerwaffen. Er ließ sich sein Gewehr hinterdreintragen.

Eines Tages lief im menschenleeren Busch dem US-Lettow sogar sein gefährlichster Widersacher, der südafrikanische General und Staatsmann Jan Christiaan Smuts, vor die Mündung seines Revolvers. Smuts war ganz allein, und es entspann sich ein Dialog wie in Dodge City - Wildwest in Deutsch-Ost.

»Zigarette?« fragte Lettow.

Smuts schüttelte den Kopf. Darauf Lettow: »Sie werden ein Weilchen bleiben, Herr General.«

So palaverten sie weiter, bis Lettow sein Schießeisen wegsteckte und verlangte: »Ihr Wort als Offizier und Gentleman, daß Sie über diese Begegnung Stillschweigen bewahren werden.«

Smuts: »Sie haben es.«

So fand auch Stevenson wieder Bande, denn tatsächlich haben beide Generale über eine derartige Begegnung nie etwas verlauten lassen.

Stevensons muntere Phantasie aber blubbert weiter: Lettow heiratet seine Kate, sogar kirchlich, und sie gebiert ihm einen Sohn, das »Baby Paul«.

Da aber der historische Lettow ohne Weib und Kind nach Deutschland heimkehrte, muß der Anhang vorher verschwinden. Kate vergiftet sich denn auch, als ihr fälschlich Lettows Tod gemeldet wird, und mit dem Baby Paul büxt ein dressierter Affe in den Urwald aus.

Es hält sich aber das Gerücht, ein Stamm in Uganda habe das Baby Paul aufgezogen, und der US-Lettow vertraut dem Kriegstagebuch an, daß ein Kampfgefährte die Uganda-Stämme nach dem Sohn des Generals abklappere.

Bleibt nur zu hoffen, daß dem untergetauchten Ugander Idi Amin das Stevenson-Buch nicht in die Hände fällt. Er käme unweigerlich wieder zum Vorschein - als Idi von Lettow.

S.115William Stevenson: »Der Löwe von Afrika«. Verlag Fritz Molden,München. 496 Seiten; 36 Mark.*

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 104

Mehr lesen über