Willem der Schweiger - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 2 / 126

Willem der Schweiger

Als erster Präsident der EZB wacht Wim Duisenberg über den Wechselkurs des Euro.
Von Winfried Didzoleit
• aus DER SPIEGEL 1/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit reichlich drei Jahren ist Willem Frederik Duisenberg, genannt Wim, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), und seither musste er lernen, dass jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird.

Sein Amt habe ihn gelehrt, öffentlich immer weniger und weniger zu sagen, thematisiert er sein Problem genüsslich. Ein heimatliches Magazin habe ihn dafür unlängst mit dem Kriegsnamen »Willem der Schweiger« geschmückt. Darauf sei er sehr stolz, verspottet er sein applaudierendes Auditorium während einer Preisverleihung im plüschigen Ballsaal des Brüsseler Hotels Renaissance. Seine Zuhörer hätten nicht viel zu erhoffen.

Tatsächlich hält sich der jetzt 66-jährige Kettenraucher an seine Maxime, die Agenturen haben auch nach einer halben Stunde noch kein Wort gefunden, das Euro-Kurs oder Aktienpreise bewegt.

Die Bedeutung jedes seiner Wörter penibel abzuschätzen, bekannte er gleich nach seiner Inauguration, falle ihm schwer. Das hätten die Kollegen Alan Greenspan, der Chef der amerikanischen Notenbank, und Hans Tietmeyer, damals Präsident der Deutschen Bundesbank, besser drauf. Die seien, anders als ein kleiner niederländischer Zentralbanker - der Duisenberg vordem war -, seit Jahren darauf getrimmt, dass ein Wort Milliarden bewegen könne.

Die »Kommunikation mit den Märkten«, so heißt das hochtrabend in der Geldbranche, sei Duisenbergs Schwäche, an der von ihm bestimmten Geldpolitik der neuen Institution dagegen gebe es wenig zu tadeln. Das ist immerhin besser als umgekehrt.

Besonders misslungen war Duisenberg beispielsweise die »Kommunikation«, als er in einem Interview mit der Londoner »Times« die Bemerkung stehen ließ, seine Bank werde zu Gunsten des Euro erst wieder im Falle eines Krieges in Nahost an den Devisenmärkten eingreifen. Rums - rauschte der Kurs des Euro in den Keller. Dabei hatte er nichts als die offensichtliche Wahrheit gesagt. Den Ausrutscher hält Duisenberg aber keineswegs für seinen herbsten Schnitzer in dem einzigartigen Job. Vertrauten gestand er, sein folgenreichstes Versäumnis sei gewesen, nach seiner dramatischen Wahl in der Nacht vom 2. zum 3. Mai 1998 den Geburtsfehler seiner Bestallung nicht beseitigt zu haben.

Damals war Duisenberg nach eigener Aussage von den Staats- und Regierungschefs der EU gewählt worden, nachdem er mündlich erklärt hatte, er werde den Job gewiss bis zur Ausgabe der Euro- Münzen und -Scheine in vier Jahren machen, angesichts seines Alters wahrscheinlich aber nicht die gesamte Dienstzeit von acht Jahren durchstehen. Das war gerade noch mit den Bestimmungen des Maastrichter Vertrags vereinbar. Darin ist, um die Unabhängigkeit der Bank von der Politik zu sichern, die Amtszeit auf acht Jahre festgelegt, gleichzeitig Entlassung wie Wiederwahl ausgeschlossen. Die vage Aussage über das Ende seiner Dienstzeit hatte der französische Staatschef Jacques Chirac ihm abgepresst. Chirac wollte als Nachfolger Duisenbergs so rasch wie möglich einen Franzosen als Herrn des Euro sehen.

Noch in derselben Maiennacht münzte Chirac diese vage Aussage in die feste Zusage des Niederländers um, seinen Platz nach der Euro-Einführung, also zur Halbzeit, für den Kollegen Jean-Claude Trichet zu räumen. Dieser Unwahrheit - wie Duisenberg es sieht - nicht entschiedener entgegengetreten zu sein, das reut den Friesen noch heute. Seither muss er damit leben, ständig nach einem Rücktrittsdatum gefragt zu werden.

Nicht immer kommt ihm eine solche Frage so gelegen wie im Oktober nach einer Sitzung des Gouverneursrats in Wien. Da erklärte er es für »unweise«, die Führung der Bank innerhalb der nächsten zwölf Monate zu wechseln, und machte damit klar, den von Chirac gewollten Rücktrittstermin Mitte des Jahres ungenützt verstreichen lassen zu wollen.

Schweigsam gibt sich Mr. Euro auch, wenn es um Auskünfte über sein Privatleben geht. Die, so hatte er bereits 1998 gewarnt, werde er nur so weit erteilen, wie »funktional« erforderlich. Das wäre schnell erzählt.

Der Ökonom arbeitete beim Internationalen Währungsfonds, bei einer Privatbank, er war niederländischer Finanzminister und Chef der Zentralbank. In den langen Jahrzehnten im Dienste des Geldes wandelte er sich vom Keynesianer zum gemäßigten Monetaristen.

Duisenberg ist seit 1987 in zweiter Ehe mit Gretta Nieuwenhuizen verheiratet, er hat zwei Söhne und eine Tochter und inzwischen auch Enkel, die ihm voller Freude E-Mails auf den Dienstcomputer schicken. Das war's.

Nicht ganz. 1996 outete Duisenberg sich in der niederländischen Frauen-Postille »Opzij« als Kenner und Beobachter von Singvögeln und als begeisterter Golfer. Er erzählte, dass er sein Segelboot aufgegeben habe, weil Frau Gretta es mit dem Segeln nicht hat, »und da drück ich mich noch sehr vorsichtig aus«.

Dass er der richtige Mann an der Spitze der EZB ist, daran lässt Duisenberg nie Zweifel. Gefragt, was er einer Frau raten würde, die 25 000 Gulden anzulegen hätte, drückte er sich mit einer bemerkenswerten Ausrede: »Ich bin kein Anlagespezialist. Unter 100 Millionen mache ich ständig Fehler.« WINFRIED DIDZOLEIT

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 126