INDIEN Willenloses Eigentum
Tatort Krankenhaus: Mit schmerzenden Gelenken, Symptom einer Knochentuberkulose, wartet eine 13-jährige Tibeterin im renommierten Holy Angels Hospital im Herzen Neu-Delhis auf den Arzt. Endlich wird sie ins Sprechzimmer gerufen, doch von einer Krankenbehandlung ist dort keine Rede. Ein Mediziner vergewaltigt die junge Patientin.
Tatort Grünanlage: Im romantischen Buddha Jayanti Park, mitten in der Hauptstadt, spaziert eine Studentin Hand in Hand mit ihrem Freund. Da tauchen, in ihren Dienstuniformen, fünf Palastwachen von Indiens Staatspräsident Abdul Kalam auf, bedrohen das Liebespaar und verschwinden mit dem Mädchen. Gemeinschaftlich vergehen sie sich an der 17-Jährigen, stundenlang.
Tatort Auto: In Scharen strömen abends die Besucher des Internationalen Filmfestivals aus dem Siri-Fort-Auditorium. Polizisten flankieren die Ausgänge, Sicherheitskräfte sind fast allgegenwärtig. Dennoch wird nur einen Steinwurf entfernt, auf einem schlecht beleuchteten Parkplatz, eine Schweizer Diplomatin, 35, von zwei Männern überwältigt und auf den Rücksitz ihres Wagens geschoben. Einer fährt, der andere vergewaltigt sie. Unweit des Diplomatenviertels setzen sie ihr Opfer aus.
Von jeher führt Neu-Delhi die indische Verbrechensstatistik an. Die neuesten Zahlen des Crime Records Bureau, die jüngsten spektakulären Einzelfälle illustrieren, dass die Hauptstadt nun auch die Vergewaltigungskapitale des Landes ist.
Mehr als ein Drittel aller Übergriffe, die vergangenes Jahr erfasst wurden, ereigneten sich in der 14-Millionen-Metropole. Nur zehn Prozent der Fälle betrafen hingegen Indiens größte Agglomeration Mumbai (16 Millionen Einwohner). Drei Viertel der Opfer in Neu-Delhi waren Kinder, jedes dritte unter zwölf Jahren. Die Hauptstadt liegt auch bei allen anderen Statistiken, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen betreffen, an der Spitze: die meisten sexuellen Belästigungen, die meisten Mitgiftmorde, weil dem Bräutigam und seiner Sippe die Aussteuer nicht genügt.
»Solche Mörder und Sittlichkeitsverbrecher haben kaum etwas zu befürchten«, sagt Poornima Advani, Vorsitzende der staatlichen Nationalen Kommission für Frauen. Schuld sei ein »völliger Kollaps der Sicherheitsmechanismen«.
Advani ist die Tochter von Innenminister L. K. Advani, der auch für die Polizei in Neu-Delhi zuständig ist. Zwar fordert der Politiker die Todesstrafe für Vergewaltiger. Zwar existiert bei der städtischen Polizeibehörde seit 1992 ein eigenes Frauen-Dezernat. Aber einige männliche Beamte sind selbst Teil des Problems: Immer häufiger berichten Frauen von sexuellen Übergriffen in Untersuchungshaft.
Im Fall der Schweizer Diplomatin versagten die Ordnungshüter offenkundig: Sie hatten anscheinend nur Augen für die zahlreichen Filmstars und Politiker unter den Kinogästen. »Hätten meine Männer ihre Pflicht erfüllt, wäre diese Sache nie passiert«, gestand der Polizeichef von Neu-Delhi, R. S. Gupta.
Die meisten Vergewaltigungen werden gar nicht erst gemeldet. Geschändete Frauen gelten als »unrein«, viele scheuen sich, Anzeige zu erstatten. Ihre Chancen sind ohnehin gering. Die Justiz verschleppt die Verfahren gern, und nur wenige Betroffene können sich privaten Rechtsbeistand leisten. »Sie sind auf die staatlichen, schlecht bezahlten, überarbeiteten und wenig motivierten Anklagevertreter angewiesen«, sagt die Anwältin Malavika Rajkotia.
Neu-Delhis trauriger Rekord wird unterschiedlich gedeutet. Der konservative Norden Indiens, sagen die einen, war früher die Heimat kriegerischer Horden, die sich gegen Eindringlinge aus dem nordwestlichen Hindukusch verteidigten. Frauen genossen eine Art Objektschutz vor dem feindlichen Begehren - und gälten bis heute als willenloses Eigentum.
Andere machen das hinduistische Wertesystem verantwortlich. Nur ein Sohn darf den Scheiterhaufen der Eltern anzünden, nur männliche Nachkommen sind erbberechtigt. Mädchen dagegen gehören unter die Haube, ausgestattet mit üppiger Mitgift. Sie sind eine Bürde. Kein Wunder sei es daher, dass in der Hauptstadt auch die meisten Abtreibungen weiblicher Föten registriert würden.
Die Hoffnung, im Zuge der in den achtziger Jahren eingeleiteten Wirtschaftsreformen würde sich auch der gesellschaftliche Status der Frau wandeln, hat sich nicht erfüllt. »Genau das Gegenteil ist passiert«, sagt der Soziologe Shiv Vishwanathan.
Bollywood, Indiens einflussreiche Filmindustrie, vermarktet weiterhin erfolgreich das Klischee von der Frau als Sexobjekt und Haushälterin. Und die Öffnung gen Westen - erotisierende Modenschauen, Satellitenfernsehen, Pornos - kitzelt nur verbotene Lüste: Weiße Ausländerinnen, die ohnehin als freizügig gelten, werden deshalb immer häufiger zu Opfern von Sexualdelikten. Die Hemmschwelle sinkt.
Die Peiniger der Schweizerin stammen nach Erkenntnissen der Polizei aus Indiens neuer gehobener Mittelschicht. Sie sprachen fließend Englisch und waren elegant gekleidet. Ehe sie die Diplomatin auf die Straße setzten, hielten sie ihr noch einen Vortrag - über die Schweiz, über Europa und den hohen sittlichen Stellenwert von Hindu-Ehen. PADMA RAO