SCHULE »Willst du noch eine?«
Diese Lektion hatte der kleine Tolga aus der fünften Klasse noch nicht gelernt, aber sie saß: Gerade hatte er auf dem Flur der Pforzheimer Waldschule eine Figur für den Kunstunterricht über den Haufen gerannt, da preschte seine Rektorin Frau F. heran und schlug ihm mit strenger Erzieherhand auf den Hinterkopf.
So lernte der elfjährige Türkenjunge, dass es in Deutschland doch noch prügelnde Pauker gibt. Sogar welche, die noch auskeilen, wenn man sich schon bei ihnen entschuldigt hat.
Dass eine Lehrerin hinlangt - »dem Tolga eine reinhaute, dass es ihm wehtat«, wie ein Mitschüler ungelenk notierte -, das ist kein Einzelfall, aber wohl der erste in Deutschland, nach dem Eltern auf die Straße gingen, um gegen eine Hau-drauf-Lehrerin zu demonstrieren. Mitte Mai protestierten vor der Penne 50 Väter und Mütter mit Plakaten wie »Schulaufsicht schläft - F. schlägt« gegen die Harthandpädagogik der Anstaltsleiterin, die im Gegensatz zu Augenzeugen nun behauptet, sie habe nur einen »leichten Klaps« ausgeteilt.
Die Eltern der Grund- und Hauptschule führten damit erstmals öffentlich Klage über einen inoffiziellen Missstand: Wäre nämlich die empirische Sozialforschung der Maßstab für Gewalt in der Schule, dürfte es schulische Gewaltopfer wie Tolga gar nicht geben. Dass nämlich »kleine Monster« Lehrer ärgern, schlagen oder sogar erschießen, ist bekannt, dass sie Mitschülern die Jacken stehlen, das Taschengeld abpressen und ein Butterfly-Messer vor den Bauch halten, ist umfassend untersucht.
Dass aber auch genervte Lehrer immer aufmüpfigere Schüler schlagen oder ihnen mit Psychodruck die Schule zur Hölle machen, war bislang ein weitgehend weißes Blatt in der deutschen Bildungsempirie. Erst jetzt kommt eine umfassende Studie über peinigende Pädagogen zu der alarmierenden Erkenntnis, dass an den Pennen von oben vermutlich mehr gemobbt wird als in jeder anderen Branche des Berufslebens.
Knapp 3000 Studenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hat der Salzburger Erziehungswissenschaftler Volker Krumm gefragt, ob sie in ihrer Schulzeit unter Lehrern gelitten hätten. Mehr als drei Viertel beschrieben daraufhin einen konkreten Fall, wie Pauker sie gepiesackt hätten - meistens mit Lektionen in Sarkasmus und Sadismus, mal gedankenlos, mal gezielt, öfter als vermutet, aber auch mit wuchtiger Hand wie einst Lehrer Bokelmann bei Wilhelm Busch. Beispiele aus den gesammelten Memoiren:
* »Als alle schon ins Gebäude des Lehrschwimmbeckens gingen, holte ich mir einen Kieselstein. Als ich zur Tür kam, bekam ich erst eine Ohrfeige, dann fragte der Lehrer: ,Was guckst du so blöd, willst du noch eine?' Ich grinste und bekam noch eine. Ich weiß bis heute nicht, warum.«
* »Im Sport musste ich Liegestütze machen, wobei der Lehrer noch mit seinem Fuß Druck auf den Rücken ausübte, so dass seine 'Aufgabe' niemals erfolgreich gelöst werden konnte. Zugleich wies er mich darauf hin, dass ich zu fett sei.«
* »In einer Deutschstunde behandelten wir gerade die Kommaregeln. Der Lehrer schrieb als Beispiele an die Tafel: ,1. Tina wird sitzen bleiben, weil sie zu faul ist. 2. Ein Mädchen aus unserer Klasse, ihr Name ist Tina, wird wahrscheinlich sitzen bleiben.' Da Tina mein Name ist, war klar, wen er meinte.«
Mal beschimpft ein Lehrer Schüler mit Ohrring als »schwule Arschlöcher«, mal fliegt ein Schlüsselbund, mal ein Stück Kreide in Kopfhöhe durch die Klasse. Übersetzungsfehler werden mit der Frage »Du warst wohl auch 'ne Zangengeburt« quittiert, nach einem harmlosen Schülerstreich drückt ein Lehrer die Hand des erstbesten Verdächtigen in einen Kaktus.
Vor allem Mädchen haben es schwer. Eine Studentin erinnerte sich an den Macho-Spruch: »Mädchen sind nur gut für Gebüschsport«, bei einer anderen wunderte sich der Lateinlehrer feinsinnig: »Wollen Sie denn lateinisch kochen?« Auch eine Lehrerin empfahl einer schwächelnden Schülerin vor der ganzen Klasse, sich damit abzufinden: »Aus dir wird höchstens eine Putzfrau.«
Sind das nur Einzelfälle, wie der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Heinz Durner, vermutet? Nur einige schwarze Schafe unter den 670 000 Lehrern an 40 000 deutschen Schulen, wie Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, glaubt?
Schon der Dresdner Pädagogikprofessor Wolfgang Melzer hatte 1998 bei einer Untersuchung über Gewalt in der Schule nebenbei festgestellt, dass rund zehn Prozent der 4000 befragten Schüler in Sachsen dreschende Didaktiker erlebt haben wollen. Jeweils ein Drittel gab zu Protokoll, dass Lehrer oft schreien und Schüler vor der ganzen Klasse blamieren.
Krumm aber ging noch weiter und fragte bei 720 deutschen Studenten einen ganzen Katalog von Mobbing-Kriterien ab. Ergebnis: Mehr als die Hälfte erinnerte sich noch genau daran, dass ein Lehrer sie in der Schule beleidigt hatte (siehe Tabelle). 43 Prozent waren Opfer von Schimpftiraden, 27 Prozent machten ein Kreuzchen in der Kategorie »Lehrer hat mich fertig gemacht«. Und immerhin 6 Prozent hatten Schläge eingesteckt - bei heute zehn Millionen Schülern wären das 600 000 Prügelknaben und -mädchen. Oft gingen die Quälereien über Monate und Jahre. Typisch für hartes Mobbing.
»Was Lehrer in der Schule machen, würden sie sich gegenüber ihrem Nachbarn nie erlauben«, glaubt Krumm. Im Lehrbetrieb aber müssten sie kaum Angst vor Konsequenzen haben. »Die zeigen dann den Schülern, wo der Barthel den Most holt.«
Diese Platzhirschpädagogik kennt auch Elke Picker zur Genüge. »Das Runtermachen nimmt zu«, klagt die Vorsitzende des Landeselternbeirats Baden-Württemberg, jenes Bundeslandes, das 1976 als letztes die Prügelstrafe abgeschafft hat. Und ein Hauptschullehrer, der aus Angst vor den Kollegen ungenannt bleiben will, betet gleich einen ganzen Katalog von Schwererziehungsmitteln herunter, die er aus dem Berufsalltag kennt: »Schlagen mit Fingerknöcheln gegen den Kopf, Ziehen am Ohr, Kneifen in die Wange, Fassen in den Nacken, Drücken des Arms, Schütteln des Kindes, Schlagen mit der Faust, Treten gegen das Schienbein.«
Viel häufiger noch, so belegen Erfahrungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendtelefon, setzen Lehrer aber auf die bewährte Notenschraube als Druck- und Quetschmittel. So wie jener Motivationsexperte an einem deutschen Gymnasium, der einen Elftklässler im Fach Englisch beschied: »Sie können sich bei mir anstrengen, wie Sie wollen, Sie werden nie mehr als vier Punkte bekommen.« Was er auch drei Halbjahre stur durchhielt.
Die Schuld an solchen Drillmethoden sieht der Verband Bildung und Erziehung vor allem bei den Universitäten. Das bisschen Pädagogik, das künftigen Lehrern dort eingeflößt werde, könnten sie in der Praxis gleich wieder vergessen, mosert Ludwig Eckinger, Bundesvorsitzender des Verbands, dem 140 000 Pädagogen angehören.
Obwohl aber fast jeder Schüler ausrastende Pauker kennt, dringt selten etwas nach draußen: 15 Disziplinarverfahren wegen körperlicher Züchtigung liefen 1999 im Schulamtsbezirk Stuttgart, 9 wegen Beleidigungen. Damit erscheint die Stuttgarter Behörde im Bundesvergleich schon wie ein Inquisitionsgericht. Für ganz Thüringen notierte das dortige Kultusministerium in den vergangenen 18 Monaten nur einen Prügelfall - im Bezirk Weimar hatte ein Lehrer einen Schüler in der Pause niedergeschlagen. Brandenburg meldet für das abgelaufene Schuljahr Fehlanzeige, so wie Sachsen-Anhalt und das Saarland. Bayern kommt im Jahresschnitt auf neun Fälle; Hessen und Nordrhein-Westfalen zählen erst gar nicht nach.
Denn so genau wollen es die Behörden wohl auch nicht wissen: Als das Kasseler Schulamt 1994 Lehrer zur »Gewalt in und um Schulen Kassels« befragte, blendete es rücksichtsvoll die Lehrergewalt aus - keine Frage zu diesem Thema.
Die meisten Gewaltakte werden diskret am Tatort bereinigt - und jeder hat gute Gründe: Rektoren sorgen sich um den Ruf der Schule, Eltern um die Noten ihrer Kinder, Schüler geben auf, wechseln die Schule.
»Manchmal denkt man, wie kann etwas so lange nicht aktenkundig geworden sein?«, wundert sich selbst Gerda Winde, Sprecherin der baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan, und die Landeselternvorsitzende Picker gibt darauf die wenig schmeichelhafte Antwort: weil es in der Schulverwaltung ein System von »Verschleierung und Deckung« gebe.
So wie im Fall Pforzheim. Dort kassierte der über F. entsetzte Elternbeiratsvorsitzende Reinhard Klein einen Anpfiff des Oberschulamts Karlsruhe. Es sei nicht seine Aufgabe, »Untersuchungen gegen die Schule« zu führen, maßregelten ihn die Schutzpatrone der »schlagfertigen« Rektorin, die zufällig auch Ehefrau des Pforzheimer Oberbürgermeisters ist.
Fragt sich nur, wie denn sonst herauskommen soll, dass F. schon 1994 an einer anderen Pforzheimer Hauptschule die Hand ausgerutscht war und sie dafür laut Oberschulamt »belehrt« wurde. Auch damals war es angeblich nur ein »Klaps«, wie die Behörde entschuldigt.
Viel mehr als F.s »Klapse« empört da die Karlsruher Oberlehrer, dass nun der Elternbeirat der Waldschule gegen den Willen von Tolgas Eltern an die Öffentlichkeit gegangen ist. Denn die hatten nach einem Gespräch mit der Rektorin den Fall plötzlich für beigelegt erklärt. »In beiderseitigem Einvernehmen«, wie es so schön heißt. JÜRGEN DAHLKAMP,
ANNA JANKE, WILFRIED VOIGT