»Wir brauchfen sie als Arbeitskräffe« - DER SPIEGEL
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Artikel 37 / 90

»Wir brauchfen sie als Arbeitskräffe«

Albert Speer über die Juden in der deutschen Rüstungsindustrie (II) 1981 Deutsche Verlagsanstalt GmbH, Stuttgart. Der ungekürzte Text ist unter dem Titel »Der Sklavenstaat« (512 Seiten, 36 Mark) bei der Deutschen Verlagsanstalt erschienen.
• aus DER SPIEGEL 15/1981
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Der SS-Chef Heinrich Himmler hat in zwei grundsätzlichen Reden von der Liquidierung aller Juden gesprochen, die im Bereich des deutschen Zugriffs lägen. Vor den Gruppenführern der SS erklärte er am 4. Oktober 1943 in Posen: »Ich will vor Ihnen in aller Offenheit ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Ich meine die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes.«

Zwei Tage danach äußerte sich Himmler zu den ebenfalls in Posen versammelten Reichs- und Gauleitern ausführlicher: »Die Judenfrage in den von uns besetzten Ländern wird bis Ende dieses Jahres erledigt. Es werden nur Restbestände von einzelnen Juden übrigbleiben, die untergeschlüpft sind.«

Damit aber täuschte Himmler die Parteihierarchie bewußt. Wie aus erhaltenen Dokumenten hervorgeht, strebte er danach, Juden für den Aufbau seines Wirtschaftsimperiums zu »reservieren«. Es ist denkbar, daß die Befehle Hitlers den Himmlerschen Wirtschaftsplänen entgegenstanden und Himmler es daher vorzog, den Gauleitern diesen Teil seiner Wahrheit zu verheimlichen.

Ernst war es Himmler auf keinen Fall damit, alle polnischen Juden bis zum Ende des Jahres ausgerottet zu haben. Am 7. September 1943 wurden die vorhandenen etwa zehn Arbeitslager des SS- und Polizeiführers im Distrikt Lublin vom SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt übernommen. Dies sollte in der Folge mit allen im Generalgouvernement bestehenden Arbeitslagern geschehen.

Und SS-Obergruppenführer Oswald Pohl war als Leiter dieses Hauptamtes mit Erfolg bemüht, durch Verbesserung der Lebensbedingungen diese Arbeitskräfte für seine Konzernbestrebungen nutzbar zu machen.

Selbst der Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik betonte in einem Abschlußbericht, den er Himmler am 4. November 1943 über seinen Auftrag der Judenvernichtung gab: »Andererseits aber habe ich versucht, eine Darstellung über den Arbeitseinsatz zu geben, aus dem nicht nur die Arbeitsmenge zu ersehen ist, sondern auch, mit wie wenig Deutschen dieser Großeinsatz ermöglicht wurde. Er ist heute jedenfalls so angewachsen, daß sich namhafte Industrien hierfür interessieren. Ich habe mittlerweile diese Arbeitslager an SS-Obergruppenführer Pohl übergeben.«

Am 19. Oktober erteilte Generalgouverneur Hans Frank »dem Chef der Rüstungsinspektion, Generalleutnant Schindler, SS-Oberführer Bierkamp und Generalmajor Grünwald den Auftrag, die Listen der jüdischen Lager im Generalgouvernement genau daraufhin durchzusehen, wie viele der Insassen als Arbeitskräfte eingesetzt seien« (so im Tagebuch Franks).

Im Gegensatz zur Rede Himmlers in Posen galt also die Erhaltung des Bestandes der vorhandenen Arbeitskräfte als akzeptiert.

Zwei Tendenzen müssen sich damals bei der SS auch im Generalgouvernement gegenübergestanden haben. Einen Tag bevor Globocnik seinen Abschlußbericht unterzeichnete, hatten andere SS-Führer beschlossen, einen Gegenschlag zu führen, gewiß gegen die im Schreiben von Globocnik ausgeführten Grundsätze.

Am 3. November 1943 wurden von der SS in elf Stunden insgesamt 17 000 Juden erschossen, die den Betrieben der SS-eigenen »Ost-Industrie« (Osti) angehörten, in der die konfiszierten jüdischen Betriebe zusammengefaßt waren. Diese Aktion wandte sich gegen Pläne Pohls, wie der zweite Geschäftsführer Dr. Max Horn verzweifelt erklärte: Die »bis dahin geleistete Auf- und Ausbauarbeit« sei durch diese Aktion »völlig wertlos« geworden.

Der Warschauer SS- und Polizeiführer, der zur Gegenseite gehörte, äußerte dagegen nach dieser Vernichtungsaktion verächtlich zu einem Mitarbeiter Pohls: »Ost-Industrie! Wenn ich schon ''Industrie'' höre, wird mir übel!«

In der Tat gab es in der obersten SS-Führung zwei sich bekämpfende Richtungen: Die einen wollten die Häftlinge schonen, um mit ihrer Arbeitskraft die industriellen Ziele Himmlers voranzutreiben; die anderen wollten die Häftlinge bestenfalls sich zu Tode arbeiten lassen, eigentlich aber liquidieren, um der Ideologie Genüge zu tun.

Der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß hat diese Verschiedenheit der Auffassungen so formuliert: »Das Reichssicherheitshauptamt sah in jedem S.112 neuen Arbeitslager, in jedem Tausend Arbeitsfähiger die Gefahr der Befreiung, das Am-Leben-Bleiben durch irgendwelche Umstände. Doch Pohl schien stärker, denn hinter ihm stand der Reichsführer SS und verlangte immer dringender Häftlinge für die Rüstung.«

Unterstrichen werden diese Ausführungen durch einen Befehl, den Himmler dem Reichssicherheitshauptamt am 15. Januar 1943 gab: »Ich habe im Gesamt-Rüstungsinteresse in den Konzentrationslagern (KL) große Aufgaben übernommen. Dorthin gehören die Arbeitskräfte.« Selbst Himmler also hielt eine verteidigende Klarstellung dem Reichssicherheitshauptamt gegenüber für notwendig.

Hier muß an eine andere Bemerkung von Höß erinnert werden, nach der hohe Stellen sich gegen die Politik Himmlers und Pohls wandten. Denn Globocnik hatte am 18. Januar 1944 Himmler ungeschminkt geschrieben, daß bei der Aktion gegen die Osti »die Werke stillgelegt« worden seien.

Globocnik meldete: »Die Lagerführer waren von dieser Aktion nicht unterrichtet, obwohl bei ihnen die Verantwortung lag. Ich wurde daher in meiner Aufsichtspflicht gehindert. Am Tage vor der Lagerräumung hat General Schindler, Rüstungsinspektion Krakau, mit den Lagerführern vereinbart, daß künftig Rüstungsaufträge in die Arbeitslager von Osti kommen.«

Wie wenn ein Blitz eingeschlagen hätte, wurde dieser schwere Eingriff in die Hoheitsrechte selbst eines Globocnik ohne Vorwurf und ohne eine Forderung nach Untersuchung des Vorfalles hingenommen. Es wäre unbegreiflich, weshalb auch Himmler diese Vernichtung eines Industrieunternehmens geschehen ließ, wenn hinter solchen Aktionen nicht Martin Bormann und damit Hitler selbst gestanden hätten.

Die Vernichtungsaktion vom 3. November 1943 hatte die »Ost-Industrie« gelähmt; das spiegelt sich auch in den Berichten der meinem Ministerium unterstellten Rüstungsdienststellen wider.

Das Tagebuch der Zentralabteilung der Rüstungsinspektion vom 11. November erwähnt die Aktion, wobei man die konkrete Ausrottung ebenso wie in allen anderen Berichten der Rüstungsdienststellen vorsichtig umschreibt: »Unerwarteter und völliger Entzug der jüdischen Arbeitskräfte bei den Fabrikationsstätten Walter C. Többins in Poniatowa und Schultz u. Co in Trawniki.« Das Kriegstagebuch der Abteilung Verwaltung verzeichnete am gleichen Tag eine Meldung des Rüstungskommandos Warschau, nach der bei beiden Firmen »durch endgültigen Ausfall der jüdischen Arbeitskräfte die Fertigung unterbrochen« sei.

Noch unmißverständlicher berichtete der dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) unterstehende Wehrwirtschaftsführer: »Größere Lieferungsverzögerungen bei verschiedenen Textilbetrieben im Lubliner Bezirk durch den Ausfall jüdischer Arbeitskräfte auf Grund polizeilicher Maßnahmen«, die durch den »SD veranlaßt« worden seien.

Nicht nur die »Ost-Industrie-Werke«, sondern auch die ebenfalls Pohl unterstehenden »Deutschen Ausrüstungswerke« wurden durch diese Vernichtungsaktionen betroffen. »Dienstreise der Abteilung V nach Lemberg zwecks Verhandlungen über Unterbringung bzw. Zurücknahme der Aufträge der Deutschen Ausrüstungswerke«, heißt es im Kriegstagebuch der Rüstungsinspektion.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, welche gegeneinander gerichtete Willkür in den höheren Kreisen der SS geherrscht haben muß. SS-Obersturmbannführer Maurer, seit langem von Pohl eingesetzt, um den Einsatz von KZ-Häftlingen in der Rüstung zu erhöhen, verfaßte am 4. September 1943 ein Schreiben an Höß, das offenbart, wie wenig »elbst er über die wirklichen Verhältnisse Bescheid wußte: Ich ha"e » am 25. August 1943 SS-Hauptsturmführer Schwarz gesagt, daß » » ich die Zahl der voll arbeits- und einsatzfähigen Juden » » wissen muß, da ich beabsichtige, Juden vom KL Auschwitz » » abzuziehen, um sie bei Rüstungsfertigungen im Reich » » einzusetzen. Am 26. August 1943 habe ich dies durch » » Fernschreiben noch einmal mitgeteilt. Nach dem dortigen » » Fernschreiben vom 29. August 1943 sind von den einsitzenden » » 25 000 Juden nur 3581 arbeitsfähig. Diese sind aber restlos » » bei Rüstungsvorhaben eingesetzt und können nicht abgegeben » » werden. Was machen die restlichen 21 500 Juden? Irgend etwas » » kann hier nicht stimmen! Ich bitte den Auschwitz-Kommandant » » Höß Schonen oder liquidieren? Als Angeklagter in Warschau » » 1947. Juden-Erschießung: »Unersetzliche Führungskräfte gingen » » verloren« SS-Führer Globocnik »In meiner Aufsichtspflicht » » gehindert« Vorgang erneut zu überprüfen und mir zu » » berichten. »

Unterstrichen wird die Rätselhaftigkeit der Ermordung von 17 000 jüdischen Fachkräften, wenn wir lesen, daß am 4. November 1943, also just einen Tag nach der Aktion, der oberste SS-Verantwortliche für das Generalgouvernement, SS-Gruppenführer Krüger, die Zusicherung gab, in nächster Zeit der Rüstungsindustrie 5000 Juden zur Verfügung zu stellen.

Krüger wiederholte diese Zusage gegenüber General Schindler am 10. November 1943 und fügte hinzu, daß »weitere 5000 Juden im Laufe des nächsten halben Jahres folgen sollen. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um die im Lager Plaszow untergebrachten Juden. Damit würde die Rüstungsindustrie auf rund 33 000 Juden kommen, das ist etwa 20 Prozent der Gesamtbelegschaft« -- so Schindler.

Der erste Teil dieser Zusage wurde schnell verwirklicht. Nach einem Bericht der Rüstungsinspektion vom 16. November 1943 erreichte ein »Transport von 2500 jüdischen Arbeitskräften aus dem Zwangsarbeiterlager Plaszow« den Ort Skarzysko-Kamienna und wurde bei der Hugo Schneider AG Leipzig beschäftigt, die Munition produzierte. Am 18. November 1943 folgte ein »Transport von insgesamt 1500 jüdischen Arbeitskräften« (Sitzungsbericht der Rüstungsinspektion).

Damals führte Krüger allerdings nur der Form nach die Geschäfte. Denn einige Wochen zuvor war er durch SS-Obergruppenführer Wilhelm Koppe ersetzt worden.

Am 27. Oktober 1943 berichtete Frank seinen engeren Mitarbeitern, ihm sei »versichert worden, daß Koppe mit genauer Marschroute in völliger Gegensätzlichkeit zu dem bisherigen Zustand versehen ist und nunmehr ein Weg zu sachlicher Zusammenarbeit gefunden werden solle«.

Schindler kam nach Berlin, um die durch die Einsetzung Koppes entstandene neue Lage zu besprechen. Denn Frank hatte kurzerhand den neuen SS-Führer zu einem seiner Staatssekretäre ernannt, ihm also staatliche Funktionen in seiner Regierung eingeräumt.

Die Chronik meines Ministeriums vom 17. November 1943 berichtet über den Besuch Schindlers: »Die Eigenmächtigkeit der Regierung im Generalgouvernement stellt den dortigen Rüstungsinspekteur General Schindler vor eine besonders schwierige Aufgabe. Der Minister bespricht mit General Schindler die Lösung dieser Schwierigkeiten durch Einschaltung des neuen SS-Führers, Obergruppenführer Koppe, als Beauftragten des Ministers für Rüstungsangelegenheiten bei der Regierung, wodurch er sich eine Stärkung für die Arbeit des Rüstungsinspekteurs verspricht. General Schindler ist mit dieser Lösung einverstanden.«

Schindler begrüßte am 8. Dezember vor der Rüstungskommission Koppes Berufung: »Durch diese Neuordnung ist somit eine bedeutende Förderung der Rüstungsbelange zu erwarten. Eine beachtliche Erleichterung hat die Zuweisung von 4000 Juden gebracht, der noch die Zuweisung von weiteren 500 im laufenden Monat folgen wird. Darüber hinaus sollen in den nächsten vier Monaten weitere Judenzuweisungen erfolgen.«

Die Entwicklung der Produktionszahlen spricht nicht für eine wesentliche Erhöhung der Arbeiterzahlen in der zweiten Hälfte des Jahres 1943; zunächst mußte der Verlust von 17 000 eingearbeiteten Juden ausgeglichen werden. Nach einer Meldung der Rüstungsinspektion wurde der monatliche Durchschnitt der Produktion der ersten Hälfte 1943 mit 46 Millionen RM auf 58 Millionen RM im Oktober, auf 59 Millionen RM im November und auf 60 Millionen RM im Dezember gesteigert.

»Eine Regelung muß allerdings noch die Verpflegung der Juden finden«, hieß es in einem Bericht der Rüstungskommission vom 12. Januar 1944. Koppe lehnte es jedoch am 8. März ab, seine Autorität für eine Regelung der Ernährungsfrage einzusetzen. Fünf Tage später besprach sich Schindler daher mit der Hauptabteilung Ernährung und Landwirtschaft über die Verpflegung der Juden in Rüstungsbetrieben.

Ein Ergebnis wurde nicht verzeichnet. Voraussichtlich für eine weitere Besprechung Schindlers befindet sich in den Akten eine Niederschrift, in der erklärt wird: »E. L. (Hauptabteilung Ernährung und Landwirtschaft) teilte den Konzentrationslager-Juden bisher wesentlich höhere Sätze zu als den bei den Werken arbeitenden Juden.« Auch aus diesem Satz geht hervor, daß immer noch entgegen den Weisungen Himmlers Juden außerhalb der Lager beschäftigt wurden.

In der Niederschrift hieß es weiter: »Die Konzentrationslager-Juden erhalten über den SS-Wirtschafter Ernährungssätze, die etwa denjenigen im Reich, wie sie vom Reichsernährungsminister genehmigt sind, entsprechen. E. L. will den Juden bei den Werken nur die Sätze der polnischen Rüstungsarbeiter S.117 zubilligen. Eine solche Zuteilung würde nach dem äußerst mangelhaften Kräftezustand der Juden in der Schwerindustrie nicht ausreichen.«

Die Rüstungsstellen konnten im Rahmen ihrer Zuständigkeit nicht mehr tun, als fordernd auf die Mißstände in der Ernährung aufmerksam zu machen. Immerhin muß sie im Generalgouvernement für die Juden nicht so verzweiflungsvoll gewesen sein wie im Reichsgebiet, denn Simon Wiesenthal schreibt über seinen Aufenthalt als Häftling in einem Konzentrationslager des Generalgouvernements: »Bei der Ostbahn ging es uns verhältnismäßig gut. Wir hatten Kontakt mit der Außenwelt und erhielten auch mehr Lebensmittel.«

Die einzige durchlaufende Statistik über die beschäftigten Juden ist die des Wehrwirtschaftsoffiziers im Generalgouvernement, die allerdings lediglich diejenigen Juden erfaßte, die für den allgemeinen Heeresbedarf Frontzubehör wie Bekleidung, Pelze, Schuhwerk, Schlitten usw. produzierten. Trotzdem ist die Entwicklung dieser Zahlen von Interesse, denn sie spiegelt wahrscheinlich eine allgemeine Tendenz wider.

Nach dieser Statistik erhöhte sich im Bereich des Wehrwirtschaftsoffiziers die Anzahl der beschäftigten Juden vom Januar 1943 mit 15 091 auf 21 600 im Juli 1943. Auch Ende Oktober 1943 hatte sich die Zahl der in diesen Betrieben arbeitenden Juden keineswegs vermindert, sondern auf 22 444 Personen erhöht. Die Zahlen stiegen weiter. Ende Januar 1944 waren sie auf 26 296 angestiegen, im April auf 28 537.

Am 7. Juni 1944 wurde in der Sitzung der Rüstungskommission mitgeteilt: »Die Judenanforderungen sind außerordentlich groß, doch ist das Reservoir an Juden bald erschöpft. Vorläufig sind etwa 5000 Juden angefordert.«

Am 5. Juli 1944 wurde vor dem gleichen Gremium festgestellt: »Eine große Entlastung wäre der Judeneinsatz. Leider stoßen die diesbezüglichen Versuche, aus Litzmannstadt 2000 Juden nach dem Generalgouvernement zu bringen, auf Widerstand beim Reichsführer-SS.«

Nach dem Text dieser Notizen steht fest, daß inzwischen das große jüdische Menschenreservoir des Generalgouvernements praktisch ausgelöscht war. Groteskerweise schlug man jetzt vor, jüdische Kräfte aus Ungarn oder von Lodz zu importieren.

Eine andere Entwicklung vollzog sich in den sogenannten Reichsgauen, im Warthegau und in Oberschlesien. Hier waren die von Himmler den Reichs- und Gauleitern in Posen angekündigten Ausrottungsmaßnahmen entweder verschoben worden oder standen überhaupt nur auf dem Papier.

Die Rüstungsinspektion Kattowitz berichtete Ende 1943: »Der befürchtete Abzug der Juden ist noch nicht erfolgt, da höheren Orts rechtzeitig entsprechende gegenteilige Weisungen erteilt worden sind.«

Allerdings bestand die SS auch in Oberschlesien darauf, daß die Juden in Konzentrationslager verbracht würden. Der Bericht fährt daher fort: »Durch die Übernahme der Judenlager in die Verwaltung der Konzentrationslager werden größte Schwierigkeiten wegen der verlangten Kopfzahl dieser Lager von rund 1000 Jüdinnen und mehr entstehen, da es in den meisten Fällen unmöglich ist, so große Lager für diese Firmen zu errichten und 1000 Jüdinnen und mehr für die betreffenden Firmen zu beschäftigen.«

Das veranlaßte den Rüstungsinspekteur von Kattowitz, mich um eine Intervention bei Himmler zu bitten. Ich schrieb ihm am 15. Dezember 1943: »Der Rüstungsinspekteur VIII b in Kattowitz meldet mir, daß von dem KZ-Lager Auschwitz 40 000 KZ-Häftlinge der Rüstungsindustrie zur Verfügung gestellt werden können«, wobei anzunehmen sei, daß ein hoher Prozentsatz unter ihnen von Juden gestellt werden würde.

Ich schrieb: »Der Rüstungsinspekteur Oberst Hüter kann sofort 10 000 Mann in den Werken Blechhammer, Heydebreck und Auschwitz einsetzen. Ich brauche nicht auszuführen, welche Hilfe 40 000 oder zunächst nur 10 000 Mann für die Rüstungsindustrie bedeuten.« Der Brief hatte keinen Erfolg. Da S.119 nichts geschah, bat ich Himmler am 23. Februar 1944 in einem weiteren Brief, »der Rüstung in noch stärkerem Maße als bisher durch den Einsatz von KZ-Häftlingen an Stellen, die ich für besonders dringlich ansehe, zu helfen«, denn es habe »seit einiger Zeit der Zufluß von deportierten Arbeitern aus dem Ausland erheblich nachgelassen«.

Offensichtlich hatte ich keine Vorstellung davon, daß in den Konzentrationslagern Hunderttausende jüdischer Arbeitskräfte in eben diesen Monaten liquidiert wurden. Sonst hätte ich kaum so zaghaft gefragt, ob nicht 40 000 oder zumindest 10 000 Häftlinge beschafft werden könnten.

Auch in der Rüstungsinspektion Posen sind die in der Posener Rede Himmlers vom 6. Oktober 1943 angekündigten Tötungsmaßnahmen nicht durchgeführt worden.

Im Kriegstagebuch der Rüstungsinspektion Posen vom 22. Oktober 1943 wurde festgehalten: »Besprechung der Gettoverwaltung in Litzmannstadt über die Fertigung von monatlich 20 Millionen Stahlkernen für Infanteriemunition. Das Oberkommando des Heeres ist bereit, Sondermaschinen dem Getto zur Verfügung zu stellen, um die dort vorhandene einmalig große Kapazität an Arbeitskräften auszunutzen.«

Skeptischer äußerte sich eine Woche später Regierungsdirektor Weissker, der das Oberpräsidium des Warthegaus vertrat: »Veränderungen in der Belegung des Litzmannstädter Gettos sind zu erwarten. Die Räumung des Gettos scheint jedoch vorläufig im Interesse der Rüstungsfertigung zurückgestellt zu sein. Regierungsdirektor Weissker will sich bei Gauleiter Greiser dafür einsetzen, daß die Wehrmachtfertigung im Getto nicht gefährdet ist.«

Diese Bemerkung weist darauf hin, daß noch immer eine Verwirklichung der Mordabsichten drohte, die Himmler 24 Tage zuvor angekündigt hatte. Einen Monat später, am 30. November 1943, verschärfte sich die Lage. Es dürfte Gauleiter Greiser, ein extremer Antisemit, gewesen sein, der hier in eine radikale Richtung drängte.

»Die Anordnung zur Räumung des Litzmannstädter Gettos scheint nicht mehr rückgängig gemacht zu werden«, heißt es im Bericht der Rüstungskommission vom 30. November 1943. »Räumungstermin steht noch nicht fest. Neue Aufträge werden vom Getto nicht mehr angenommen.«

Der für diese Frage zuständige Vorsitzende der Rüstungskommission ließ allerdings dazu vermerken: »Von einem Stoppen der Wehrmachtsaufträge ist bei Wehrmachtsteil Heer (einer Abteilung der Posener Rüstungsinspektion) und Abteilung Verwaltung nichts bekannt.«

Er hatte recht. Sogar vom Generalgouvernement selber wurden jetzt Fertigungen nach Lodz gegeben, das Hitler nach dem General des Ersten Weltkrieges in Litzmannstadt umbenannt hatte. Im Kriegstagebuch der Rüstungsinspektion im Generalgouvernement ist unter dem 10. Dezember 1943 eingetragen: »Absprache mit Gettoverwaltung Litzmannstadt über Anfertigung von Tragetaschen für Infanteriespaten.«

Am 13. Februar 1944 hielt Himmler anläßlich eines Besuches in Posen fest, daß die Produktion weitergehen müsse. Greiser schrieb darüber am nächsten Tag an Pohl: »Das Getto von Lodz S.122 wird personell auf ein Mindestmaß verringert und behält nur soviel Juden, wie Sie unbedingt im Interesse der Rüstungswirtschaft erhalten werden müssen.« Er fügte hinzu: »Das Getto soll nicht mehr in ein Konzentrationslager umgewandelt werden.«

Allerdings handelte es sich für Himmler nur um eine vorübergehende Maßnahme, die momentane Rüstungsinteressen berücksichtigte. Himmler hielt, ohne ein bestimmtes Datum zu nennen, unbeirrt an der endgültigen Lösung fest, denn der Bericht Greisers fährt fort: »Nach Entfernung aller Juden aus dem Getto und nach Auflösung desselben soll dessen gesamter Grundbesitz der Stadt Litzmannstadt zufallen.«

Wahrscheinlich scheiterten mit dieser Entscheidung Pohls Pläne, die Produktion auch dieser einwandfrei arbeitenden Rüstungsbetriebe in Lodz unter seine vollständige Kontrolle zu bringen. Offensichtlich enttäuscht, stellte er in seiner Antwort fest, daß nach dieser Entscheidung Himmlers gegen die Umwandlung in ein Konzentrationslager »das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt nichts mehr mit dieser Angelegenheit zu tun hat«.

Die von Himmler zugestandene Duldung wichtiger Rüstungsfertigungen in Lodz dauerte lediglich vier Monate. Dann wurde meine Berliner Zentrale über die bevorstehende Räumung des Lodzer Gettos informiert. Offensichtlich hatte sie daraufhin Befehle herausgehen lassen, die Gauleiter Greiser veranlaßten, Himmler am 9. Juni 1944 »u berichten: Reichsführer! Gegenüber der von Ihnen befohlenen » » Räumung des Gettos in Litzmannstadt werden seitens der » » Rüstungsinspektion erhebliche Gegenvorstöße unternommen. » » Reichsminister Speer hat am 5. Juni nachts durch den Offizier » » vom Dienst der Rüstungsinspektion die Zahl der im Getto in » » den einzelnen Fertigungen beschäftigten Personen, ihre » » wöchentliche Arbeitszeit sowie die wöchentliche Fertigung in » » den einzelnen Produktionszweigen angefordert, um angeblich » » diese Ziffern beim Führer vorzutragen. Da ich mit den » » Vorbereitungen für die Räumung des Gettos fertig bin und die » » ersten Evakuierungen desselben vorgenommen habe, mache ich » » pflichtgemäß auf diesen Vorstoß zur Durchkreuzung Ihrer » Anordnungen aufmerksam.

Heil Hitler!

» Greiser »

Himmler antwortete am folgenden Tag: »Lieber Greiser! Besten Dank für Ihr Fernschreiben vom 9. 6. Bitte Sie, die Angelegenheit nach wie vor durchzuziehen.«

Greisers Intervention war eine offene Denunziation. Dabei mag die alte Animosität der hohen Parteifunktionäre eine Rolle gespielt haben, die mich immer als einen Emporkömmling in ihren Reihen angesehen hatten, der Hitler durch seine Architektur verzaubert und sich auf diese Weise illegitim in den engsten Kreis eingeschlichen habe.

Greiser wußte, daß Deutschland in diesen Monaten zunehmend zerbombt wurde und auf den Abgrund zuging. Er war klug genug, um die Vorteile sehen zu können, die unsere Kriegsführung aus dem Arbeitseinsatz der Juden hatte. Doch Greisers fanatischer Antisemitismus überwog jede rationale Erwägung. Er nahm es hin, mit den Juden die Produktion selber zu exekutieren.

Zwei Tage nach dem nächtlichen Anruf beim Rüstungsinspekteur in Lodz hatte ich eine längere Besprechung mit Hitler. Wenn auch im Protokoll die Angelegenheit Lodz nicht erwähnt wird, so besteht doch Grund zur Annahme, daß ich Hitler auf die zu erwartenden Produktionsverluste aufmerksam machte.

Jedenfalls gelangte der Befehl Himmlers nicht zur Durchführung. Acht Tage später, am 17. Juni 1944, ist im Kriegstagebuch des Rüstungskommandos Litzmannstadt vermerkt: »Besuch der Ingenieure Mayer und Mielke vom Arbeitsstab Gewehrmunition des Rüstungsministeriums bei der Gettoverwaltung. Da die Erhaltung der Arbeitskräfte S.124 zugesichert und Raum vorhanden ist, soll die Gettoverwaltung auch die Überholung von Infanterie-Munitionsmaschinen in großem Maße übernehmen.«

Im September 1944 schließlich näherten sich die Sowjetarmeen Lodz. Wie aus einem SD-Bericht vom 20. September 1944 hervorgeht, war die industrielle Rückverlegung aus Lodz zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen. Bis dahin war also im Lodzer Getto weiter für die Rüstung gearbeitet worden, ungeachtet der Himmlerschen Ankündigungen.

Auf September 1944 datiert auch der Londoner Architekt Roman Halter seinen Abtransport aus dem Lodzer Getto. Er schrieb mir 27 Jahre später:

»1944 arbeitete ich im Lodzer Getto in einer Metallfabrik. Als die Liquidation des Lodzer Gettos durchgeführt wurde, erhielt die Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, die in der Metallfabrik beschäftigt waren, einen Brief. Dieser Brief wurde vom Leiter unserer Gruppe, Chomovicz, in Empfang genommen. Als wir Auschwitz mit dem Transport erreichten, der für die Vergasung vorgesehen war, näherte er sich dem SS-Selektionsführer, dem er diesen Brief übergab.

Wir hatten dann für ungefähr eine Stunde an den Gleisen in Auschwitz zu warten, bis festgestellt war, ob dieser Brief eine Fälschung oder echt sei. Nach dieser Stunde wurden wir zum Lager gebracht und nicht zu den Gaskammern und daraufhin in ein anderes Konzentrationslager und von dort nach Dresden, wo wir in einer Munitionsfabrik arbeiteten, die ein Teil der Reemtsma Cigarettenfabrik war. Von diesem Brief, der 500 von uns das Leben rettete, wurde gesagt, daß er durch Sie geschrieben worden sei.«

Es ist kaum denkbar, daß es sich um ein persönliches Schreiben von mir gehandelt hat; vermutlich war es ein Begleitbrief der Rüstungsinspektion Posen, der dem damaligen Sprachgebrauch entsprechend vom »Ministerium Speer« gestammt haben konnte.

Die Grundsätze der Judenpolitik, die der Befehl Hitlers vom 22. September 1942 festgelegt hatte, wurden im April 1944 von Hitler selbst aufgehoben. Nunmehr waren nicht mehr alle Juden aus Deutschland zu entfernen, sondern möglichst viele wieder in das Reichsgebiet zu verbringen.

Während meiner dreimonatigen schweren Krankheit hatte Hitler, wie Ministerialdirektor Xaver Dorsch, der Leiter der OT-Zentrale in seinem Protokoll vom 6./7. April 1944 niederlegte, entschieden, daß er sich persönlich mit dem Reichsführer SS in Verbindung setzen und diesen veranlassen werde, 100 000 Mann durch Bereitstellung entsprechender Judenkontingente aufzubringen. Der Führer verlange ausdrücklich unter scharfer Betonung des Versagens der Bauorganisation, daß dieses Werk ausschließlich durch die OT (Organisation Todt) gebaut werden und die Menschengestellung durch den Reichsführer SS erfolgen müsse.

Es handelte sich um den sofortigen Bau von sechs Großbunkern in Deutschland mit je 100 000 Quadratmeter Grundfläche. Eine Woche später befahl Hitler den sofortigen Beginn der S.126 Arbeiten, und Dorsch versprach, sie bis November 1944 fertigzustellen.

Am 1. Mai kehrte ich in mein Amt zurück, und am 9. Mai befahl mir Hitler, »daß 10 000 deutsche Soldaten, die von der Krim zurückgebracht wurden, als Bewachungsmannschaften zum Einsatz ungarischer Juden, KZ-Häftlinge usw. zur Verfügung zu stellen sind«.

Zwei Wochen später rühmte sich Himmler in einer Rede vor Generalen in Sonthofen: »Zur Zeit fahren wir zunächst 100 000, später noch einmal 100 000 männliche Juden aus Ungarn in Konzentrationslager ein, mit denen wir unterirdische Fabriken bauen. Von denen aber kommt nicht einer irgendwie in das Gesichtsfeld des deutschen Volkes.«

Mitte Juni telegraphierte der »Reichsbevollmächtigte Ungarn«, Gesandter Edmund Veesenmayer, unter »Strengst Geheim": »Abtransport Juden aus Karpatenraum und Siebenbürgen (Zone I und II) an Zielorte am 7. Juni mit insgesamt 289 357 Juden in 92 Zügen zu je 45 Wagen abgeschlossen.« Am 17. Juni war die Zone III geräumt. In 23 Tagen verbrachte die SS381 661 Juden in das Vernichtungslager Auschwitz.

Am 7. Juni 1944 schrieb ich an den OKW-Chef Keitel, daß mir gemeldet worden sei, »von den nach Deutschland verbrachten Juden« seien »überhaupt nur 50 000 bis 60 000 einsatzfähig. Bei den übrigen handelt es sich um nicht einsetzbare Greise, Kinder, Kranke usw.«

Zu diesem Zeitpunkt mußte nach der Statistik Veesenmayers ein großer Teil der fast 290 000 ungarischen Juden aus Zone I und II bereits eingetroffen sein. Wenn ich diese Zahl gekannt hätte, wäre mir die gemeldete Zahl von 50 000 bis 60 000 einsatzfähigen Juden schlechterdings unglaublich erschienen.

Wir hofften auch auf jüdische Arbeitskräfte für den Rüstungsnachschub, aber »die Rüstung hat von diesen ungarischen Juden zunächst noch nichts bekommen. Sie müssen erst zum Bau der Großbunkerwerke eingesetzt werden«, wie ich an Keitel schrieb. Doch Ende Mai 1944 waren im Reichsgebiet nicht mehr als 8938 Juden tätig.

Auch politische Schwierigkeiten standen einer Beschäftigung von mehr Juden entgegen, jedoch schienen diese Schwierigkeiten im Gau Sachsen nach einigen Monaten behoben. In einer Niederschrift der Rüstungskommission IV a Dresden vom 18. Juli 1944 heißt es: »Einsatz von Juden und Häftlingen. Von Reichsführung SS gesteuert. Deutsche Frauen und Mädels als Führerpersonal eingesetzt. Noch im Werden begriffen. Nur für gewisse Lager möglich.« Da Frauen als Aufsichtspersonal vorgesehen waren, handelte es sich wiederum um den Einsatz von Jüdinnen.

Ungarische Juden müssen nun in größerer Zahl zur Verfügung gestanden haben. Denn am 7. August 1944 ließ mir General Waeger, der Chef des Rüstungsamtes, einen Aktenvermerk zukommen, nach dem »Gauleiter Sauckel den Einsatz ungarischer Juden im Gau Thüringen verboten hat. Die Aufhebung dieses Verbotes muß sofort erfolgen, da andernfalls auch andere Gauleiter ähnliche Verbote erlassen. Damit wäre der Einsatz ungarischer Juden im Reich unmöglich.«

Ob ich mündlich Dr. Goebbels auf diesen Punkt ansprach oder ob ich den Chef des Zentralamtes, Oberbürgermeister Willy Liebel, anwies, das Problem mit dem Staatssekretär von Goebbels, Naumann, zu erörtern, kann nicht festgestellt werden.

Da jedoch der Rüstungsinspekteur IX Kassel am 6. September 1944 vermerkte: »Einsatz der Jüdinnen. Es sind bis jetzt 2000 Jüdinnen in den Bezirk hereingekommen, von denen jedoch 850 noch nicht eingesetzt werden konnten«, ist anzunehmen, daß der Streit in meinem Sinne beigelegt wurde.

Eine einwandfreie Aufstellung über die Zahl der Juden, die bis zum Ende des Krieges in Konzentrationslagern im Reich beschäftigt waren, ist nicht vorhanden. Tuvia Friedmann, Leiter des Dokumentationszentrums für Naziverbrechen in Haifa, führte 1970 aus, daß 200 000 Juden die Qualen der Sklaverei überlebten.

Robert H. Jackson, der amerikanische Hauptankläger von Nürnberg, meinte in seinem Kreuzverhör: »Wie ich Sie verstehe, kämpften Sie (hinsichtlich der Juden) darum, genügend Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie zu bekommen, um den Krieg für Deutschland zu gewinnen. Und diese antisemitische Aktion war so intensiv, daß Sie dadurch Ihrer gelernten Techniker beraubt und Ihnen die Möglichkeit genommen wurde, Ihre Aufgaben durchzuführen.«

Ich antwortete Jackson: »Es ist sicher, daß es für mich ein großer Vorteil gewesen wäre, wenn die Juden, die evakuiert wurden, bei mir weiter hätten arbeiten können.«

Jackson hatte nur zu sehr recht. Unersetzliche Führungskräfte, die gerade unter den deutschen Juden zu einem hohen Prozentsatz vertreten waren, gingen der deutschen Kriegswirtschaft durch den radikalen Antisemitismus S.128 verloren -- ich denke beispielsweise an die Atomphysiker, die dann in den Vereinigten Staaten die Atombombe bauten.

Aus den Eintragungen der Rüstungsinspektionen im Generalgouvernement, in Posen und in Kattowitz oder im Reichsgebiet geht hervor, daß die Dienststellen meines Ministeriums sich bemühten, möglichst viele Juden zu beschäftigen; gleichzeitig versuchte man, aus welchen Gründen auch immer, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Hinweise auf mein unmittelbares Eingreifen fehlen jedoch.

Kleinere Schritte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Häftlingen haben mir zwar im Nürnberger Urteil eine Anerkennung des Gerichts eingetragen, aber ich kann mich nicht daran erinnern, grundsätzliche Argumente vorgebracht zu haben, die außertechnischen Charakter gehabt hätten.

Gab es für mich jenseits der technischen Ebene auch eine menschliche Seite der jüdischen Tragödie? Hätte ich Konsequenzen gezogen, wenn mir deutlich geworden wäre, was sich hinter dem »Abtransport« verbarg? Hätte ich Hitler mein Amt zur Verfügung gestellt?

Bis zum Herbst 1944 gehörte ich zu denjenigen, die alle Bedenken zurückstellten, wenn die Erfordernisse des Krieges es verlangten. Auch war ich Hitler noch so verfallen, daß ich allein auf seinen mißbilligenden Gesichtsausdruck hin weitere Ausführungen unterdrückt hätte.

Aber: Wie oft hatte Hitler den Juden Vernichtung angedroht! Für mich waren die in Gettos verschwundenen Zehntausende für den Arbeitsprozeß verloren; wohl hieß es gelegentlich, daß sie in Polen allgemeinen Heeresbedarf herstellten, und ich wußte aus meiner Tätigkeit, daß dies tatsächlich hier und dort geschah.

War das aber eine Antwort auf die Frage nach dem Verbleib dieser Menschen? Heute, fast 40 Jahre später, ist es mir unfaßlich, daß mir die Zahl der hergestellten Panzer wichtiger gewesen zu sein scheint als die der verschwundenen Opfer des Rassismus.

Ende

S.112

Ich habe am 25. August 1943 SS-Hauptsturmführer Schwarz gesagt, daß

ich die Zahl der voll arbeits- und einsatzfähigen Juden wissen muß,

da ich beabsichtige, Juden vom KL Auschwitz abzuziehen, um sie bei

Rüstungsfertigungen im Reich einzusetzen. Am 26. August 1943 habe

ich dies durch Fernschreiben noch einmal mitgeteilt. Nach dem

dortigen Fernschreiben vom 29. August 1943 sind von den einsitzenden

25 000 Juden nur 3581 arbeitsfähig. Diese sind aber restlos bei

Rüstungsvorhaben eingesetzt und können nicht abgegeben werden. Was

machen die restlichen 21 500 Juden? Irgend etwas kann hier nicht

stimmen! Ich bitte den Auschwitz-Kommandant Höß Schonen oder

liquidieren? Als Angeklagter in Warschau 1947. Juden-Erschießung:

»Unersetzliche Führungskräfte gingen verloren« SS-Führer Globocnik

»In meiner Aufsichtspflicht gehindert« Vorgang erneut zu überprüfen

und mir zu berichten.

*

S.122

Reichsführer! Gegenüber der von Ihnen befohlenen Räumung des Gettos

in Litzmannstadt werden seitens der Rüstungsinspektion erhebliche

Gegenvorstöße unternommen. Reichsminister Speer hat am 5. Juni

nachts durch den Offizier vom Dienst der Rüstungsinspektion die Zahl

der im Getto in den einzelnen Fertigungen beschäftigten Personen,

ihre wöchentliche Arbeitszeit sowie die wöchentliche Fertigung in

den einzelnen Produktionszweigen angefordert, um angeblich diese

Ziffern beim Führer vorzutragen. Da ich mit den Vorbereitungen für

die Räumung des Gettos fertig bin und die ersten Evakuierungen

desselben vorgenommen habe, mache ich pflichtgemäß auf diesen

Vorstoß zur Durchkreuzung Ihrer Anordnungen aufmerksam.

Heil Hitler!

Greiser

*

S.110Links: Reichskanzlei-Chef Heinrich Lammers.*S.112Als Angeklagter in Warschau 1947.*S.124Bei der Überreichung des Fritz-Todt-Ringes der Deutschen Technik.*

Albert Speer
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