»Wir lehren, schreiben, singen unseren Zorn«
Wenige Meter vor dem Kriegerdenkmal der Gemeinde von East Bridgewater im US-Staat Massachusetts steht seit dem vergangenen Jahr ein zweiter Gedenkstein.
In Granit ließen dort 80 Gemeindemitglieder und der Unitarier-Pastor Paul John Rich (»Es gibt so viele Denkmäler für den Krieg, man muß endlich eines gegen den Krieg aufstellen«) die Worte meißeln: »Vietnam -- eine amerikanische Tragödie. Entschuldigung für das, was wir dort getan haben.«
So rührende Versuche unternehmen amerikanische Bürger, um einen Krieg zu bewältigen, der, so der US-Senator Vance Hartke, »unsere Seelen verhärtet, unseren Geist betäubt und uns selbst als Nation beinahe zerstört hätte«.
Denn dieser Krieg der mächtigsten Industrienation der Welt gegen ein armes asiatisches Bauernland war, wie das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time« analysierte, »zu einer Art geistigem Bürgerkrieg in den USA« geworden und zu einer Art Glaubenskrieg auch in allen jenen Ländern, die, mit den USA verbündet sind.
Wie zuvor nur der Spanische Bürgerkrieg hat Vietnam Leidenschaft und Engagement auch bei Menschen geweckt, die selbst nicht unmittelbar betroffen waren. Und er schlug die gleiche »bösartige Wunde«, die, so der französische Philosoph Albert Camus, eine ganze Generation von Intellektuellen aus dem Spanischen Bürgerkrieg davontrug, weil sie lernen mußte, daß »schiere Gewalt den Geist besiegen kann«,
Die Wunde, die Vietnam schlug, ist wahrscheinlich sogar bösartiger. Denn anders als in Spanien entsprang die Gewalt einem System, das viele der Protestierenden zuvor als das Bestmögliche angesehen oder doch solcher Brutalität nicht für fähig gehalten hatten,
Als die ersten US-Studenten in den Jahren 1964 und 1965 gegen das Engagement in Vietnam demonstrierten, stießen sie auch fast nur auf verständnislose Ablehnung, Selbst viele der Proteste wurden zunächst in einem Ton ungläubigen Staunens vorgetragen und waren von einer Scheu gezeichnet, die ganze Wahrheit zu erkennen.
Ein »Vietnam Day Committee« an der Universität von Berkeley verteilte vor Truppenquartieren Flugblätter mit dem Appell: »Vielleicht glaubst du, daß der Krieg unrecht ist, kannst dich aber trotzdem nicht entschließen, das Kriegsgericht zu riskieren, dann findest du dich vielleicht als Befehlsempfänger in Vietnam wieder, unter Umständen wirst du auch kämpfen müssen -- aber bitte nicht mehr als unbedingt nötig. Alles Gute.«
Doch es ergab sich, daß immer mehr Soldaten in Vietnam kämpfen mußten -- und für immer mehr Studenten wurde der Vietnam-Protest ein »way of life« (Jerry Rubin, Mitbegründer des »Vietnam Day Committee«). Sie entdeckten, daß Amerika, wie der Dichter Robert Peterson schrieb, »nicht länger die Perle des Ozeans, nicht länger das Land der Freien« war.
Mit dem Erwachen aus dem »American Dream« stellte sich die Frage nach der Schuld an dem vietnamesischen Alptraum. »Es tut mir leid, daß ich die Wände beschmiere«, schrieb jemand an ein Gebäude der Columbia-Universität, »aber Babys werden verbrannt, und Menschen sterben, und diese Universität ist sehr direkt daran schuld.« Universitäten und Institute wandelten sich in »Fegefeuer-Stätten« der Selbstprüfung (Yale-Präsident Kingman Brewster); viele weigerten sich, fortan Forschungsaufträge der Regierung zum Thema Vietnam auszuführen.
Das Militär, die Politiker wurden als Schuldige erkannt, auch »alle Medien, die schon durch ihre brutale Sprache die Menschen an die Vorgänge in Vietnam gewöhnen« (so der in den USA lebende deutsche Philosoph Herbert Marcuse).
Auch in der Bundesrepublik entdeckte man Mitschuldige. Studentenführer Rudi Dutschke: »Wann endlich sehen wir uns die Fabriken in Frankfurt, München, Hamburg oder West-Berlin genauer an, die direkt und unmittelbar die amerikanische Armee in Vietnam mit chemischen und elektronischen Anlagen versorgen?« Allmählich dämmerte die Erkenntnis, daß Vietnam keine rein amerikanische Angelegenheit sei.
In dieser Erkenntnis trat 1967, geführt von Bertrand Russell und Jean-Paul Sartre, ein »Vietnam-Tribunal« zusammen, um nach dem Muster der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse über Amerika zu Gericht zu sitzen.
Zweimal je rund eine Woche lang tagten zunächst in Stockholm, dann bei Kopenhagen Juristen, Journalisten und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern und versuchten zu bewerten, was in diesem Krieg vor sich ging.
Sie vernahmen Augenzeugen, studierten Dossiers, hörten Spezialisten an und »wurden sich darüber klar«, so Sartre, »daß es keinen anderen Ausdruck für das gibt, was in Vietnam passiert, als das Wort Völkermord«. Und: »Das amerikanische Verbrechen in Vietnam trägt in sich den Keim zu Dutzenden von anderen Verbrechen, welche die Vereinigten Staaten zu begehen bereit sind, wo immer ihre Hegemonie angetastet wird.«
Das Verdikt galt damals allgemein als übertrieben -- nicht aber bei jenen Völkern der Dritten Welt. die amerikanisches Hegemoniestreben bereits zu spüren bekommen hatten. Für die Revolutionäre in Lateinamerika, aber auch in Afrika wurde Vietnam ein Lehrstück des eigenen Freiheitskampfs. Che Guevara rief zum Krieg gegen die USA durch »zwei, drei viele Vietnams in Lateinamerika« auf.
In der anderen der Alten und der Neuen -- Welt erschallte der Ruf »Ho-Ho-Ho-Tschi-minh« auf den Barrikaden des Pariser Mai wie in den Anti-Springer-Schlachten in Berlin. Mit dem Kampfruf »Make love not war« zogen die Jungen gegen Väter, Professoren und Etablierte zu Feld, deren Regeln sie nicht mehr anerkennen wollten, weil diese Regeln eine so brutale Vergewaltigung von Menschen wie in Vietnam nicht hatten verhindern können.
Bald waren es nicht mehr nur Studenten, Schüler, Professoren, Hippies und ein paar Intellektuelle, die sich in Amerika gegen den Krieg engagierten:
In New York veranstalteten über 600 Musiker, Filmemacher, Maler und Dichter eine »Woche der Zornigen Künste gegen den Krieg in Vietnam«, in Catonsville (Maryland) drangen neun Katholiken -- darunter die Jesuitenpater Daniel und Philip Berrigan -- in ein Rekrutierungsbüro der US Army ein, stahlen 378 Musterungsakten und verbrannten sie öffentlich mit selbstgefertigtem Napalm. Die Kirchenmänner wurden zu zwei bis dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Dennoch blieben die Protestler Außenseiter. Zu wissen, daß Amerika in Vietnam einen Krieg ohne Kriegserklärung führte, der Hunderttausende von Toten kostete, reichte allein nicht aus, eine Mehrheit von Amerikanern gegen den Krieg zu mobilisieren. »Was sollen wir tun, daß ihr uns hört?« fragte die Dichterin Nan Breymer. »Wir demonstrieren, lehren, schreiben, singen unseren Zorn ... Was sollen wir tun?« Ein Teil der Anti-Vietnam-Kämpfer versuchte in politischer Kleinarbeit, ihre Ziele durchzusetzen. Doch ihre Wahlkampagne für den Präsidentschaftskandidaten McCarthy blieb so erfolglos wie später die von McGovern.
Ihnen wurde aber klar, daß die bisher noch anerkannten Kontroll-Mechanismen der amerikanischen Demokratie nicht mehr funktionierten. Andere Amerikaner begriffen das erst, als der Vietnamkriegsgegner Ellsberg geheime Pentagon-Papiere veröffentlichte, die bewiesen, daß Amerika nicht in den Krieg geschliddert, sondern von seinen Militärs getrieben war.
Erst der Nachweis, daß sie betrogen worden waren, weil die Demokratie sich nicht an ihre eigenen Spielregeln hielt, mobilisierte eine breite Schicht von Amerikanern gegen den Krieg.
Die Invasion in Kambodscha und das Massaker von My Lai, die Erschießung von vier demonstrierenden Studenten der Kent-Universität und die Wiederaufnahme der Bombenangriffe brachten der Protestbewegung neue und oft unerwartete Bundesgenossen:
Neun frühere Mitarbeiter von Henry Kissinger überreichten eine Anti-Vietnam-Deklaration, Schwestern des Ordens der »Sisters of Charity« hielten eine Vietnam-Messe ab, und eine ökumenische Ratsversammlung von 650 Kirchenführern erklärte Nixons Vietnamisierungs-Politik als »unmoralisch«.
Jetzt führten den Protest die »Vietnam-Veteranen gegen den Krieg« an, eine Gruppe von etwa 25.000 organisierten Ex-GIs, die auf den Stufen des Capitols ihre Kriegsauszeichnungen fortwarfen und die Freiheitsstatue besetzten -- »Männer, die aus dem Krieg zurückkamen«, so der frühere Marineleutnant John Kerry, »mit einem Gefühl des Zornes und des Betrogenseins, das noch niemand begriffen hat«.
Doch die Proteste verhallten, die Regierung blieb taub. »Man kommt sich vor wie ein Kind, das Papierflugzeuge gegen eine Wand wirft«, resignierte der Präsident des Amherst College, John Wiltiam Ward. Als Nixon zu Weihnachten die härtesten Bombenangriffe des gesamten Krieges gegen Hanoi und Haiphong befahl, herrschte in den USA betäubtes Schweigen.
Anderswo, besonders in Westeuropa, allerdings ertönte Protest so laut wie seit Jahren nicht. In Utrecht fand die größte Demonstration Westeuropas seit dem Zweiten Weltkrieg statt.
Freilich artikuliert auch dieser Protest letztlich nur die Ohnmacht im Angesicht eines Übermächtigen. »Wir wissen, solange er herrscht mit der riesigen Macht seines Reichtums«, ließ der Dramatiker Peter Weiss in seinem Polit-Lehrstück »Vietnam-Diskurs« singen, »wird nichts sich verändern.«