TV-KRIMIS »Wir müssen eine Subkultur erzählen«
SPIEGEL: Herr Raacke, »Zartbitterschokolade« heißt besänftigend der Mitte Dezember laufende Berliner »Tatort«. Darin fällen Sie als Kommissar-Raubein besoffen einen Straßenweihnachtsbaum, lassen sich einen Sportwagen klauen und knutschen mit einer Verdächtigen. Soll das die Auferstehung von Kommissar Schimanski werden?
Raacke: Sie haben Recht, es ist uns nicht recht bewusst gewesen, aber verglichen mit anderen »Tatort«-Konzepten liegen wir sehr nah an Schimi. Er war mein Lieblingskommissar.
SPIEGEL: Gehört zu diesem Konzept auch der Charakter Ihres Partners Stark, den Boris Aljinovic spielt? Er ist im Gegensatz zu Ihnen außer Dienst ein besorgter allein erziehender Vater.
Raacke: Ja, er erinnert an den von Eberhard Feik gespielten Kommissar Thanner. Aber wir wollten nichts imitieren, es ging vielmehr um eine schauspielerisch dankbare Konstellation.
SPIEGEL: Ihre Geschichten spielen in Berlin, an einem gewissermaßen neumythischen Ort. Enthalten die »Tatort«-Filme genug hauptstädtische Atmosphäre?
Raacke: Es geht ja nicht darum, dass öfter das Brandenburger Tor zu sehen ist oder der Potsdamer Platz. Es geht um Fälle, die nur in Berlin spielen können.
SPIEGEL: Ein altes Berliner TV-Klischee heißt Russenmafia.
Raacke: Ich denke an andere Themen. Man könnte in einem Krimi zeigen, wie die Polizei durchdreht, wenn ein Staatsbesuch stattfindet. Ich wünsche mir für »Tatort«-Filme mehr Erkenntnisse.
SPIEGEL: Was heißt das?
Raacke: Ein Polizist im Fernsehen sollte Abenteurer sein, ein Forscher, der über einen Fall in eine ihm unbekannte Welt eindringt. Für uns heißt das, wir müssen eine Subkultur erzählen. Der Krimi muss immer auch Teile einer Dokumentation enthalten. Ich liebe Dokumentationen.