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TERRORISTEN Wir oder sie

Diese Woche beginnt in Stammheim das aufwendigste und möglicherweise längste Terroristenverfahren: der Prozeß gegen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. *
• aus DER SPIEGEL 5/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als nach sechs Jahren Fahndung der Augenblick gekommen war, da sie in die Mündungen der entsicherten Maschinenpistolen blickten und das Kommando »Halt, Polizei - keine Bewegung!« durch die Stille des kleinen Waldstücks gellte, glich sich die Szenerie zweier Festnahmen bis ins Detail und legte den mörderischen Irrwitz der RAF und ihrer ganzen Geschichte bloß.

Christian Klar, 31, wurde im November 1982 unmittelbar neben dem Erddepot »Daphne« verhaftet, das die RAF in der Nähe von Hamburg, bei Friedrichsruh im Sachsenwald, angelegt hatte. Eine Woche zuvor hatte es seine Komplizin Brigitte Mohnhaupt, 34, im Hessischen auf dieselbe Art ereilt: Gemeinsam mit ihrer Gefährtin Adelheid Schulz stand sie im Wäldchen bei Heusenstamm, südlich von Frankfurt, vor einem anderen konspirativ getarnten Erdloch, das ebenfalls prall gefüllt war mit den ergiebigsten Beweisstücken für die kriminalistische Aufarbeitung der begangenen Verbrechen durch Ermittlungsbehörden und Gerichte.

Mit der Gründlichkeit von Buchhaltern hatten die selbsternannten Revolutionäre mit ihren insgesamt 13 im Bundesgebiet angelegten Erddepots eigenhändig eine Art von Asservatenkammern errichtet und den Strafverfolgern viel Mühe bei der Suche nach Beweismitteln abgenommen - so sorgsam wie die Exekution ihrer Opfer hatten die Täter auch das Zentralarchiv für ihre Verbrechen organisiert. Allein die Auswertung dieser RAF-Bestände füllt schon 150 Leitzordner der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Es ist ein wichtiger Teil des Belastungsmaterials, mit dem die Ankläger gegen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt von Mittwoch dieser Woche an den möglicherweise zwar aufwendigsten und längsten, von der Beweislage her aber nicht mehr sonderlich komplizierten Terroristenprozeß in der Gerichtsfestung von Stuttgart-Stammheim bestreiten wollen.

Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt werden neun vollendete Morde zur Last gelegt. Die Auflistung der einzelnen Komplexe in der Anklageschrift liest sich wie eine Kurzfassung der Geschichte jener zweiten Terrorismus-Phase, die zwischen 1976 und 1982 die innenpolitische Wirklichkeit der Bundesrepublik mitbestimmt hatte.

Die Bundesanwaltschaft hält beide Angeklagte für Mittäter bei der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seiner zwei Begleiter, des Bankiers Jürgen Ponto, des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, seiner drei Sicherheitsbeamten und seines Fahrers. Sie wirft ihnen darüber hinaus noch mehrere Mordversuche vor, so den nicht zur Ausführung gelangten Raketenwerfer-Anschlag auf das Gebäude der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und die Schüsse mit einer sowjetischen Panzerabwehrwaffe auf den Dienstwagen des US-Generals Frederick Kroesen in Heidelberg.

Christian Klar werden zusätzlich noch zwei weitere Mordversuche vorgeworfen. Er soll im Januar 1977 an der deutsch-schweizerischen Grenze bei Riehen einen Grenzbeamten durch Schüsse verletzt und dann bei der Flucht auf einen Passanten geschossen haben.

Die Terroristen hatten nicht nur die Tatwaffen in den Fällen Ponto, Schleyer und Kroesen in ihren Erddepots archiviert. Zu Tage kamen mehr als 350 gefälschte Ausweise mit den neuesten Photos nahezu aller meistgesuchten RAF-Leute, Aufzeichnungen, Pläne und sogar Tonbänder mit Belegen über die einzelnen Verbrechen - als hätten die deutschen Stadtguerilleros schon Zeugnisse für die Geschichtsbücher sammeln wollen.

Wie in der Frühphase der RAF, zu Beginn der siebziger Jahre, schon Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof die Staatsschützer mit Notizzetteln und Abrechnungen über Reisespesen, Briefpapier und Marmeladengläser erst auf die richtige Fährte gebracht hatten, so verhedderten sich am Ende auch Christian Klar und seine letzten Gefährten in einem Netz aus pingeligem Perfektionseifer und bürgerlicher Gründlichkeit - sehr deutsche Wesenszüge, derentwegen die Revoluzzer aus der Bundesrepublik bei ihren Kontakten in arabischen Ländern von den palästinensischen Revolutionären

mitunter belächelt und wegen ihrer ideologischen Borniertheit auch nicht ganz für voll genommen wurden.

Als Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt schließlich den Fahndern in die selbstgestellten Fallen tappten, war die RAF schon längst politisch isoliert und als Untergrundgruppe im Fahndungsdruck ein Opfer ihrer eigenen Organisationsstruktur geworden. Die letzten Festnahmen waren nur mehr eine Frage der Zeit.

Schon lange vorher hatten sich prominente Gruppenmitglieder wie Peter-Jürgen Boock abgesetzt und ihre Waffen weggeworfen. Von denen, die noch heute auf der Fahndungsliste stehen und nach denen das BKA etwas vollmundig als »mit Vorrang gesuchten Terroristen« fahndet, sind weitere sechs längst auf und davon; von Terror wollen sie nichts mehr wissen.

Christian Klar und seine Getreuen hatten die Revolution zwar stets im Munde geführt, doch niemals zu ihrer Zeit gab es auch nur eine vorrevolutionäre Situation. Die RAF hatte keine Massenbasis, schon allein das Politchinesisch ihrer Texte wurde zum wirksamsten Mittel gegen die Ausbreitung ihrer Gedanken.

Die Bundesrepublik verdankt den Angeklagten die Aufrüstung des Polizeiapparats und den Teilabbau liberaler Rechtsstaatlichkelt. Beides war von der RAF gewollt, doch die daraus erhoffte Solidarisierung für eine Massenerhebung blieb aus.

Die Stammheimer Angeklagten haben nichts für sich selber gewollt. Ihre moralischen Beweggründe für eine Rebellion gegen Staat und Gesellschaft waren so offenkundig wie ihre Wirklichkeitsferne. Als der Fahndungsapparat erst auf Hochtouren kam, hieß die letzte Alternative nur Tod oder Inhaftierung.

Beide Angeklagten kamen von der Universität, als sie in den Untergrund abtauchten. Brigitte Mohnhaupt hatte einst in München Geschichte und Publizistik studiert.

Sie stieß schon Anfang der siebziger Jahre zur RAF, wurde 1974 zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt und ließ sich als Zellengenossin von Gudrun Ensslin in Stammheim zu einer neuen Führungsfigur aufbauen. Nach ihrer Entlassung im Februar 1976 wurde sie prompt wieder aktiv.

Christian Klar ist der Sohn des pensionierten Vizepräsidenten am Karlsruher Oberschulamt. Als Christian noch in Lörrach aufs Gymnasium ging, war der Vater dort Direktor. Die langjährige Auseinandersetzung des Sohnes mit der ebenso starken wie starren Persönlichkeit des Vaters, der allen fünf Kindern Höchstleistungen abtrotzen wollte und Christian oft an der Wunderkind-Begabung des ältesten Bruders maß, gewann prägenden Einfluß auf den Sohn.

Der Griff nach dem Außerordentlichen, das sich über die Normalität hinwegsetzt, war in der Familie angelegt. Dem Absolutheitsanspruch eines Menschen, der - wie ein Freund von früher Christian Klar beschreibt - »immer nur im eingebauten rechten Winkel denken kann«, bot offenbar erst die Terroristen-Karriere den Stoff zu einem Leben, in dem er sein persönliches Maß erfüllen konnte.

Mehr als ein Jahr strengster Isolationshaft haben ihn bis heute nicht verändert. Mag sein, daß sich der Überlebenswille gegen die tödliche Einsicht sperrt, das Leben für einen Irrtum verspielt zu haben. Jedenfalls sieht Christian Klar auch mit der zeitlichen Distanz zu den Verbrechen, die ihm vorgeworfen werden, die Welt um keine Nuance differenzierter.

In seiner Zelle schreibt er Briefe, die sich lesen, als seien sie von Staatsschützern entworfen, um ihre These von der fortdauernden Gefährlichkeit der RAF zu untermauern. Kein Wunder, daß die Justiz dem Textfluß keinen Einhalt gebietet - alles läuft in ihre Scheuern.

Für ihn, so schrieb er einem Anwalt, »zielt revolutionäre Politik in der Metropole gegen die Strategie der präventiven Unterdrückung immer wieder auf die Machtfrage«. Die RAF habe »den kriegführenden Staat nach außen und innen bewußt gemacht« und »das Verhältnis Guerilla-Staat auf den Punkt geführt, der in allen Kämpfen der Kern ist: daß es um die Machtfrage geht, wir oder sie«.

Deutlich wird aus anderen Briefen, wie sich die RAF noch in ihren letzten Zügen an die Friedensbewegung anhängen wollte, um im Spektrum der Linken nach Anhängern zu fischen. Vehement wandte sich Klar dabei gegen die »elenden destruktiven Diskussionen um gewaltfrei«.

Die Forderung nach »Zusammenlegung der politischen Gefangenen« sei, so

schrieb Christian Klar seiner Mutter, »der Punkt, von dem jede weitergehende Möglichkeit nur ausgehen kann. Und es ist auch das politische Signal, das die Weiterentwicklung der Auseinandersetzung draußen richtig interpretiert«.

Als ob er die Hoffnungen aller jener inhaftierten Gesinnungsgenossen zunichte machen will, die tatsächlich nur aus persönlichen und humanitären Gründen nicht länger in ihren Zellen allein bleiben wollen, markiert Klar in einem weiteren Brief zum Thema Zusammenlegung ganz offen »noch eine andere Verbindung. Nämlich daß die Entfaltung von Kräften und tatsächliche Schritte nach vorne ... auch Bedeutung hat für das gesamte Konzept der Front«.

Enthüllend seine Gereiztheit in der Korrespondenz über die »Revolutionären Zellen« (RZ), die - aus der Legalität heraus operierend und damit für die Fahnder kaum zu greifen - mit ihrer Strategie von Brand- und Sprengstoffanschlägen schon seit Jahren der RAF den Rang abgelaufen und die Leute um Klar/ Mohnhaupt auch schon mal als »Opas Guerilla« verspottet hatten.

Christian Klar wirft der RZ-Konkurrenz vor, daß »ihre Ideologie sie daran hindert, den Begriff des internationalen Klassenkriegs in den Mund zu nehmen«, und offenbart dabei sein persönliches Verhältnis zur Gewalt gegenüber Personen: »Wie die RZ das macht, zu betonen, daß bei den Angriffen auf US-Konzerne keine kleinen Angestellten getroffen werden, ist das eben die defensivste Linie.«

Heute, da die beiden letzten RAF-Protagonisten in Stammheim vor Gericht gestellt werden, ist soviel sicher: Das Konzept der Stadtguerilla als Untergrundarmee ist tot. In der Bundesrepublik wird es eine neue Terroristenorganisation nach dem Muster der alten RAF nicht mehr geben.

Das wenigstens war unbestritten ihr Erfolg.

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