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Gesundheit Wir Papiertiger

Dubiose Laboratorien machen Krebskranken mit windigen Präparaten Hoffnung - und schröpfen sie.
• aus DER SPIEGEL 35/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Diagnose fiel schrecklich aus: Krebs, ein Nierenzellkarzinom, Operation dringend notwendig. Dabei stünden die Chancen auf Heilung, so eröffnete der Chefarzt seinem Patienten schonungslos, nicht eben glänzend, kaum besser als halbe-halbe. Denn die üblichen Verfahren - Chemo-, Radio- oder Hormontherapien - nach der Operation setzten diesem Tumor nicht zu. Der Kranke sei also danach, wie es so passend heißt, »schulmedizinisch austherapiert«.

Dann wartete der Arzt mit einem schwachen Hoffnungsschimmer auf. Da gebe es etwas ganz Neues, die autologe Immuntherapie. Dabei werde der Tumor entfernt, und Teile davon würden an ein Labor eingesandt. Dort würden einzelne Zellen in einen Impfstoff verwandelt; das Serum bekomme der Kranke gespritzt. Gehe alles gut, würden sich körpereigene Abwehrstoffe auf jede Krebszelle, die sich fortan bilde, stürzen.

Der Patient verstand wenig und schöpfte Hoffnung. Zumal der Chefarzt von günstigen Erfahrungen mit der autologen Therapie berichtete. Erste klinische Ergebnisse seien positiv ausgefallen, Untersuchungen sächsischer Urologen hätten einen »deutlichen Überlebensvorteil« für die mit dem Impfstoff aus ihren eigenen Zellen behandelten Patienten gezeigt, Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten.

Allerdings habe die Sache einen Haken, so meinte der Chefarzt zu seinem Patienten, die Krankenkasse komme für die Therapie nicht auf. Natürlich zögerte der Patient keine Sekunde, selbstverständlich war er bereit, für sein Überleben 20 000 Mark selbst aufzubringen.

Warum die Kasse sich sperrt, die Kosten für den Impfstoff zu übernehmen, verschwieg der Doktor vorsorglich.

In den Jahren 1991 und 1992 waren bei den Kassen die ersten Anträge auf Bezahlung solcher Immuntherapien eingegangen. Zunächst kamen sie prompt dafür auf. Das ist erst anders, seitdem Berichte eigener Fachleute vorliegen und seit führende Krebsspezialisten Grund zur Skepsis gaben.

Vor allem die Allgemeinen Ortskrankenkassen sind mittlerweile überzeugt, daß der teure Immunstoff nicht wirkt und sogar gefährlich ist. »Bei diesen Produkten«, lautet das Fazit einer Untersuchung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung in Bayern, bestünden gehörige »Zweifel an Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit«.

Die gleichen Bedenken hat das Bundesamt für Sera und Impfstoffe (Paul-Ehrlich-Institut) schon im Februar 1994 Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) in einem Brief auf 14 Seiten vorgetragen. »Wegen gravierender Mängel bei der Herstellung und Prüfung sowie zweifelhafter Qualität« riet das Bundesamt seinem Dienstherren dringend, »das Inverkehrbringen derartiger Arzneimittel zu verhindern«. Denn bei der autologen Immuntherapie drohe etwa die »Übertragung von Viren«.

Normalerweise beweist Seehofer Gespür dafür, wann es richtig ist, Alarm zu schlagen. Diesmal reagierte er wie ein Bürokrat. Er begnügte sich damit, ein neues Gutachten beim Bundesamt zu bestellen, Termin: Ende 1995.

Er blieb auch untätig, als sämtliche 16 Gesundheitsminister der Bundesländer im November 1994 an ihn appellierten, sich endlich um die ominösen Therapeutika zu kümmern, »um eine unmittelbare oder mittelbare Gefährdung der Gesundheit von Mensch oder Tier zu verhüten«. Zur gleichen Zeit wies der Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen Seehofer schriftlich auf die schwerwiegenden Probleme mit den »Immuntherapien aus Körpermaterial der Patienten« hin. »Abhilfe von Ihnen, sehr geehrter Herr Minister«, werde »dringend erwartet«.

Auf Abhilfe läßt der Minister mit dem Sinn für Populismus weiter warten.

In ihrer Not schenken Schwerkranke, konfrontiert mit einer niederschmetternden Diagnose, auch schon mal zweifelhaften Therapien Glauben - und fallen Scharlatanen und üblen Profiteuren in die Hände. Das geltende Arzneimittelrecht läßt die gewähren. Die Lücken im Gesetz muß der Gesundheitsminister schließen. Seehofer aber schloß bis heute nicht.

So floriert das Geschäft, das Ärzte und Labors mit Krebskranken machen, ungestört. Innerhalb kürzester Zeit wurden, so zählten die Kassen, rund 4000 Patienten mit den bedenklichen Arzneimitteln traktiert, für schätzungsweise 80 Millionen Mark.

Dafür werden eigens Medizin-GmbHs gegründet. Etliche Hersteller hegen die Absicht, nicht nur Klinikärzte, sondern auch niedergelassene Mediziner für die fragwürdige Tumorimpfung zu begeistern. »Daher«, fürchtet der Medizinische Dienst der Krankenversicherung in Bayern in einem internen Bericht, »ist eine enorme zahlenmäßige Steigerung zu erwarten.«

Das ist auch für Seehofers Beamte nichts Neues. Pharma-Referatsleiter Wolfgang Hartmann-Besche: »Wir kümmern uns drum« - aber in aller Ruhe.

Nun gibt es nicht nur Ärzte und Labors, die aus der Krankheit ein Geschäft machen wollen. Da sind auch seriöse Wissenschaftler, die sich mit der problematischen Therapie befassen. An den Medizin-Hochschulen, etwa in Hannover oder Heidelberg, suchen Immunologen nach neuen Anti-Krebs-Therapien.

»Theoretisch durchaus attraktive Gesichtspunkte« sieht denn auch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg in dieser Therapie. Nur in der Praxis sei der Durchbruch eben nicht gelungen, die Wirksamkeit »nicht erkennbar«.

An Heilung mit der autologen Therapie ist noch nicht zu denken, die Frage, »ob ein therapeutischer Nutzen zumindest wahrscheinlich ist«, beantwortet Stefan Meuer, Leiter der Abteilung angewandte Immunologie im Heidelberger Zentrum, »mit Nein«.

Verkauft, verordnet, gespritzt werden die zum Teil recht abenteuerlich behandelten Tumorzellen gleichwohl. Es gibt keine Prüfung, es gibt keine Zulassung der Methode. Das Arzneimittelrecht nimmt Produkte von der Zulassungspflicht aus, die nicht serienmäßig hergestellt, sondern speziell für den einzelnen Patienten gemischt oder gefertigt werden.

Das ist bei den Immunpräparaten der Fall: Sie werden ja individuell, meist aus Tumorzellen des jeweiligen Patienten, gewonnen. Und auch die Ärzte, die sie spritzen, können sich auf einen gesetzlichen Ausnahmezustand berufen. Wo die Schulmedizin nicht weiterweiß, ist ihnen ein »Heilversuch« erlaubt, auch wenn der Ausgang ungewiß ist.

Beide gesetzlichen Besonderheiten sollen Forschen und Experimentieren ermöglichen. Dabei allerdings hat der Gesetzgeber die Geschäftemacher übersehen. Und solange das Recht nicht geändert wird, sind auch die emsigsten Gesundheitsbeamten machtlos.

Im Detail listete das Paul-Ehrlich-Institut dem Gesundheitsminister seine Bemühungen auf, gegen die nicht zulassungspflichtigen Problempräparate vorzugehen. Denn eine Herstellungsgenehmigung, immerhin, müssen die Laboratorien beantragen. Darüber zu entscheiden ist wiederum Sache der Länder. Und die müssen sich mit dem Bundesamt »ins Benehmen« setzen, wie es das Gesetz vorschreibt.

Die zuständigen Beamten aber müssen die Herstellung von Produkten erlauben - mögen sie noch so unsinnig sein -, wenn die Produktionsräume »sauber und für den Zweck geeignet« sind und die damit befaßten Personen die nötigen formalen Voraussetzungen mitbringen. So will es das Gesetz. »Wir von der Arzneimittelüberwachung sind Papiertiger«, sagt Hanspeter Höcklin, Ministerialrat im niedersächsischen Sozialministerium.

In Duderstadt und Kaiserslautern, in München, Dessau und Gelsenkirchen, überall legte sich das Bundesamt quer. Überall jedoch - mit wenigen Ausnahmen - genehmigten die Landesbehörden die Herstellung der umstrittenen Impfstoffe, obwohl sie selber sähen, so der Hannoveraner Höcklin, »wie die Firmen anschließend das Land abklappern und Ärzten ihre zweifelhaften, aber lukrativen Ideen anbieten«.

Bei allen Betriebsbesuchen fand das Bundesamt »höchst unbefriedigende Zustände« vor. Da würden Tumore »mit lebendem Geflügelpestvirus« behandelt, mit Cäsium 137 bestrahlt, werde ihnen sogar Urin beigemischt. Dem Gesundheitsminister in Bonn meldeten seine Wissenschaftler auch, »daß selbst einzelne Geschäftsleitungen die Unzulänglichkeiten ihrer Produkte zugeben«.

Im Hause Seehofer ist man durchaus guten Willens. Man will ja helfen und künftig »Rezepturarzneimittel« ebenso der Überprüfung, Zulassung und Überwachung unterstellen wie Fertigprodukte. Allein - weder den Beamten noch ihrem Chef ist bislang, wie Seehofers Pharmaspezialist Hartmann-Besche verlegen zugibt, »eine geeignete juristische Definition« eingefallen, um »Scharlatane und Profitmacher von seriösen Forschern abzugrenzen«. Y

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Umstrittene Methode in der Krebsbekämpfung

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