»Wir sind auf dem richtigen Weg«
SPIEGEL: Frau Ebadi, welche Akten liegen derzeit auf Ihrem Arbeitstisch?
Ebadi: Zu den Unterlagen meiner Mandanten, die ich als Anwältin vor Gericht vertrete, konnte ich mich noch gar nicht durcharbeiten. Obenauf liegen erst einmal die vielen Fax- und Gratulationsschreiben, die ich nach der Bekanntgabe der Preisverleihung erhalten habe.
SPIEGEL: Welche Verteidigung liegt Ihnen denn derzeit besonders am Herzen?
Ebadi: Ich engagiere mich für politische Gefangene wie kritische Journalisten und verfolgte Studenten, aber auch für benachteiligte Frauen in familiären Streitfällen. Doch alle Fälle sind mir gleich wichtig. Wie eine Mutter bei ihren Kindern könnte auch ich nicht sagen, dass mir ein Schicksal mehr bedeutet als ein anderes.
SPIEGEL: Wie Ihre Mandate zeigen, leben Regimekritiker in Teheran gefährlich - sie müssen Verhaftungen fürchten oder können von islamistischen Schlägertrupps überfallen und sogar getötet werden. Ist auch bei Ihnen die Angst zum ständigen Begleiter geworden?
Ebadi: Angst ist ein Gefühl, das einen beschleicht wie der Hunger. Es kommt auf, ob man das nun will oder nicht. So werde auch ich von Ängsten heimgesucht, zumal ich schon Morddrohungen erhalten habe.
Doch ich lasse mich nicht von meiner Arbeit ablenken.
SPIEGEL: Wie haben Sie Ihre Angst in den Griff bekommen?
Ebadi: Dabei hat mein Glaube mir sehr geholfen, denn ich bin Muslimin, und Gott ist meine Stütze.
SPIEGEL: Das Nobelpreis-Komitee sieht Ihre Auszeichnung offensichtlich auch als Fingerzeig an die Mullahs. Verstehen Sie sich selbst als eine Art Front-Frau gegen das Regime?
Ebadi: Ich glaube nicht, dass dieser Preis politisch gemeint war, um etwa mit dem Finger auf ein Land zu zeigen. Aber Sinn des Preises ist natürlich schon, den Menschen zu helfen, die gegen Krieg und Gewalt kämpfen.
SPIEGEL: Viele Ihrer Mitstreiter befürchten, dass die Ehrung zu spät kommt, um der vielfältig fraktionierten Reformbewegung noch einmal Schwung zu geben. Dafür sei
der Frust über das Versagen von Staatspräsident Mohammed Chatami, der Ihren Preis auch noch sehr heruntergespielt hat, zu groß.
Ebadi: Was Staatspräsident Chatami anbelangt, so ist jeder frei, seine Meinung zu äußern, und ich respektiere die Ansicht anderer. Ich zumindest bin froh, diesen Preis bekommen zu haben. Ich hatte eigentlich erst in einigen Jahren damit gerechnet, wenn vielleicht mehr Bücher von mir in andere Sprachen übersetzt wären und ich weltweit mehr Aufmerksamkeit auf meine Thesen hätte lenken können.
SPIEGEL: Sie haben also damit gerechnet, eines Tages den Nobelpreis zu erhalten?
Ebadi: Ich wusste nicht einmal, dass ich dieses Jahr zu den Kandidaten zählte. Ich bin von der Auszeichnung völlig überrascht worden, als ich mich gerade für ein Seminar über Frauenfragen in Paris aufhielt. Andererseits bin ich kein ganz unbekanntes Gesicht und habe schon andere internationale Menschenrechtspreise erhalten.
SPIEGEL: Glauben Sie nach der Kritik von Präsident Chatami an Ihrem Preis, den er gleichsam als Eingriff des Auslands in die inneren Angelegenheiten Irans sieht, noch an den Reformwillen Ihres Staats- und Regierungschefs?
Ebadi: Ich hoffe zumindest darauf.
SPIEGEL: Das klingt aber eher nach Resignation.
Ebadi: Wenn es um die Deutung der Zukunft geht, spreche ich grundsätzlich von Hoffnung.
SPIEGEL: Während Ihres Aufenthalts in Frankreich trugen Sie kein Kopftuch. War das ein demonstrativer Akt gegen die Mullahs?
Ebadi: In Iran muss jede Frau ein Kopftuch tragen, so sind nun mal unsere Gesetze. Da ich die respektiere, verhülle ich mein Haar, wenn ich in meiner Heimat bin. Außerhalb meines Landes muss ich dies aber nicht tun und kann meine ganz persönliche Entscheidung treffen.
SPIEGEL: Vor allem in Deutschland ist eine heftige Debatte über die Symbolkraft des Kopftuchs ausgebrochen, da es vielfach als Zeichen der Unterdrückung gesehen wird.
Ebadi: Man muss den Menschen ihre Freiheiten lassen. Wenn eine Frau in Europa ein Kopftuch tragen möchte, dann muss man ihr das zubilligen. Ihnen steht es doch auch frei, eine Krawatte umzubinden.
SPIEGEL: Gerade das Kopftuch aber wird als das Symbol der Fundamentalisten gesehen, die eher für Frauenfeindlichkeit stehen.
Ebadi: Alle Dinge kann man nutzen oder ausnutzen. Wichtig ist der Respekt vor der persönlichen Freiheit.
SPIEGEL: Weil eine muslimische Lehrerin auch im Unterricht ihr Kopftuch tragen will, beschäftigt diese Kleiderfrage sogar unser Bundesverfassungsgericht.
Ebadi: Auch wenn wir der Überzeugung sind, dass Staat und Religion völlig getrennt sein sollten, müssen wir einsehen, dass Kleidung eine sehr persönliche Entscheidung ist. Es sind die Gedanken des Menschen, die zählen. Ich hoffe, Ihr Gericht wird sich letztlich für die Freiheit der Menschen bei der Wahl ihrer Bekleidung entscheiden.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, es sei krank, wie die iranische Gesellschaft von Männern dominiert wird. Sitzen wir einer Feministin mit Kopftuch gegenüber?
Ebadi: Ich bin gegen das Patriarchat. Aber damit meine ich nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Männer habe. Im Grunde ist das Patriarchalische eine überkommene Tradition, die sogar von Müttern an ihre Söhne weitergegeben wird. Es sind nicht nur Männer, die diese Kultur unterstützen, auch Frauen können dies tun.
SPIEGEL: Die Mullahs in Iran rechtfertigen ihre diskriminierenden Gesetze mit dem Verweis auf den Koran und die Scharia, das islamische Recht.
Ebadi: Unser Hauptproblem ist die patriarchalische Kultur, die im Morgenland dominiert, also auch in Iran. Sie prägt alle Bereiche unseres Lebens. Patriarchalisch legen die Männer daher auch unsere Religion aus, nämlich zu ihrem Vorteil.
SPIEGEL: Nun sind Sie aber doch mehr Feministin als Juristin.
Ebadi: Unsere Gesetze sprechen für sich. Danach ist die Frau nur halb so viel wert wie ein Mann. So muss etwa für einen getöteten Mann doppelt so viel Blutgeld gezahlt werden wie für eine ermordete Frau. Wenn wir uns als Anwälte gegen solche Gesetze wehrten, bekamen wir zu hören, das stünde so im Koran, und deshalb könnten diese Gesetze nicht geändert werden.
Aber der Einwand einiger sehr maßgeblicher Mullahs hat gezeigt, dass diese Gesetze sich nicht auf den Islam stützen, sondern auf dessen schlechte und falsche Interpretation.
SPIEGEL: Also müsste eine Art weiblicher Martin Luther her, um den Islam zu reformieren.
Ebadi: Nein, so jemanden brauchen wir nicht. Eigentlich bedarf es nur einer uneigennützigen Interpretation des Islam.
SPIEGEL: Wie verträgt sich Ihre These vom mächtigen Patriarchat, das den Islam zur Stärkung der Männer-Vormacht ausbeutet, mit dem heute deutlich höheren Anteil an Studentinnen als zu Zeiten des Schahs?
Ebadi: Früher hielten viele Väter ihre Töchter vom Besuch der Universität ab. Sie fürchteten, ihre Mädchen könnten dort mit jungen Männern zusammenkommen und so vom rechten Pfad abweichen. Aber mit Begründung der Islamischen Republik hatten diese Männer keine Ausrede mehr, weil alles »islamisch« und damit rechtens war. So hat die Revolution die Männer ihrer Ausrede beraubt.
SPIEGEL: Diesem Fortschritt durch die Revolution steht aber entgegen, dass Sie Opfer des Umsturzes wurden und Ihr Amt als Richterin aufgeben mussten.
Ebadi: Ich war sogar die Direktorin meines Gerichts, wurde dann aber zur Sekretärin degradiert. Deshalb bin ich aus dem Staatsdienst ausgeschieden und Anwältin geworden. Und wie mir wurde damals auch anderen Frauen der Beruf genommen. Das Fällen von Urteilen, so die Begründung, sei »Haram«, ein Vergehen an der Religion. Inzwischen jedoch arbeiten zwei Frauen sogar als Richterinnen am Obersten Berufungsgericht.
SPIEGEL: Ein Erfolg Ihres Kampfes gegen das System?
Ebadi: Nicht gegen das System, sondern gegen die patriarchalische Kultur. Deren Vertreter wollten anfangs nicht hinnehmen, dass Frauen entscheidende Positionen bekleiden.
SPIEGEL: Bis Sie den Patriarchen die Stirn boten.
Ebadi: Wir haben viele Artikel geschrieben, viele Reden gehalten, viele Seminare organisiert. Und auch mit den Religionsgelehrten haben wir uns sehr auseinander gesetzt. Durchaus mit Erfolg. Sogar die Befähigung zum Amt des religiösen Führers ...
SPIEGEL: ... das derzeit Ajatollah Ali Chamenei, der geistige Erbe des Republikgründers Ajatollah Chomeini, innehat ...
Ebadi: ... schließt inzwischen einer der größten Gelehrten Irans, Großajatollah Jussuf Sanei in Ghom, nicht mehr aus.
SPIEGEL: Hat die Führung Irans den Koran womöglich nicht richtig verstanden?
Ebadi: Auch hier respektiere ich die Meinung anderer. Wer wäre ich, um nun zu sagen, dass meine Interpretation des Islam die richtige sei.
SPIEGEL: Die Würde des Menschen zählt zu den universellen Grundrechten, die 1948 von der Uno verkündet wurden. Ist die islamische Gesellschafts- und Gesetzesordnung wirklich mit den Menschenrechten, mit Freiheit und Demokratie vereinbar?
Ebadi: Die Scharia zeigt den Menschen einen Weg zum rechtmäßigen Leben. Dabei gibt es keinen Konflikt zwischen der Scharia und den Menschenrechten. Beide sind sehr wohl miteinander vereinbar.
SPIEGEL: Viele Religionsgelehrte halten im Namen des Islam kulturelle Ausnahmen von einem weltweit gültigen universellen Prinzip der Menschenrechte für zulässig.
Ebadi: Diese Auffassung teile ich nicht. Aber ebenso unzutreffend erscheint mir die These vom Zusammenprall der Kulturen. Wir alle - Muslime, Juden, Christen - können sehr wohl in Eintracht miteinander leben.
SPIEGEL: Wird der Nobelpreis Ihrem Engagement für Frieden und Menschenrechte einen neuen Schub geben?
Ebadi: Der Nobelpreis bestätigt uns darin, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
SPIEGEL: Vor Ihren zahlreichen Büchern steht eine amerikanische Freiheitsstatue. Ist die »Lady Liberty« für Sie mehr als nur ein Regalschmuck?
Ebadi: Ich habe mir aus jedem Land oder jeder Stadt, wo ich eine Rede gehalten habe, etwas Symbolisches mitgebracht, aus Berlin etwa ein Modell des Brandenburger Tors. Aber auch ein Stück der niedergerissenen Berliner Mauer ...
SPIEGEL: ... das die Kraft eines Volkes symbolisiert ...
Ebadi: ... hat seinen Platz in meinem Regal.
SPIEGEL: Frau Ebadi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Schirin Ebadi
zählte schon zu den bekanntesten Anwältinnen Irans, bevor ihr am 10. Oktober der diesjährige Friedensnobelpreis zugesprochen wurde. Immer wieder hatte sich die Juristin, die 1979 gleich in den ersten Monaten der Islamischen Republik ihr Richteramt niederlegen musste, als Verteidigerin von Regimegegnern einen Namen gemacht - und mit ihrer Festnahme im Jahr 2000 den persönlichen Preis dafür gezahlt. Aber auch als Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frau und als »Anwältin der Kinder«, die nach einer Scheidung dem Vater zugesprochen werden, zieht Ebadi, 56, gegen Unrecht im Namen des Islam zu Felde.
Weil religiöse Fanatiker sie dafür mit dem Tod bedrohen, ordnete die Regierung Ende vergangener Woche Personenschutz für sie an.
Das Gespräch führten die Redakteure Dieter Bednarz und JoachimPreuß in Teheran.