»Wir sind verrückt vor Freiheit« - DER SPIEGEL
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»Wir sind verrückt vor Freiheit«

• aus DER SPIEGEL 2/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was geschehen mußte, ist geschehen. Nun lungern sie im Arbeitszimmer Ceausescus herum und dösen vor sich hin. Sie haben ihn selbst gestürzt, sie waren stärker als er, wenn sie das nur früher gewußt hätten. Der Tyrann, wie er jetzt heißt, ist tot: der Mensch, der jeden von ihnen mit dem Tod bedrohte, wenn er ihn nicht laut genug liebte, der alle tötete, die ihren Haß auf ihn nicht in Demut versteckten.

Die Revolution ist vorüber, die Revolutionäre sind erschöpft. Die einen schlafen, den Kopf auf den reichverzierten, aber eichenharten Schreibtisch gebettet. Sie schlafen vertrauensvoll, denn neben ihnen würzen Kameraden ihr Brot mit Knoblauchwurst und Zwiebeln, es riecht wie daheim. Einer lädt feierlich Kalaschnikow-Magazine, und am großen Konferenztisch schütten sie sorglos Kaffee und Zigarettenasche auf die golddurchwirkte Brokatdecke.

Mit zwei Fingern tippt ein totenbleicher Jüngling ein Dokument auf einer alten Schreibmaschine ab. Einer liest eine vier Tage alte Zeitung Wort für Wort. Sein Nachbar starrt so lange in sich hinein, bis ihm die Tränen über das unrasierte Gesicht rinnen.

Der dicke Fernseher in der Ecke dröhnt von den Gesängen gläubiger Christen, auch ein Ertrag der Revolution: Der Neujahrsgottesdienst des Patriarchen wird übertragen. Weihrauchschwaden vernebeln das Bild, Hymnen auf die Herrlichkeit Gottes erfüllen das Arbeitszimmer. Auf einem Plüschsofa an der Wand schnarcht ein Soldat, nur Helm und Stiefel sind unter dem Vorhang zu sehen, mit dem er sich zugedeckt hat. Eine Art Gemütlichkeit ist ausgebrochen.

Nebenan, in einem der Vorräume im ersten Stock des Zentralkomitee-Palastes in Bukarest, werden Ceausescus Schätze gehütet. »Sein Gold«, sagt ein kleiner Soldat, der nicht von Gold träumt, sondern von Schlaf. Das Gold darf keiner mehr sehen, denn gestern ist ein goldener Becher verschwunden.

Nie vernommene Worte, nie geatmete Düfte, nie gewagte Unruhe: Das Arbeitszimmer des Großen Führers ist auf einmal so lebendig wie ein Wartesaal - voll von Revolutionären, vom Dienst an der Revolution befreit, denn die Revolution hat keine Verwendung mehr für sie. Die Armee behauptet, die Lage sei unter ihrer Kontrolle.

Der Kampf ist aus. Sie haben die Revolution gewonnen, und die Revolution hat sie zu Helden gemacht. Was jetzt aus ihr wird, »das wissen wir nicht«, sagt der Elektriker Pitigoi Costinel, 28, »dazu haben wir nicht genug Verstand«.

Auch er ist ein Held, denn er war es, der zusammen mit einem desertierten Fallschirmjäger an der Spitze des Volkes den Palast stürmte, und Helden müssen gefeiert werden. Deshalb ist Pitigoi an diesem eisigen Morgen nach Hause gerannt, um sich umzuziehen, er trägt jetzt eine schmale Lederkrawatte.

Nun will er von seinen vergangenen Heldentaten berichten, und es geht ihm nicht in den Kopf, daß er sich schon mitten in der Zukunft befindet. Er will jetzt nicht nachdenken über die Folgen seiner Wut, er will von ihnen erzählen: »Im Grunde hat das Volk ohne Waffen gesiegt. Dauernd riefen wir: ,Keine Gewalt!' Wir haben uns die Hände zwar schmutzig, aber nicht blutig gemacht!« Beim letzten Auftritt seines Unterdrückers auf dem Balkon des Palastes feuerte der bärtige Pitigoi mit Erdklumpen auf den großen Ceausescu.

»Das Volk rannte mir nach in den Palast, er war menschenleer, wir rissen die KP-Zeichen von den Wänden, und dann kamen die Soldaten, wir traten auf den Balkon und freuten uns.« Das ist die kurze Geschichte seines Ruhms: »Wir mußten uns wehren, sonst wären wir im Kummer ersoffen.«

Pitigois Gesicht leuchtet. Aber jetzt? »Jetzt? Wir sind unpolitische Menschen. Natürlich halten wir erst mal der neuen Regierung die Treue, die Regierung muß Licht machen im Land. Ob das Präsident Iliescu tut oder ein anderer, das ist egal. Und wenn Ceausescu gut zu uns gewesen wäre, hätten wir auch gegen ihn nichts gehabt. Aber er ist wahnsinnig geworden.« So redet ein Sohn, der erst nachdem er seinen Vater ermordet hat, Verständnis für ihn aufbringen kann.

Woher die neuen Väter kommen, die Führer im »Rat der Front zur Nationalen Rettung«, wie soll Pitigoi, der kleine Held, das wissen? »Wir können nicht alle austauschen, die gegen uns waren, oder erschießen.« Er ist schon glücklich, daß jetzt alle auf seiner Seite stehen.

Zu seinem Unglück reißt ihn der Zeitungsleser am Konferenztisch aus allen Träumen: Der Philosophieprofessor Dragan Marian, 35, auch er ein Revolutionär, gibt Pitigoi und seinen sprachlosen Kameraden eine Einführung in die Wirklichkeit - ohne sie dabei auch nur anzusehen; sie könnten gekränkt sein. »Die Menschen«, sagt der Professor leise, »wissen nicht, was sie mit ihrer Freiheit anfangen sollen. Wir müssen sie also erziehen.« Um ihn herum wird es still. »Früher sagten sie, ,Wir sind zufrieden mit der Politik', und heute sagen sie, ,Wir sind zufrieden mit der Revolution'. In ihren Köpfen hat sich noch nichts verändert. Früher schrien sie, ,Es lebe Ceausescu!' - da wird Pitigoi aber böse: »Wir sind gezwungen worden« -, und heute schreien sie, ,Es lebe die Freiheit!'«

Ion Iliescu, 59, der Präsident der Front, rasselt im Panzer in sein Büro im Außenministerium. Auch Petre Roman, der junge Ministerpräsident der Revolution, wird wie ein Gefangener von der Kaserne, in der er haust, ins Büro transportiert. Fallschirmjäger bewachen seine Schritte, übelgelaunte Offiziere tasten seine Besucher nach Waffen ab.

Das Kabinett, ein Klub älterer Herren - Wirtschaftsminister ist ein Generaloberst, Tourismusminister ein kahlköpfiger Hauptmann -, kämpft gegen den revolutionären Alltag. Der Manager Roman, ein in Toulouse promovierter Wasserbauingenieur mit ungezwungenen Manieren, spielt den Draufgänger und organisiert das Chaos, es kann ihm gar nicht chaotisch genug sein.

Seine ernsteste Sorge: Das Volk könnte jammern, unter Ceausescu sei es ihm besser gegangen. Also muß sich das Kabinett für die Frage der Küchenversorgung entzünden. »Weshalb«, fragt der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, »muß das Volk 400 Lei für eine Gasflaschenfüllung zahlen, wo doch der offizielle Preis nur 50 Lei beträgt?« Weil Gas und Gasflaschen knapp sind in Rumänien und die Korruption mächtiger ist als jede Revolution. Vorschlag: Ab sofort wird auch nachts abgefüllt.

In Romans Büro delegiert der Energieminister einen eiligen Auftrag an seinen Sekretär. Bis morgen mittag, einem Sonntag, müssen die »wirtschaftlichen Implikationen der Fünftagewoche« untersucht werden: Bedeutung für den Energiehaushalt etc. Der Auftrag wird mit unrumänischer Eile erledigt. Und siehe: In seiner Silvesteransprache vor Mitternacht macht Präsident Iliescu im Land der Sonderschichten und Extraarbeit ein oft gebrochenes Versprechen Ceausescus wahr: Die Fünftagewoche wird eingeführt, im März.

Ceausescus Rumänien, ein Familienunternehmen mit angeschlossenem Volk als Dienstpersonal, wird liquidiert. Die Bauern erhalten ihr Land zurück, vorerst 6000 Quadratmeter pro Familie, und die Geheimpolizei Securitate, der böse Geist des Landes, wird aufgelöst.

Die Menschen versuchen endlich zu leben, doch sitzt die Angst zu tief in ihren Herzen, und noch geht jegliche Zuversicht in Mißtrauen unter. Selbst auf Romans Arbeitsetage im zweiten Stock des Außenministeriums befällt seinen Stellvertreter Gelu Voican Verzagtheit, wo doch der Chef Siegesgewißheit und Optimismus angeordnet hat. Voican, 48, von Beruf Geologe, fürchtet sich: »Irgendwo lauern noch Securitate-Truppen, von denen niemand weiß. 2000 Mann - sie könnten uns alle töten.«

Weshalb wohl war Ceausescu bis zu seinem Todesurteil so gelassen? Sich seiner Stärke so sicher? »Er war nämlich nicht verrückt«, sagt Voican, »er allein kannte die Größe seiner geheimen Leibgarde. Bis zuletzt glaubte er an seine Rettung.« Die Geheimpolizei Securitate hat sich wie ein tödlicher Tumor in den Körper des Volkes gefressen, er wuchert im Gewebe aller menschlichen Beziehungen, unheilbar.

Wenn es dunkel wird in Bukarest, liegen die Straßen verlassen im Schnee. An den Kreuzungen wacht die Miliz, die blauuniformierten Helfershelfer der Diktatur, die jetzt Politia heißt, Polizei; vermutlich in der Überzeugung, wer seinen Namen ändert, wird ein anderer.

Außenministerium, Zentralkomitee und Fernsehsender sind von Panzern umstellt, die Soldaten frieren in der Kälte. Jede Nacht wird von Maschinengewehrsalven zerrissen. Irgendwo in der Ferne, weit weg, vielleicht am Stadtrand, in einer der erbarmungswürdigen Hochhaussiedlungen, wo die Geheimkommandos, die Killer der Direktion 5, noch stecken sollen, nimmt das Morden kein Ende. Und an jedem Samstag steht vor dem großen Belu-Friedhof ein halbes Dutzend orthodoxer Priester bereit, um die Toten der Woche zu beerdigen.

In den Wohnungen der Zwei-Millionen-Stadt brennt Licht bis Mitternacht, auch länger, das ist jetzt erlaubt - die Revolution hat auch die Elektrizität befreit. In den Wohnungen ist es sogar warm, denn die Revolution beheizt Bukarest großzügig mit Erdgas. Doch obwohl es jeden Tag Fleisch, Orangen, sogar Kaffee zu kaufen gibt, werden die Schlangen vor den Läden nicht kürzer. Männer und Frauen, junge und alte, mit robusten Taschen gerüstet, kaufen ein, was sie schon gestern gekauft haben, weil sie fürchten, daß Zucker, Wurst und Schnaps bereits morgen aus den Regalen wieder verschwunden sind.

Der Ingenieur Gyri Cosma und seine Frau, die Buchhalterin Georgette, erlebten den Sturz Ceausescus und den Aufstand des Volkes als Inszenierung der Wirklichkeit im Fernsehen und Rundfunk. Alles, was sie sahen und hörten, war real und überprüfbar, und trotzdem traut Georgette, 38, der Wärme in ihren Heizkörpern nur bis zum nächsten Abend. Das Kinderzimmer, im Winter ein Eisschrank und deshalb als Rumpelkammer mißbraucht, Sohn Adrian, 12, schläft seit Jahren in der guten Stube, »das Kinderzimmer wird erst dann wieder eingeräumt, wenn . . .« Ja wann? Sie weiß noch nicht wann; wenn ihr Wohlbefinden ihre Zweifel überwiegt.

Ihrem Mann Gyri, 38, steht die Tragödie der Weihnachtsrevolution Minute für Minute vor Augen, er war vorbereitet: Vom Terror in Timisoara hatten BBC und Radio Free Europe berichtet, und als zur großen Ceausescu-Feier am Donnerstag vor Heiligabend befohlen wurde, hatten sogar die Freunde des Tyrannen Angst. Cosma, als unsicherer Kantonist von der Kundgebung ausgeschlossen, er ist kein Genosse und dazu Abonnnent von National Geographic Magazine, setzte sich mit Kollegen um den Fernseher.

Im Betrieb seiner Frau drohte der Direktor Verweigerern mit Kündigung. »Viele weinten, als sie losgingen. Und das waren Kommunisten, in die man Vertrauen hatte. Freunde hatte Ceausescu sowieso keine, nicht mal in der Partei.«

Erster Akt, zweiter Auftritt: Das Fernsehen überträgt die Demonstration der Hunderttausend vor dem ZK-Palast mitten in Bukarest. Drei oder vier Parteibonzen aus der Großindustrie verurteilen den Aufruhr in Timisoara als das Werk von »Banditen und chauvinistischen Verbrechern, die vom Ausland bezahlt werden«.

Als Ceausescu erschien, brauste der übliche Jubel auf, aber schon nach fünf Minuten unterbrachen Buhrufe und Frauengekreisch die Predigt. Ceausescu erschrak und wehrte die unbekannten Geräusche ab, mit beiden Armen fuchtelte er in der Luft herum, als griffen ihn Bienen an. Das Fernsehbild fror ein.

In Georgette Cosmas Fabrik schrien die Menschen auf: »Wir müssen heim, gleich wird geschossen.« Gyri Cosma rief seinen Sohn an und bat ihn, um Gottes willen nicht aus dem Haus zu gehen. »Ceausescu redete weiter, verwirrt wie ein Tier.« Er machte Versprechungen wie ein Wahlredner: Der Mindestlohn werde erhöht, die Pensionen, das Kindergeld. Der Jubel, der nach jedem Satz losdonnerte, kam aber nicht vom Volk, sondern aus Lautsprechern, das merkte Cosma sofort. Der künstliche Jubel übertönte bisweilen sogar die Pfiffe und fiel Ceausescu ins Wort, das war gegen die Etikette, und Elena Ceausescu klatschte ihrem Mann unaufhörlich direkt in die Mikrofone Beifall zu.

In seiner Elektronikfirma triumphierte Gyri Cosma: »Kollegen, der hat nur noch ein paar Tage.« In Georgettes Betrieb kehrten die Demonstranten verstört zurück, viele weinten, ihre Spruchbänder waren zerfetzt. Gyri fröhlich: »Weihnachten haben wir frei.« Er vermutete, daß die KP ihren Großen Führer zum Rücktritt zwingen werde, ohne Blutvergießen.

Die Revolution begann erst. Cosma fuhr heimwärts, seine Dreizimmerwohnung liegt zwischen US-Botschaft und Universität. Das Zentrum war abgeriegelt, es hing ein Gebrüll in der Luft wie in einem brasilianischen Fußballstadion. Anti-Terror-Truppen in graugrünen Kampfanzügen, mit Helmen und Schilden, wie er sie noch niemals gesehen hatte, standen Menschen gegenüber, die »Freiheit« riefen und »Demokratie«. Er entdeckte Blutlachen auf dem Boulevard Magheru, Panzerwagen hatten Demonstranten überrollt. Hubschrauber kreisten über der City.

Es war schon dunkel, als Cosma die Maschinengewehrsalven vernahm, noch gingen sie in die Luft. Das Volk schrie und buhte vor Zorn. Gegen Mitternacht zündeten die Menschen Kerzen an. Junge Liebespaare bummelten Hand in Hand. Lastwagen, voll von Studenten, Schülern und Arbeitern, fuhren vorüber, Fahnen wurden geschwenkt. Sogar aus Siebenbürgen waren Studenten gekommen.

Cosma hörte sie schreien: »Nieder mit der Tyrannei! Nieder mit Ceausescu! Freiheit!« An den Häuserwänden Aufruhr in weißer Farbe: »Asasinul, Mörder. Hitler-Stalin-Ceausescu.« Er mochte seinen Augen nicht trauen, war er noch in Bukarest? Er notierte die Graffiti an der Universität: »Der Mörder wird bezahlen. Generalstreik. Wir wollen freie Wahlen.«

Cosma war besorgt und beruhigt gleichermaßen. Die hatten Courage!

Es war schon fast Morgen, als er mit seiner Frau auf die Niederlage des Tyrannen anstieß. Sie tranken Bitter, etwas anderes hatten sie nicht im Haus. Dann knatterte wieder dieses scharfe MG-Feuer los, diesmal klang es dumpfer, sie schossen auf Menschen. Cosma begriff, daß die Tragödie sich nun vollendete.

Als er in der Frühe zur Arbeit ging, wurde gegen alle Gewohnheit der Boulevard gewaschen. Der Staat log bis zum letzten Augenblick.

An diesem Freitag ging ganz Bukarest auf die Straße. Bleiche, entsetzte Menschen. Einige warnten die Kollegen: »Geht nicht hin, da wird geschossen!« »Na wenn schon«, sagten die.

Es war neun Uhr morgens, als im Rundfunk die Hymnen abbrachen, Schauspieler rezitierten Gedichte und lasen Märchen vor. Da sagte Cosma: »Los, gehen wir!« Der Ausnahmezustand war verhängt worden. Verteidigungsminister Vasile Milea hatte sich erschossen, weil er die Armee nicht in das Volk schießen lassen wollte. Während sie in die City marschierten, segelten Flugblätter aus Hubschraubern auf Cosma herunter: »Bürger, wählt Repräsentanten, die euch vertreten.«

Kurz vor der Universität verließ Gyri Cosma der Mut, er rannte nach Hause und öffnete eine zweite Flasche Bitter. Im Fernsehen sprachen jetzt Menschen in Jeans und Pullover auf Rumänien ein, fast ein Verbrechen gegen den guten sozialistischen Ton. Cosma erkannte den Dissidenten und Dichter Mircea Dinescu und den Bukarester Hamlet, den Schauspieler Ion Caramitru.

Alle redeten durcheinander. »Die Diktatur ist vorbei. Ceausescu ist geflohen. Wir müsssen uns jetzt organisieren. Wir benötigen zwei Juristen, zwei Soziologen, zwei Ökonomen und Sekretärinnen: Das Volk soll kommen.«

Das Volk kam, und auf den Straßen sangen und weinten die Menschen. Alle fuhren zum Fernsehsender und boten ihre Dienste an, die ersten besten wurden genommen. Cosma kaufte Sekt. Als aus dem Fernseher Hilferufe drangen, war es schon dunkel. »Kommt und schützt uns. Armee, komm und schütze uns.« Schüsse knallten. »Die Revolution ist in Gefahr. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Baut Straßensperren.«

Rundfunk und Fernsehen riefen unaufhörlich um Hilfe. Die Geheimpolizei griff den Sender an. »Kommt! Das ist keine Nacht zum Schlafen!« Cosma verzweifelte in seiner kalten Wohnung und blieb bei Adrian und Georgette.

Jetzt, mehr als eine Woche nach dem letzten Akt der Tragödie, sitzt er neben seinem kleinen Weihnachtsbaum und hadert mit sich. »Wir haben nicht gelernt zu denken und zu reden, deshalb verstanden wir nicht. Wir haben nichts als gearbeitet und ein bißchen Geld verdient.« Und Cosma ist ein gebildeter Mann, er spricht Englisch und Deutsch. »Nur der Haß auf Ceausescu machte uns so wütend und so leidenschaftlich.«

War Ceausescu an allem schuld?

»Wir haben uns alle schuldig gemacht. Niemand hat uns gezwungen, Hymnen auf ihn zu singen. Auch ich hätte den Mund aufreißen sollen, wie die Dissidenten. Vor 15 Jahren, als die Securitate noch nicht so blutrünstig war und das Leben noch nicht so schwer, da hätte Protest noch genützt. Wir hätten fliehen können, aber so haben wir Ceausescu mit unserer Arbeit noch unterstützt.«

Gyri Cosma: »Von nun an dürfen wir keine Angst mehr haben.«

»Die Rumänen waren 40 Jahre verrückt vor Angst, und es dauerte nur einen Tag, da wurden wir verrückt vor Freiheit« - auch der Dichter Dinescu, 39, ein von Ceausescus Agenten gequälter Neinsager, ahnte nicht, daß in Rumänien 20 Millionen seinesgleichen lebten. »Über Nacht gaben sie sich zu erkennen als Opposition. Der Vulkan Revolution war seit langem unter Dampf.«

Nur der Diktator in seiner »dummen Irrealität« wußte nichts, die Geheimpolizei hatte seinen Wahn genährt, das Volk sei ihm ergeben. Wäre er sonst so unklug gewesen, 100 000 Demonstranten zusammenzurufen? »Wenn wir nur 100 gewesen wären, hätten sie uns auf der Stelle verhaftet. So führte er seinen Sturz selbst herbei.«

Dinescu ist so erregt, daß er nur schreien kann, er brüllt, das bleiche Gesicht verzerrt, glücklich darüber, daß er endlich reden darf, so laut und so wild, wie er will. Nach Hause wagt er sich noch nicht, jahrelang hatte die Securitate ihn im Visier. Er ist bei seinem Freund Plesu untergekrochen. Der wachte am Morgen auf und war Kulturminister.

»Die Geschichte war in Rumänien seit 20 Jahren tot, erstarrt. Dann schmolz das Eis, und die Menschen fingen an, sich zu bewegen. Erst zögerten sie, dann wurden sie immer sicherer« - schließlich übernahmen sie die Macht. »Alle sind Einzelgänger gewesen«, sagt Dinescu verwundert, alles war spontan, nichts war organisiert, »es war ein Würfelspiel!«

Dinescu, der neue Präsident des Schriftstellerverbandes, hat sich der »Gruppe für den sozialen Dialog« angeschlossen, deren Programm: Opposition um jeden Preis. Politiker mit schmutzigen Flecken in ihrer Vergangenheit, die es wagten, vorzutreten, sich zu entschuldigen, und dabei hofften, nun sei alles vergeben und vergessen, solche Glücksritter müßten abgewiesen werden. Auch für die Opferlämmer, die lamentierten, wie entsetzlich sie gelitten hätten, und dafür mit Macht entlohnt werden wollten, sei kein Platz. Leiden allein beweise noch keine Kompetenz.

Andrei Plesu, 42, den einst einflußreichen Kunsthistoriker und Kritiker, führte sein Leidensweg von einem Lehrstuhl an der Universität Bukarest in eine winzige Dorfbibliothek in Nordrumänien. 1982 hatte ihn Ceausescu aus der Kommunistischen Partei gefeuert, und sieben Jahre später berief ihn Petre Roman aus der Verbannung in sein Kabinett, als Minister für Kultur und soziale Bildung.

»Demokratische Regierungsbildung in einem stalinistischen Land, das ist Herkulesarbeit«, sagt Plesu. »Bis heute hat in Rumänien nur der Terror funktioniert.« Also schlagen Freunde ihre Freunde vor und vergessen, daß auch Freunde sich irren können.

Plesu: »Seit 45 Jahren gewährten nur die Akademien der KP so etwas wie politische Bildung. Außerhalb der KP blieb man ein Niemand: Man trat ein, und schon war man Opportunist. Unsere KP war die Maskerade, in der man den Diktator überstehen konnte.«

Seine Empfehlung: Schluß mit der Autopsie der Vergangenheit. Kommunisten, Nicht-Kommunisten und Anti-Kommunisten, laßt uns erst mal zusammenarbeiten. Danach können wir uns ja trennen!

Die KP ist ihre Macht auf ewig los, sie wird als die kleinste aller Parteien verenden. Plesu wettet auf ein Wahlergebnis im April von 0,003 Prozent; eher weniger. »Die traurige Originalität Rumäniens«, sagt er, »bestand im revolutionären Tempo aller Veränderungen: An einem Tag ging die Partei unter, und aus dem politischen Nichts stieg der Pluralismus empor.«

Michaela Sirbu, 21, sagt: »Wir waren das unterdrückteste Volk Europas, vielleicht der Welt: Jetzt müssen wir das freieste werden!« Die Germanistikstudentin verbringt Tag und Nacht in der Philologischen Fakultät, »wir können jetzt nicht einfach heimgehen«. Drei Viertel des Volkes seien »verpestet, wir müssen unbedingt herausfinden, wer für oder gegen die Revolution ist«.

Die Studenten sind auf die Barrikaden gegangen, und nun wird ihnen der Sieg - die Revolution - gestohlen: Denn nur die alten Politiker wissen, wie man den Staat und den Apparat für sich arbeiten läßt.

Marian Mierla, 27, ein bärtiger Kahlkopf, der einzige Student in der Front, wird bei den Sitzungen des Rates »wie ein Möbelstück herumgeschoben, keiner fragt mich nach der Meinung der Studenten«. Daß die KP nicht mal mehr erwähnt wird, so, als hätte sie nie existiert, verwirrt Marian.

Das Establishment ist der Radikalen müde geworden, es hat genug von dem Tabula-rasa-Verlangen der Jugend und ihrem naiven Glauben an lautere Gesinnungen und unbefleckte Biographien. Bereits eine Woche nach dem Volksaufstand, schwärmerisch als »Revolution der Jugend« verehrt, ist Rumänien für die Studenten auf die Form einer Pyramide zusammengeschrumpft:

Die breite Basis bildet das unbewegliche Volk, die schmale Spitze die Führung; Ion Iliescu hat den Part von Ceausescu übernommen. Das Mittelstück beherrschen die »Ratten«, die Kollaborateure; mit einer Entschuldigung entsorgten sie ihr Gewissen und befinden sich nun, wie die ganze Gesellschaft, in der Stunde Null; wir fangen noch einmal an. Ihre Privilegien als Manager oder Agenten dürfen sie behalten.

»Und dafür haben wir unser Blut vergossen?« spottet der Anglistikstudent Radu Chesaru, 21. Sein rechter Arm ist nach einem Durchschuß noch steif, sein schwarzes Haar kurz geschoren. Er saß acht Wochen im Gefängnis, erst die Revolution befreite ihn aus der Zelle.

Im März 1989 hatten er, seine Freundin Cornelia und acht junge Arbeiter, Studenten und Schüler eine Widerstandsgruppe geschmiedet, einen Geheimbund, »um das Land zu verändern«. Heute weiß Radu, daß es damals viele solcher Bündnisse gab, keiner erfuhr vom anderen.

Man nahm Kriegsnamen an, Radu hieß Falke, Cornelia Käuzchen, und druckte 1110 Flugblätter und verteilte sie zwischen August und Oktober in Bukarest und der Provinz. Sie forderten nichts als »Tod dem Diktator und dem terroristischen System: Rumänen, seid bereit!« Sie fütterten Briefkästen und Hörsäle und Metrostationen mit ihren Pamphleten und schwebten dauernd in Lebensgefahr.

Bereits im Oktober war die Securitate Radu auf die Schliche gekommen, am 27. mittags um zwölf packten sie ihn, 200 Meter vor seinem Elternhaus. Fünf oder sechs Männer warfen ihn auf den Boden eines Dacia-Autos und setzten ihm eine schwarze Brille auf.

Sie folterten ihn sorgfältig, hämmerten seinen Kopf gegen die Zellenwand und peitschten seine nackten Fußsohlen mit einem Gummiknüppel. Das Gefängnis - auch das Käuzchen war verhaftet worden - steckte voller junger Widerstandskämpfer.

Radu litt und freute sich, »wenn all diese Menschen Zukunft und Freiheit aufs Spiel setzten, dann wird bald etwas losbrechen«. Seine Eltern bedrohte die Securitate mit dem Tode, wenn sie über sein Verschwinden redeten. Radu machte sich klar, welches Schicksal ihm bevorstand, mindestens zehn Jahre Gefängnis, womöglich Hinrichtung als Verbrecher.

Am 22. Dezember erlöste ihn die Revolution. Radu marschierte ohne Aufenthalt zum Fernsehsender, wie alle anderen. Als ihn die Todeskommandos verwundeten, schleppte ihn ein 15jähriger Kampfgefährte in einen Keller, in dem sie sich zwölf Stunden verbargen.

Radu könnte nicht glücklicher sein. »Wir haben erreicht, was wir wollten. Der Diktator ist tot, sein System erledigt.« Bei der Wahl wird er, wie einst sein Vater, ein Ingenieur, für die National-christliche Bauernpartei stimmen.

In der vom neuen rumänischen Protokoll verteilten Biographie wird über den Vizepräsidenten der Front, Dumitru Mazilu, 55, kühl mitgeteilt: die letzten zwei Jahre arbeitslos. Mazilu widerspricht erregt: »Arbeitslos und gefangen.« Noch in der Nacht zum 22. Dezember, dem Revolutionstag, verschleppte die Securitate ihn, seine Frau und den 17jährigen Sohn aus dem Hausarrest seiner Wohnung in ein Gefängnis außerhalb von Bukarest: in Handschellen, nach einer vierstündigen Schreckensreise durch die Provinz. Sie schlugen ihn blutig, »wir waren sicher, daß wir jetzt sterben mußten«.

Am Morgen holten ihn junge Revolutionäre in die Freiheit zurück, auf den Händen trugen sie ihn in Ceausescus Palast. »Ich ging auf den Balkon und verlas das Programm der Revolution. Aus den Häusern gegenüber schossen sie auf mich. Seither bin ich nicht mehr heimgegangen.«

In Mazilu, dem Juraprofessor, dem hohen Beamten des Außenministeriums, dem von der Uno beauftragten Berichterstatter über die Menschenrechte in Rumänien, in diesem kleinen temperamentvollen Herrn, hatte Ceausescu seinen Todfeind erkannt. Die beiden letzten arbeitslosen Jahre verbrachte die Familie Mazilu unter den Augen von 30 Geheimpolizisten, wie Tiere im Zoo.

Unversöhnlich lehnt Mazilu die Wiederbelebung der alten Führer und ihre Beteiligung am neuen Staat ab. Seine Worte sind ein Gewitter, das auf die Vergangenheit herunterprasselt: »Es ist wahr, noch wirken alte Kommunisten an der Front mit, aber in der neuen Regierung will ich keinen Genossen sehen. Die neue Regierung wird dem Kommunismus fernstehen, so fern wie möglich. Leider werden wir in der Übergangszeit trotzdem einige Kommunisten benützen müssen, bis die Parlamentswahlen dann ihr Ende besiegeln.«

Auch Mazilu regiert im Außenministerium, sein Sekretär ist auch sein Leibwächter. Auf dem Flur vor seinem Büro lagern Fallschirmjäger. »Rumänien wird heute durch eine Kraft regiert, die auf den Wogen des Aufruhrs geboren wurde. Diejenigen, die zum Palast marschierten und den Fernsehsender mit ihren Körpern verteidigten, die waren die Revolution, aus diesen Menschen wurden die neuen Führer ausgewählt.«

Nie werde er zulassen, ruft Mazilu, daß Opportunisten, Profiteure der Revolution in den Rat einziehen. Der Rat mit seinen 145 Mitgliedern aus dem ganzen Land hat die Pflicht, freie Wahlen vorzubereiten, danach löst er sich auf. »Ich habe als Termin Mai vorgeschlagen, das Volk war für April. Die meisten Mitglieder sind keine Genossen, trotzdem sind es noch immer zuviel.«

Wenn es nicht gelinge, »solide politische Parteien« zu gründen, bleibe Rumänien die Heimat der Opportunisten. Man benötige dringend eine sozialdemokratische Partei, eine liberale, eine freidemokratische, vielleicht eine ökologische, »wir brauchen Konkurrenz«.

Jeder Augenblick der rumänischen Revolution »ist ein Original, ohne Vorbild in der Geschichte«, sagt Mazilu. »Das Leid, das wir ertragen mußten, war ohne Beispiel. Man hat uns Jahrzehnte unseres Lebens gestohlen, unsere Jugend geraubt. Das Lachen. Die Wärme. Seit 1983 hausten meine Familie und ich in einem Zimmer, und im Winter wärmten wir uns an unserem eigenen Atem.«

Anders als der tatendurstige Premier Roman (siehe Seite 120) empfindet Mazilu die Lage düster: »Der Tyrann hat das Volk bekämpft, ausgeplündert und belogen. Wir mußten alle Lebensmittelexporte stoppen, unsere Vorratslager sind fast leer.« Energie darf nicht mehr exportiert werden, Betriebe mit zu hohem Energieverbrauch werden stillgelegt.

Hilfspakete aus dem Ausland, die Ceausescu gierig kassierte, werden von nun an ihre Adressen erreichen. Mazilu voller Bitterkeit: »Nicht 400 Millionen Dollar, sondern 1,7 Milliarden hat Ceausescu in Schweizer Banken gebunkert, Diebesbeute aus unser aller Besitz.«

Ein kleiner Diplomat mit grauem Fuchsgesicht taucht auf; er will seinen Namen nicht gedruckt sehen. Um so leichter kann er denunzieren, was ihm, als erprobtem Diener Ceausescus, Widerwillen bereitet: die Revolution.

»Was auf den Straßen geschah, war Quatsch, nicht Revolution. Hätten sie gewollt, hätten 2000 Anti-Terror-Soldaten eine Million Rumänen umgebracht. Der Aufruhr glückte nur deshalb, weil Securitate und Armee nicht wirklich eingriffen in die Straßenkämpfe.«

»Die Massaker«, sagt der Diplomat, schon wieder in hohem Amt, »waren freilich töricht. Aber Rumänien wird darüber nicht zugrunde gehen.« Nur das Problem Securitate wird »uns weiter beschäftigen. Zwar ist sie aufgelöst und der Armee einverleibt, aber wer herrscht in ihren Köpfen? Wem sind sie ergeben?«

Für einen Opportunisten wie ihn brechen goldene Zeiten an: »Die Last der Kontrollen ist weg. Niemand schaut uns mehr mit schweizerischer Gründlichkeit auf die Finger.« Wer schlau ist, macht sein Glück als Optimist.

Und die Wahlen sind längst gewonnen - von Präsident Iliescu und der Front. »Das Volk wird keine Partei, sondern die Helden der Revolution wählen.« Übrigens sei Iliescu Kommunist: »Er hat niemals abgeschworen.«

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