COMPUTER »Wir trafen genau einen Nerv«
SPIEGEL: Mr. Ive, manche Leute finden, dass das iBook ein bisschen nach Klodeckel aussieht. Sie haben ja, bevor Sie zu Apple kamen, tatsächlich Sanitärgegenstände entworfen - kam daher Ihre Inspiration?
Ive: (lacht) Nein - eher nicht. Es gibt einen elementaren Unterschied zwischen der Gestaltung eines Computers und der eines Waschbeckens - wenn Sie erlauben, nehme ich lieber das Waschbecken als Beispiel. Bei solchen Objekten sind Form und Funktion eins. Das ist wie bei einer Tasse oder einer Flasche: Man erkennt schon eindeutig an der Form, wie man diese Objekte benutzen muss. Das Einzigartige am Computer dagegen ist, dass seine Funktion sich so schnell verändert. Im einen Moment ist er noch eine schlichte Schreibmaschine, dann wieder ein Faxgerät, ein Fernseher, dann ein Radio.
SPIEGEL: Waschbecken gibt es schon in allen erdenklichen Farben, Formen und Materialien. War es nicht viel einfacher, dem bis dahin unbeackerten Boden des Computerdesigns etwas Neues zu entlocken?
Ive: Im Gegenteil - es ist für einen Designer ziemlich schwierig, wenn er es mit einem Objekt zu tun hat, dessen Funktion den meisten Leuten ein Rätsel ist. Ein Vorteil des Waschbeckens ist doch, dass dessen Benutzung die Leute nicht nervös macht, eben weil sie seine Funktion verstehen. Technologie dagegen verstört. Das war immer ein großes Ziel für uns: die Technologie zugänglich zu machen. Wir wollten eine Brücke bauen zwischen dem Benutzer und der Technik
SPIEGEL: Wieso, glauben Sie, ist in den gut 20 Jahren, in denen es PC gibt, nie jemand darauf gekommen, einen farbigen, frechen Rechner zu bauen?
Ive: Das Problem war, dass bisher vor allem Techniker bestimmt haben, wo es langgeht in der Computerindustrie. Für die zählt, was sich in Zahlen ausdrücken lässt: Prozessorgeschwindigkeit, Arbeitsspeicherkapazität, Festplattengröße. Am Ende waren sie in der Lage, über ihr Produkt zu sagen, dass 400 Megahertz mehr sind als 333 - ich finde das traurig.
SPIEGEL: Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, dass die Leute einem PC trauen würden, der eher aussieht wie ein buntes, lustiges Spielzeug als wie eine leistungsfähige Rechenmaschine?
Ive: Die Leute kaufen den iMac oder das iBook ja nicht, weil sie ein Spielzeug oder einen sexy Computer haben wollen. Bei der Kaufentscheidung spielen eine Menge Gründe eine Rolle. Es ist wichtig, wie etwas gefühlsmäßig zu einem passt und was es einem bedeutet - das ist wie bei jeder anderen Entscheidung auch. Zum Beispiel, wenn man sich die Person aussucht, mit der man den Rest seines Lebens verbringen will: Für diese Wahl benutzt man gewöhnlich auch nicht eine Messlatte trockener Daten. Auch nicht bei seiner Wohnung, seinen Kleidern, seinem Auto. Mit unserem Produkt trafen wir genau einen Nerv.
SPIEGEL: War es nicht gefährlich, die Zukunft der damals recht angeschlagenen Firma darauf zu verwetten, dass die Kunden plötzlich auf Bunt stehen würden?
Ive: Ich glaube nicht, dass wir ein Risiko eingegangen sind. Das größte Risiko wäre gewesen, nichts Neues mehr zu schaffen. So viel unserer Identität besteht aus Innovation, und ein Teil von Innovation ist, dass man sich in Bereiche begibt, in denen noch kein anderer vorher war.
SPIEGEL: Hat Ihnen denn die Marktforschung nahe gelegt, dass die Computerkundschaft reif ist für Blaubeerblau und Mandarinenorange?
Ive: Nein, Marktforschung ist meiner Meinung nach der Bankrott der Kreativität. Wenn man das tut, steht man am Ende da mit einem Design, das möglichst niemandem wehtut. Mit einer Konsenslösung ohne Innovation. Wenn wir den iMac von Zielgruppen hätten testen lassen - da bin ich mir sicher -, hätten wir ein Feedback bekommen, das uns nahe gelegt hätte, so etwas nie zu produzieren.
SPIEGEL: Sie sind schon etwa acht Jahre bei der Firma, warum haben Sie den iMac erst so spät entwickelt?
Ive: Wir haben schon vorher darüber nachgedacht. Wir haben auch eine Menge provokativer Designs erarbeitet, viel mit Plastik herumprobiert. Am Ende standen einige ziemlich schicke Modelle, aber die wurden nur von vielleicht einem Dutzend Kollegen überhaupt angeguckt - und dann verstaubten sie.
SPIEGEL: Der iMac entstand erst, als Steve Jobs wieder die Führung der Firma übernahm. Waren Sie Dornröschen und Jobs Ihr Prinz?
Ive: (lacht) So habe ich das noch nicht gesehen. Aber es ist schon wahr, der iMac entstand von dem Tag an, als Steve zurückkam. Das Designteam war in all den Jahren vorher völlig ineffektiv - das konnte man an einigen der Produkte auch sehen. Ich war unglaublich frustriert.
SPIEGEL: Was lief denn falsch?
Ive: Die Firma hatte irgendwie zwischendurch ihre Identität verloren. Sie hat angefangen, sich die Strategie von ihren Konkurrenten aufdrücken zu lassen, deren Zielen nachzueifern, um im Wettbewerb zu bestehen. Es ging nur noch darum, was Rechner leisten und wie viel sie kosten. Steves Wiederkehr hat das Unternehmen in seinen Grundfesten verändert. Ich weiß nicht, wie lange ich sonst bei Apple überlebt hätte.
SPIEGEL: Hat Jobs Ihnen denn damals Vorgaben gemacht, wie der iMac aussehen soll?
Ive: Seine Vorstellungen waren ziemlich paradox. Zum einen sollten wir etwas gestalten, das in die Zukunft weist. Zum anderen sollte das Produkt den Menschen irgendwie vertraut vorkommen, etwas anklingen lassen, so wie eine vage Erinnerung. Das ist ein Konflikt, weil Menschen gemeinhin Dinge, die futuristisch sind, die sich außerhalb der normalen Bezugspunkte bewegen, eher abstoßend finden. Wir wollten jedenfalls nicht, dass es aussieht wie ein Computer. Aber auch nicht wie ein Fernseher. Es hört sich an, als wäre das das Natürlichste in der Welt, tatsächlich aber hatte das vorher noch niemand gemacht. Üblicherweise wurden Consumerprodukte aus der Technik abgeleitet, die im Jahr zuvor im Profimarkt aktuell waren. Diese inzwischen billige Technik wurde im Design ein bisschen aufgewärmt, und das war dann das neue Produkt.
SPIEGEL: Viele Verbraucher sind aber nicht besonders glücklich darüber, dass sie sich ein kleines Plastikzusatzteil kaufen müssen, um der schicken, runden iMac-Maus wieder eine praktische ovale Form zu geben. Sie lässt sich so besser steuern. Haben Sie da die Ergonomie der Ästhetik geopfert?
Ive: Es gibt zwei Schulen, wenn es um die Gestaltung von Mäusen geht. Die eine sagt, dass die Leute eine große Maus haben wollen. Der Nachteil dieses Ansatzes ist, dass man den ganzen Arm und einen Großteil der Schulter mitbewegen muss. Nach der anderen Herangehensweise - die wir gewählt haben - baut man eine viel kleinere Maus. Um sie zu bewegen, benutzt man die Feinmotorik, nur von Daumen und Mittelfinger, ähnlich wie beim Greifen eines Stifts. Nur versuchen viele Leute, die neue Maus so zu bewegen wie die alte, indem sie die ganze Hand darauf legen. Dass sie diese Plastikteile kaufen würden, um unsere Maus der anzugleichen, an die sie gewöhnt sind, haben wir allerdings nicht geahnt.
SPIEGEL: Kritiker werfen Ihnen Arroganz vor, weil Sie beim iMac einfach das Diskettenlaufwerk weggelassen haben, für die meisten Nutzer immer noch die gebräuchlichste Art des Datentransports.
Ive: Vision wird oft mit Arroganz verwechselt. Wir sind nicht hochmütig. Wir haben lange mit Kunden geredet und festgestellt, dass das Diskettenlaufwerk antiquiert ist. Es ist nun mal so: Wenn man etwas wirklich Neues schafft, gibt es Reibung. Wenn es keine Reibung gibt, dann lügt man sich wahrscheinlich nur vor, dass man innovativ ist.
SPIEGEL: Die Ästhetik ist völlig neu, aber gerade das iBook mutet ansonsten nicht gerade innovativ an: Es ist schwer und ziemlich groß. Ist das hübsche Aussehen nicht nur Fassade, die solche Mängel überdecken soll?
Ive: Die Leute sind doch auf unsere Produkte so begeistert und in solchen Massen angesprungen, weil sie mehr als Größe und Gewicht im Kopf haben. Wir haben über ganz andere Produkteigenschaften nachgedacht, zum Beispiel darüber, wie es sich anfühlen müsste, so ein Ding mit sich herumzuschleppen, oder wie robust es sein muss. Heraus kam, dass die Nutzer wählen können, ob sie zum Beispiel den Tragegriff benutzen oder nicht. Oder dass sie das Objekt sehr leicht öffnen und schließen können, ohne Lasche, nur mit den Fingerspitzen.
SPIEGEL: Richten Sie sich beim Entwurf nach den technischen Vorgaben, oder entwickeln Sie ein Modell und sagen dann den Ingenieuren, sie sollen die nötige Technik für die Idee liefern?
Ive: Wir haben viele dieser angeblichen technischen Zwänge in Frage gestellt. Sonst nimmt man immer viel zu viel als gegeben an, ob es nun um die Form geht oder ums Material oder um das Verhalten eines Objekts. Ein gutes Beispiel ist die Kontrolllampe für den Ruhezustand beim iBook. Ich fand die übliche Version total frustrierend. Zwar erfüllte sie ihren Zweck, aber auf eine sehr mechanische, sehr entfremdete Art und Weise: an, aus, an, aus. Schlafen geht doch auch nicht so, es ist eher so wie der Herzschlag, ein eher sanfter Rhythmus. Wir fingen also an, dieses neue Schlaflicht zu entwickeln, das eher atmet als blinkt.
SPIEGEL: Wie haben die Techniker im Team auf solche Ideen reagiert?
Ive: Als wir abstrakt darüber redeten, sagten sie höflich: »Aha, sehr interessant.« Dann bauten wir einen Prototypen mit einem speziellen Schaltkreis. Und plötzlich haben es alle verstanden. Dann kamen sie und überlegten sich, wie man das technisch hinkriegen könnte. Am Ende fanden sie eine Software-Lösung, die ohne zusätzliche Bauteile auskommt.
SPIEGEL: Was kommt für Sie nach dem PC?
Ive: Da ist noch genug zu tun. Ich glaube, viel von dem, was jetzt über den Tod des PC gesagt wird, ist Gerede. Das Tolle am Computer ist doch gerade, dass man mit ihm so viele verschiedene Dinge tun kann.
SPIEGEL: Sind nicht Geräte, mit denen man eine einzelne Funktion ausführen kann, viel natürlicher? In der Küche hat man ja auch nicht ein einziges Gerät, das Eier schneidet, Kaffee kocht und toastet.
Ive: Da geht das allein schon wegen physikalischer Zwänge nicht: Ein Ei hat nun einmal eine andere Form als ein Stück Brot. Ich jedenfalls will nicht eine Menge verschiedener Geräte herumliegen haben. Einfach! Für mich muss alles einfach sein.
INTERVIEW: RAFAELA VON BREDOW, JÜRGEN SCRIBA
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