Akademiker Wird abgeschafft
Diplom-Kaufleute, Volkswirte, Dr. phil«, so entsetzte sich der Würzburger Psychologie-Professor Wilhelm Arnold, »sind als Hausierer, Bauchladenkaufleute und Fahrlehrer tätig.« Und das, wie Arnold betonte, »schon seit Jahren«.
Bald aber, bangt der Bildungsforscher Professor Josef Hitpaß aus Köln, werden Studierte nicht mal mehr Bauchläden eröffnen können -- denn für 1985 schon sei mit einem »Heer arbeitsloser Akademiker« zu rechnen. »In vielen Sparten«, meldete auch die »Frankfurter Allgemeine«, herrsche »Sorge vor einem künftigen Akademikerproletariat«.
In der DDR, wo die Proletarier in Ansehen stehen, sieht es nicht besser aus. »Wir werden wohl bald ein armes Volk von Professoren sein«, ängstigte sich ein Leser in der Ost-»Berliner Zeitung«. Verzagt fragte das Blatt: »Wie weckt man den Wunsch, Produktionsarbeiter zu sein?« Frei von solchem Verlangen sind drüben 17 von tausend Einwohnern zwischen 18 und 45 Jahren -- sie besuchen eine Universität oder Technische Hochschule (Bundesrepublik: 14 von tausend).
In Schweden -- nicht ganz kapitalistisch, nicht recht sozialistisch -- wird die Suche nach einem Akademiker-Arbeitsplatz vor allem für Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler immer schwerer. In Europas Wohlstands-Winkel verdreifachte sich die Studentenzahl binnen zehn Jahren.
In Großbritannien, das bis 1981 die Zahl der derzeit 254 000 Studienplätze auf 835 000 steigern will, hatten Mitte letzten Jahres fünf Prozent der Vorjahresabsolventen noch keinen Job. Von den Chemikern war gar jeder fünfte arbeitslos oder suchte sein Auskommen in einem anderen Beruf.
In den Vereinigten Staaten suchen rund 50 000 Naturwissenschaftler und Ingenieure nach Arbeit; und stellungslos sind dort -- nachdem Washington am Schuletat sparte -- an die 40 000 Lehrer. US-Akademiker müssen sich häufig mit geringerem Entgeld bescheiden als Hochschulabsolventen vergangener Jahre; bei den Chemikern sank schon 1971 das durchschnittliche Einstiegsgehalt um sieben Prozent.
Der Überhang an Akademikern -- offenbar unabhängig vom gesellschaftlichen System -- stellt sich zu einer Zeit ein, in der den Völkern in Ost und West eben erst bewußt geworden ist, daß es viel zuwenig Akademiker gibt.
Denn in den Hochindustrialisierten Nationen kann die Wirtschaft nur weiterwachsen, wenn neue Technologien entwickelt und bessere Lebensbedingungen geschaffen werden -- etwa durch den Ausbau der Bildungsinstitutionen, mehr medizinische Vorsorge und perfekten Umweltschutz. Dieses Instrumentarium der Zivilisation aber können nur hochqualifizierte und mithin meist studierte Arbeitskräfte bedienen.
1964 hatte der Heidelberger Philosophie-Professor Georg Picht denn auch für die Bundesrepublik einen »Bildungsnotstand« prophezeit, »den sich nur wenige vorstellen können«. In Aufklärungskampagnen mühten sich Studenten in Dorfgasthäusern und Betriebskantinen, die Deutschen das Lernen zu lehren, weil »wir uns sonst«, so Picht, »genötigt sehen könnten, die vakanten Stellen von Ingenieuren, Naturwissenschaftlern oder Ärzten durch ausländische Kräfte zu besetzen«.
Um nur die Pädagogen-Lücke zu füllen, erläuterte der Wissenschaftler in seinem Bestseller »Die deutsche Bildungskatastrophe«, müßten fast alle Hochschulabsolventen (1964: rund 300 000) Lehrer werden.
Und die Bundesbürger begriffen das Gebot der Stunde so gut, daß die Studentenzahl binnen sechs Jahren auf 400 000 stieg -- eine Aufwärtebewegung, die anhalten wird: In zehn Jahren soll es 200 000 Abiturienten jährlich geben (1971: 90 000) und 800 000 Studierende.
Emsiger noch bildeten sich die Amerikaner, die 1957 aus allen Wolken fielen, nachdem der Sputnik hochgegangen war und der Vorsprung sowjetischer Wissenschaft weltraumweit erschien. Staatliche Sonderstipendien katapultierten die Zahl der US-Doktoranden von 9000 im Jahre 1957 auf 30 000 im letzten Jahr. An amerikanischen Hochschulen machten 1970 über eine Million Studenten ihr Diplom, und insgesamt wohnen in den Vereinigten Staaten derzeit mehr Bürger mit Hochschulabschluß, als die Niederlande Einwohner haben: 13,5 Millionen.
Auch in West-Europa gerieten die Lehrstätten zu einer »auf Massenproduktion ausgerichteten arbeitsintensiven Industrie« -- so der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Philipp H. Coombs, der in den sechziger Jahren das Bildungsplanungsinstitut der Unesco in Paris leitete. In den meisten Staaten wurden langfristige Bildungspläne entworfen, die einschlägigen Etats nach Kräften erhöht.
Dies alles erscheint ungereimt: Einerseits, beteuern die Zukunftsforscher, wird es allenthalben an akademischem Nachwuchs fehlen; andererseits, beweist die Praxis, wird es für Akademiker schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden.
So bringt, wie es scheint, die Behebung des Bildungsnotstands die Gebildeten in Not. Und just die Maxime, daß Bildung -- wie der Soziologe Ralf Dahrendorf formulierte -- »ein Bürgerrecht« ist, könnte gebildete Bürger arbeitslos machen.
Deutlich wird das Dilemma in Analysen über den künftigen Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften, die von der multinationalen »Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung« (OECD) in Auftrag gegeben wurden.
Fast überall machten die OECD-Experten in den sechziger Jahren einen erheblichen Mangel an naturwissenschaftlich und technisch Versierten aus, und prompt empfahlen sie einen Ausbau der Hochschulen wie der Erwachsenenbildung. Zugleich aber waren diese Bedarfsschätzungen so voller Schwächen, daß -- wie der renommierte West-Berliner Bildungsökonom Professor Friedrich Edding urteilte -- »eine Bildungsplanung auf ihrer Grundlage für jeden verantwortlichen Politiker zu einem unkalkulierbaren Risiko würde«.
Fraglich ist, ob es je solide Grundlagen geben wird. Bildung, so scheint es, kann nicht geplant werden. Kaum kalkulierbare Risiken belasten die Zukunftsforschung für Wirtschaft und Wissenschaft, in der Politik und in den Parlamenten. Ob mal mehr, mal weniger Akademiker gebraucht werden, hängt unter anderem ab
* vom Auf und Nieder in der Konjunktur, das sich mit den überkommenen Methoden immer weniger kontrollieren und steuern läßt;
* vom Tempo der technologischen Entwicklung, das in vielen Ländern unterschätzt, in anderen Regionen aber auch zu hoch veranschlagt wurde;
* vom unterschiedlichen Wachstum der verschiedenen Industriezweige, das mit der Ausbildung von Arbeitskräften nicht mehr synchron ist;
* vom Wechsel der Regierungen und parlamentarischen Mehrheiten und dem unterschiedlichen Finanzaufwand für Bildung, der damit verbunden sein kann;
* von Strukturveränderungen in öffentlichen Institutionen, durch die der Akademikerbedarf vielleicht abrupt steigen -- aber auch drastisch eingeschränkt werden könnte.
Fehlkalkulationen hei den Bedarfsprognosen ließen sich mithin nur vermeiden, wenn die Industrie schon heute entscheiden könnte, was und wieviel sie etwa 1990 produzieren will und welche Forschungsvorhaben dann notwendig sind. Denn von solchen Faktoren hängt ab, wie der Arbeitsmarkt in zwanzig Jahren auf Studenten reagiert, die derzeit ausgebildet werden.
Und nur wenn die Parlamente -- was eher möglich wäre verbindliche Langzeitprogramme etwa für das Erziehungswesen oder für die Gesundheitspolitik verabschieden würden, könnten die Prognostiker vorausbestimmen, wieviel Ärzte und wieviel Lehrer in zehn oder zwanzig Jahren annähernd gebraucht würden: Fast zwei Drittel aller Akademiker sind im Staatsdienst.
Voraussetzung für einen planvollen Ausbau der pädagogischen Studiengänge wären beispielsweise Entscheidungen über die künftige Länge der Pflichtschulzeit (heute neun Jahre), die Schülerzahl in den Volksschulklassen (heute noch 35 im Bundesdurchschnitt) und über Beibehaltung der Halbtags- oder Einführung der Ganztagsschule.
Für die Bonner Reform-Ideen würden insgesamt 700 000 Lehrer gebraucht; fast doppelt soviel, wie 1972 unterrichten. Pichts Pädagogen-Prophetie von 1964 gilt trotz der Akademikerlawine denn auch heute noch. Ein Großteil aller Hochschulabsolventen müßte Lehrer werden, wenn die Erneuerung des Schulsystems tatsächlich stattfinden soll -- was inzwischen schon wieder fraglich ist, weil die Reform so teuer kommt.
Bei derlei Unwägbarkeiten sind prominente Bildungsplaner wie der West-Berliner Ökonomie-Professor Hajo Riese skeptisch gegenüber dem eigenen Zukunftsorakel. Den genauen Arbeitskräftebedarf in den einzelnen Branchen zu berechnen, verkündet Riese, setze die »Planbarkeit der gesellschaftlichen Entwicklung voraus«. Wer von den Prognostikern klare Aussagen erwartet, doziert der Professor, übersehe dabei ein »wesentliches Strukturmerkmal des Kapitalismus": »Durch die Freiheit der ökonomischen und gesellschaftlichen Betätigung« könnten »Wirkungen entstehen, die sich dem Kalkül entziehen«.
Freilich: In sozialistischen Ländern, die Ausbildung und Wirtschaft exakt zu steuern suchen, scheint die Zukunft kaum besser kalkulierbar. Den Bildungsplanern der DDR droht ein Desaster, weil sie den technologischen Fortschritt in ihrer Republik zu hoch eingeschätzt haben. Sie haben Fachleute für automatisierte Fertigungsprozesse herangebildet und leiden nun Mangel an Arbeitskräften, die einen herkömmlichen Maschinenpark warten und reparieren.
Rund ein Drittel der Ingenieure, so geht aus einer DDR-Studie über den Bedarf an Maschinenbauspezialisten hervor, kann nicht der Ausbildung ent-
* Alexander Krafft, Hermann Sanders, Peter R. Straumann: »Hochqualifizierte Arbeitskräfte in der Bundesrepublik bis 1980 -- Sozioökonomische Analyse und Prognose«.
sprechend eingesetzt werden, weil die Produktion anders läuft, als früher geplant. Der Ost-Berliner Wirtschaftsprofessor Harry Maier: »eine Vergeudung von Bildungsmitteln«.
Solche Vergeudung argwöhnen inzwischen auch Maiers Kollegen im Westen. Nach einer Expertenrechnung für das Bonner Wissenschaftsministerium* wird die Zahl der Arbeitnehmer mit Hochschulabschluß bis 1980 von 1 056 000 (1970) auf 1 420 600 ansteigen. Die Bedarfsrate für Wirtschaftswissenschaftler wird bis dahin um 39 Prozent klettern, und auch Ingenieure werden dann gefragt sein.
Dennoch könnte von 1980 an der Bundesrepublik akademische Arbeitslosigkeit drohen -- falls die Zahlen des Bildungsgesamtplans von Bund und Ländern bis dahin Wirklichkeit werden. Denn danach soll die Studentenquote sich noch in diesem Jahrzehnt fast verdoppeln (von 400 000 auf 800 000). Der Arbeitskräftebedarf aber steigt, laut Bonner Schätzung, nur um die Hälfte -- und er wird vor allem auf Gebieten bescheiden sein, die Warnungen zum Trotz derzeit von Studienanfängern bevorzugt werden: Laut Umfrage unter den Abiturienten des Jahres 1971 wollen 2653 von ihnen Psychologie, 1108 Politologie und 876 Soziologie studieren, weit mehr als 1980 gebraucht werden, falls nicht notwendige neue Stellen in der Gesundheits- und Erziehungsberatung, in politischen Planungsbüros oder an Schulen und Hochschulen geschaffen werden.
Um die -- möglicherweise -- überflüssigen Absolventen vor drohender Arbeitslosigkeit zu bewahren, empfehlen die Planer breit angelegte Studiengänge, die eine Vielfalt von Spezialisierungsmöglichkeiten eröffnen. Soziologen sollen auch als Sozialhelfer arbeiten können. Für Ökonomen beispielsweise soll Betriebs- oder Volkswirtschaftswissen allein nicht mehr ausreichen; sie sollen in beiden Bereichen berufsfit sein, Grundkenntnisse in der elektronischen Datenverarbeitung besitzen und mindestens zwei Fremdsprachen beherrschen,
Mobilität im Beruf, verbunden mit immer neuen Lernangeboten von neu zu schaffenden Weiterbildungsinstitutionen, ist auch der Grundgedanke eines radikalen Reformkonzepts, das Bildungsökonom Friedrich Edding entworfen hat. Der renommierte Wissenschaftler, der in Expertengremien des Europarats und der Unesco mitarbeitet, war vom Deutschen Bildungsrat beauftragt worden, Zukunftsmodelle für Schulen und Hochschulen in der Bundesrepublik zu entwickeln.
Edding will die herkömmlichen akademischen Ausbildungsgänge beseitigen und ein ganz neues Bildungsbewußtsein entwickeln (siehe Interview Seite 64). So soll niemand mehr studieren dürfen ohne vorherige praktische Berufstätigkeit. Edding: »Der Akademiker als privilegierte Klasse wird abgeschafft.«
Nicht mehr eine möglichst lange Schulzeit soll nach Vorstellungen des Wissenschaftlers Endziel aller Reformen sein; der Bildungsforscher möchte die Pflichtschulzeit auf zehn Jahre begrenzen, und schon während dieser ersten Ausbildungsperiode sollen mehrwöchige Praktika in Privathetrieben oder in öffentlichen Institutionen -- etwa in Krankenhäusern -- verbindlich sein.
Das Hochschulsystem würde nach Edding auch nicht mehr in einem Durchlauf von der Immatrikulation bis zum Abschlußexamen absolviert. Wer beispielsweise Arzt werden will, müßte zuerst als Krankenpfleger arbeiten: Entsteht auf dem Arbeitsmarkt plötzlich ein Medizinerüberschuß, könnte er sein Weiterstudium vorerst verschieben.
Der Reformer ist überzeugt, daß sein Konzept den »langfristigen Interessen der Gesellschaft weit besser dient als der derzeitige Versuch, möglichst viele Leute in möglichst lange Ausbildungsgänge zu stopfen«.