ROTER GENERALSTAB Wird Bierbrauer
Rund 1673 Presse-Offiziere, alle zusammen beim Pentagon, der Kommando-Zentrale der US-Wehrmacht in Washington tätig, waren in der letzten Woche vorwiegend damit beschäftigt, der amerikanischen Presse einen Maulkorb anzulegen.
Im Erbland der Demokratie ist das, wie auch anderswo, dadurch möglich, daß man den Zeitungen Kürzung der Informationen androht, falls sie darauf bestehen wollen, bestimmte, einer Behörde nicht ins Konzept passende Nachrichten zu verbreiten. Jeder Zeitungsmann muß es sich überlegen, eine Nachrichtenquelle zu verschütten, auf die er eines Tages doch angewiesen ist.
Verschiedenen Redaktionen und Nachrichten - Agenturen in USA war sehr aktuelles Material aus Moskau angeboten worden. Anfang Juni hatte sich die Attaché-Abteilung der Sowjet-Armee, wie sie das gelegentlich zu tun beliebt, herabgelassen, einigen in Moskau akkreditierten aber sonst nicht gern gesehenen westlichen Militär-Attachés Informationsmaterial auszuhändigen, was in Moskau niemals ohne eine bestimmte Nebenabsicht zu geschehen pflegt.
Verschiedene südamerikanische Attachés, aber auch die Offiziers-Diplomaten z. B. Norwegens, Dänemarks und Belgiens, empfingen das vervielfältigte Manuskript eines Vortrages, den am 30. Mai Generalstabschef Schtemenko an der Frunse-Militär-Akademie vor Teilnehmern des zweiten und vierten Generalstäbler-Kurses und einer Reihe geladener Gäste (Marschälle Timoschenko und Koniew, Luftwaffen-General Grigarev, Aufmarsch-Planer Malinin) gehalten hatte. Sie empfingen
außerdem eingehende Informationen über die Sitzung der sowjetischen Militärs in der Frunse-Akademie.
In der Regel sind Sitzungen in Sowjetrußlands repräsentativer Kriegsakademie die exklusivsten Veranstaltungen der Sowjet-Union. Diesmal jedoch waren die Sowjets an Geheimhaltung nicht interessiert. Im Gegenteil.
Daß nichts, aber auch gar nichts über diese Sitzung an die Öffentlichkeit kommen möge, wünschte jetzt allein die hohe US-Generalität. 45-Minuten-Thema des Generalobersten Schtemenko war nämlich die Europa-Armee.
Hier sind die von den Sowjets freigegebenen, von den Amerikanern jedoch ängstlich geheimgehaltenen Ausführungen des sowjetischen Generalstabschefs samt den Informationen, wie sie zusätzlich den westlichen Militär-Attachés verabreicht wurden:
In Moskau habe man selbstverständlich die Verhandlungen über den Vertrag zur Europäischen Verteidigungs-Gemeinschaft mit Aufmerksamkeit verfolgt. Allerdings sei die oberste militärische Führung der Sowjet - Union zunächst einmal überzeugt gewesen, daß dieser Vertrag nicht kommen werde.
Da es nun doch geschehen sei, suche man nach einer plausiblen Erklärung für dieses »Unternehmen Rätsel«. Rätselhaft bleibe nämlich, daß an diesem Vertrag Experten von hervorragendem Namen und ausgezeichneten Erfahrungen mitgearbeitet hätten. Eine Erklärung habe man jedoch im sowjetischen Generalstab nicht finden können. Man müsse sich daher mit den Tatsachen und der wenig wahrscheinlichen Version begnügen, daß eine große Zahl gut dotierter Politiker und Militärs ab und zu ihre Daseinsberechtigung unter Beweis stellen müsse. Sie hätten die EVG geschaffen, um nicht arbeitslos zu werden.
Diese Erklärung sei zwar unbefriedigend, lächelte Schtemenko. Aber es sei wirklich keine andere da, die sich anbiete. Und dann begründete der Generaloberst, wieso die EVG für den sowjetischen Generalstab ein »Rätsel« sei.
Drei Bewertungsfaktoren habe eine Armee, meinte Schtemenko: ihren Kampfgeist, ihre materielle Kampfstärke und ihre Nachschub- und Versorgungsmöglichkeiten.
Über die Kampfmoral der EVG wolle er sich nicht äußern. Man habe darüber eben im Westen andere Ansichten als in der Sowjet-Union, meinte Schtemenko. Es sei als Erfolg der russischen Politik zu werten, daß das Prinzip des getrennten Marschierens und vereinten Schlagens bei den Verbündeten der Sowjet-Union durchgesetzt worden sei. Ein Armeekorps jedoch, das sich aus Deutschen. Franzosen und Italienern zusammensetze, sei eine Angelegenheit zum Lachen. Ihm täten da die ehrlichen Offiziere leid. In ihrer Uniform möchte er, Sergej M. Schtemenko, nicht stecken.
Dann erhob sich Gelächter in der hohen Versammlung, als Schtemenko die russische Parabel von dem Hund. der Katze und dem Falken anführte, die ein Dorftölpel in einen Sack steckt, um sie herauszulassen, wenn Einbrecher kommen würden. Als die Diebe kamen, öffnete der Dummkopf den Sack. Aber alles, was er noch darin fand, waren ein paar Federn, ein Katzenfell und ein Hundekopf mit ausgekratzten Augen.
Noch beißender spottete der General, als er auf die materielle Kampfkraft der EVG zu sprechen kam. Zum ersten Male in der Menschheitsgeschichte verzichte ein Mann, der sich Waffen anlegt, darauf, seinen möglichen Feinden Sand in die
Augen zu streuen. »Leider, meine Kameraden, haben Ihnen die Väter der EVG einen bösen Dienst geleistet. Wir brauchen in Zukunft keine Generalstabsoffiziere mehr. Für den Entwurf eines Feldzug-Planes gegen den Westen genügt jetzt ein Stabszahlmeister, der nach einem Offizierskursus die Uniform eines Infanterie-Offiziers vertauscht.
»Die EVG- und NATO-Streitkräfte stehen fest. Wir wissen, wie viele es ihrer sind und wie viele es ihrer sein werden. Karascho, das wußte man immer in Friedenszeiten. Aber man weiß jetzt mehr. Bis auf den letzten Latrinen-Putzer kennen wir jetzt die Truppen-Stärken. Man weiß, daß die Anzahl der Divisionen, ihre Zusammensetzung und ihre Bewaffnung nicht vermehrt werden kann, ja darf. Sogar die Reserven und Schwerpunkt-Verteilungen wissen wir jetzt genau. Das ist einmalig, so etwas hat es noch nie gegeben. Jobt twoia Matj!«
Führte Schtemenko weiter aus: Alles, was man im Westen so hübsch »Infrastructure« nenne, nämlich die ganzen rückwärtigen Dienste, das Nachschubwesen, das Rüstungspotential, habe man früher, bis zu den öffentlichen EVG-Diskussionen, streng geheim gehalten. Wenn trotzdem etwas durchsickerte, kam der Schuldige vor ein Kriegsgericht. »Eigentlich müßten jene Herren, die an der EVG mitgearbeitet haben, vor ein Kriegsgericht gestellt werden, weil sie Landesverrat treiben.«
(Zwischenruf Marschall Koniew: »Da kommen sie noch hin!")
Schtemenko: »Auf 137 Seiten haben sie, für jedermann greifbar, alles so genau festgelegt, daß sich jeder Feind - und man zeigt doch mit Fingern auf uns - genau danach richten kann. Sage ich da zu viel, daß in Zukunft unsere Generalstabsarbeit
durch Stabszahlmeister erledigt werden kann?«
(Schallendes Gelächter. Zwischenruf General Grigarev: »Ich werde jetzt Bierbrauer!")
Schtemenko: »Es dreht sich hierbei nicht um die effektive Stärke einer Armee. Man soll selbst einen Gegner nicht gering schätzen, der einem kaum bis an die Knie reicht. Aber daß man seine Kräfte auf dem Präsentierteller darbietet und durch ineinander verfilzte Verträge bekräftigt: so und so stark darf alles zusammen bei uns nur sein, kein Mann, kein Flugzeug, keine Handgranate mehr, ist doch so etwas Einmaliges, daß ich nur sagen kann: wer verderben soll, wird mit Blindheit geschlagen.«
Abschließend sprach der sowjetische Generalstabschef von der Bewaffnung der EVG und der NATO Er gebrauchte die Vokabel »alter Plunder« und bedauerte die armen zukünftigen »Verreck-Kandidaten«. Er, Schtemenko, hätte nicht für eine Armee Pläne ausarbeiten mögen, die alles, was sie braucht, von einem höchst unsicheren Dritten zu bekommen habe. Peter der Große habe nach Narva ausgerufen: zur Hölle mit den ausländischen Lieferanten, die uns unnützes Zeugs schicken und das auch nur zu einem Viertel. Er habe seine Armee dann selbst ausgerüstet und Poltawa geschlagen.
Die Veranstaltungen der Frunse-Akademie sind gewöhnlich recht steif und nüchtern. Schtemenko dagegen sprudelte von den in Rußland so beliebten Wortspielen und Parabeln. Bewußt schuf er in der Versammlung, bei der auch zwei Offiziere der Volkspolizei anwesend waren, eine Atmosphäre, in der der Gegner verhöhnt und lächerlich gemacht wurde.
Daß es sich bei der Veranstaltung in der Frunse-Akademie um ein Propaganda-Theater handelte, bewies die Weiterleitung der Sitzungsprotokolle an die westlichen Militär-Attachés. Ein Generalstabschef, der seinen Gegner schwach einschätzt, posaunt das nicht in die Welt hinaus. Die sowjetische Diplomatie hat in Griechenland, der Türkei und Persien genügend Versuche unternommen, um die Errichtung der EVG- und NATO-Fronten zu stören. So fragten sich die Militär-Attachés in Moskau: War die Bütten-Rede Schtemenkos die Aufregung von 1673 Presse-Offizieren in Washington wert? Oder traf Schtemenko tatsächlich die Achillesferse der gesamten Europa-Planung des Pentagon?