Wird knapp - DER SPIEGEL
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ENERGIE / ERDÖL Wird knapp

• aus DER SPIEGEL 37/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Westeuropas Öl-Manager haben Bange vor der kalten Jahreszeit. »Wir beten um einen milden Winter«, gestand Harald Heiners, Vorstandsmitglied und Verkaufschef der Esso AG In Hamburg. Denn kommt es zu einem Kälteschub, ist Westeuropas Ölversorgung bedroht. Falls die Nachfrage der Westeuropäer nach Rohöl nur um 30 Millionen bis 50 Millionen Tonnen steigt -- das sind weniger als zehn Prozent des westeuropäischen Ölverbrauchs im letzten Jahr -, »dann wird"s knapp«, so Reiners.

Tatsächlich fließt Erdöl schon heute nicht immer reichlich genug nach Westeuropa. Seit arabische Freischärler im Mai letzten Jahres die Transarabische Pipeline -- sie führt von Saudi-Arabien durch Jordanien und Syrien in den libanesischen Hafen Sidon -- stillegten und Libyen den internationalen Ölkonzernen die Fördermengen kürzte, müssen die Westeuropäer auf etwa 50 Millionen Tonnen Araberöl im Jahr verzichten.

Zwar versuchen seither die Importeure, die Erdöl-Lücke durch zusätzliche Lieferungen aus den Ölscheichtümern am Persischen Golf auszugleichen. Aber für die Fahrt um das Kap der Guten Hoffnung brauchen die Tanker rund fünf Wochen länger als etwa für eine Libyen-Reise.

Dem Sturm auf die Tanker-Tonnage sind die Reeder freilich bisher kaum gewachsen. Tankerraum ist knapp und teuer. Im Juni zum Beispiel stiegen die Frachtraten zeitweise fast stündlich. Gegenwärtig übertreffen sie manchmal sogar die Rekordhöhen aus der Zeit der Suez-Krise 1956. So kostete im August der Transport einer Tonne Rohöl vom Persischen Golf nach westeuropäischen Häfen 20,80 Dollar. Ein Jahr zuvor waren es noch 6,75 Dollar gewesen. Aber selbst für viel Geld sind heute Schiffe nicht immer sofort zu haben. Denn noch ehe der Ölmangel deutlich wurde, hatten die Tankreeder bis zu 30 Prozent ihrer Flotten für den Transport trockener Güter (beispielsweise Getreide) auf Charterfahrt geschickt. Zugleich verzögerte sich häufig der Bau neuer Tanker.

Westeuropas Öl-Herren nutzten Tanker-Mangel und 01-Lücke auf ihre Weise: Sie erhöhten die Preise für bestimmte Ölsorten gegenüber dem Vorjahr teilweise auf das Dreifache. Und für die Tonne schweres Heizöl berechneten sie im August 25,50 Dollar -- 15,25 Dollar mehr als vor einem Jahr.

Auch zu diesen Preisen setzten die Ölbosse ihre Ware reißend ab. Der Grund: Westeuropas Energieverbraucher benötigten weit mehr 01 als erwartet. Noch im vergangenen Jahr hatte die Ölindustrie damit gerechnet, daß ihre Wachstumsrate von jährlich 8,4 Prozent künftig auf etwa 5,5 Prozent sinken werde. Doch im ersten Halbjahr 1970 wuchs die industrielle Erzeugung in Europa weiterhin mit einer Jahresrate von durchschnittlich 6,5 Prozent. Entsprechend hoch war Westeuropas Erdöldurst. Selbst in den USA, wo die Industrie Produktionseinbußen hinnehmen mußte, stieg die Nachfrage nach Öl in den letzten sechs Monaten unvorhergesehen stark -- um über zehn Prozent.

Die Energie-Propheten hatten nicht damit gerechnet, daß sowohl in Europa als auch in Amerika der Bau von Atom-Kraftwerken weit hinter den Plänen hinterherhinken würde. Zudem rächt sich nun, daß in fast sämtlichen Industrieländern die Kohleförderung zu schnell und zu drastisch gedrosselt wurde. Überdies mußten Schweden und Norweger außerplanmäßig auf Öl umsteigen. Wegen des letzten, extrem kalten Winters, dem nun auch noch ein trockener Sommer folgte, hatten ihre Wasserkraftwerke nicht genug Strom liefern können, und mit dem Ölboom stießen Westeuropas 01-Manager schneller als angenommen an die Kapazitäts-Grenzen ihrer Raffinerien.

Brüsseler EWG-Beamte argwöhnen, die Ölkonzerne könnten versuchen, die plötzlich aufgetretene Versorgungslücke noch künstlich zu verlängern. Die internationalen Gesellschaften, so die Europa-Beamten, würden womöglich an den hohen Preisen selbst dann festhalten, wenn der Ölbedarf wieder leichter zu decken ist. Meinte ein Funktionär in Brüssel: »Darin liegt die eigentliche Gefahr.«

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