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ARBEITSZEIT Wird offengelassen

Nach dem Ende des Drucker-Streiks steht fest: In den nächsten Tarifkonflikten wird vornehmlich über die Samstagsarbeit gestritten.
• aus DER SPIEGEL 11/1989
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Das macht dem Heinrich Reiter wohl so schnell keiner nach. Insgesamt 112 Stunden lang mühte sich der Präsident des Bundessozialgerichts, den Tarifstreit im Druckgewerbe zu schlichten. Als alles vorbei war, irgendwann in der Nacht von Donnerstag auf Freitag der vorigen Woche, stöhnte Reiter: »So lange hat es noch nie gedauert.«

Die Zähigkeit hat sich vor allem für die Gewerkschafter ausgezahlt. Während rundum der Sonnabend wieder zum Arbeitstag gemacht wird, während allenthalben die Schaffenszeiten beweglicher gehandhabt werden, drückt die IG Druck neue Reglementierungen für den sechsten Wochentag durch.

Am Samstag wird in den Druckereien künftig weniger gearbeitet als bisher. Und: Wenn die Rotationsmaschinen doch noch am Sonnabend laufen, dann kostet dies die Unternehmen künftig deutlich mehr Lohn als bisher.

Der Konflikt im Druckgewerbe, bis Donnerstag von zahlreichen Arbeitsniederlegungen wirkungsvoll begleitet, läßt ahnen, was der Bundesrepublik im nächsten Jahr bevorsteht.

Wenn 1990 der für drei Jahre abgeschlossene Tarifvertrag in der Metallindustrie ausläuft, dann wird in der Auto- oder der Elektrobranche zuvörderst um das freie Wochenende gestritten werden. Sein Tarifvertrag, sagte der IG-Druck-Chef Erwin Ferlemann, sei ein »Signal auch für Gewerkschaften, die nach uns kommen«.

Für den mit Abstand größten Zweig der deutschen Volkswirtschaft könnte dies, wie jetzt für die kleine Druckbranche, durchaus Streik bedeuten.

Der Samstag ist erst in jüngster Zeit zum Streit-Tag geworden. Seit die Gewerkschaften in den Fünfzigern den sechsten Wochentag grundsätzlich als arbeitsfrei durchgesetzt hatten, war über diesen Tag kaum noch geredet worden. Die Fünf-Tage-Woche, von Montag bis Freitag, hatte sich zunehmend in den Büros und in den Fabriken eingebürgert.

Das änderte sich, als die Gewerkschaften 1984 eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit durchsetzten. Das Geld, das die kürzere Schaffenszeit kostet, wollen die Unternehmen seither teilweise dadurch wieder hereinholen, daß sie die teuren Maschinen länger laufen lassen.

Die Arbeitgeber warben fortan für die »Flexibilisierung« der Arbeitszeit: weg vom standardisierten Acht- oder Siebeneinhalb-Stunden-Tag; hin zu originelleren Formen der Arbeitszeit.

Beispielhaft ist das Modell im Regensburger BMW-Werk. In dem Betrieb, in dem täglich zwei Schichten gefahren werden, teilen sich drei Werktätige zwei Arbeitsplätze. Jeder arbeitet an vier Arbeitstagen jeweils neun Stunden, also 36 Stunden in der Woche.

Das heißt einerseits, daß die Mitarbeiter bis zu fünf Tage hintereinander frei haben. Und das heißt andererseits, daß die Firma auch am Samstag arbeiten lassen kann. Denn nur dadurch, daß an sechs Wochentagen Autos von den Bändern rollen, rechnet sich das Modell.

In der Druckbranche lassen sich die Möglichkeiten flexibler Arbeitszeiten gut bei Gruner + Jahr in Itzehoe studieren. Dort wird an sechs Tagen in der Woche gearbeitet. Der Konzern hat dadurch, ohne eine zusätzliche Maschine kaufen zu müssen, die Kapazität um 17 Prozent ausgeweitet. Die Mitarbeiter haben, neben dem tariflichen Urlaub, zwölf Wochen im Jahr frei, im Schnitt müssen sie nur noch 32,4 Wochenstunden arbeiten.

Dieses Modell wäre durch den Wiesbadener Drucker-Abschluß nicht zu halten gewesen. Gruner + Jahr schied daher wenige Stunden vor der Unterzeichnung des Tarifvertrags, als das Verhandlungsergebnis absehbar war, aus dem Unternehmerverband aus.

Die Oberen der IG Druck wie der IG Metall, anders als die Kollegen von angepaßteren Gewerkschaften wie der IG Chemie, verfolgten die allmähliche Ausbreitung der Samstagsproduktion von Anfang an mit Widerwillen.

Die Vereinbarungen über Samstagsarbeit treffen die Betriebsräte vor Ort; sie geben zumeist dem Drängen der Unternehmensleitungen nach. Die Appelle aus der Frankfurter Gewerkschaftszentrale, die Kollegen sollten die schwer erkämpfte soziale Errungenschaft des freien Samstag verteidigen, verhallten in der Regel ungehört.

Die Rechtslage macht es den Firmenleitungen bislang auch überaus leicht, den Samstag wieder zum Schaffenstag umzuformen. Anders als der Sonntag, der vom Grundgesetz zwecks »seelischer Erhebung« als arbeitsfrei geschützt ist, gibt es für die Arbeit am Samstag keine obrigkeitliche Einengung.

Die Gewerkschaftsführer haben in den Tarifverträgen wenig vorgesorgt, um die Gefolgschaft vor dem Übel der Samstagsarbeit bewahren zu können. Helmut Schauer, Tarifexperte der IG Metall: »Es gilt einfach als allseits akzeptierte Konvention, daß am Samstag nicht gearbeitet wird.«

Die Verträge schreiben zwar fest, daß die Arbeit in der Regel auf fünf Wochentage, von Montag bis Freitag, verteilt wird. Doch die Möglichkeit von Samstagsarbeit, je nach »betrieblichen Erfordernissen«, wird stets offengelassen.

Die Betriebe nutzen die Chance. Opel fährt schon seit dem September vorigen Jahres Samstagsschichten, das Volkswagenwerk will in einigen Wochen Polos, Golfs und Passats an Samstagen montieren.

Geht es nach der Führung der Metaller-Gewerkschaft, dann sollen solche Betriebsvereinbarungen künftig nicht mehr so billig zu haben sein; dann soll ein Verbot der Samstagsarbeit eine der wichtigsten Forderungen der Tarifrunde 1990 werden.

Offen ist, ob die Gewerkschaftsführer bei dieser Strategie wirklich mit ihren Beitragszahlern im Einklang sind. Beweglichere Arbeitszeiten, das mußten die Vorsitzenden in den Gewerkschaftszentralen lernen, finden durchaus Beifall bei der Belegschaft. Und auch Samstagsarbeit stieß in den Betrieben auf wenig Abwehr - sei es, weil die Unternehmer für den Fall der Ablehnung mit Produktionsverlagerung ins Ausland drohten; sei es, weil, wie im Fall BMW, viele zusammenhängende freie Tage winken.

Helmut Schauer von der IG Metall ist dennoch sicher, daß der Samstag ein Reizthema ist: »Gerade jungen Leuten ist der freie Samstag oft wichtiger als kürzere Arbeitszeiten.«

Jene, die im Gewerkschaftslager einen Samstagskonflikt anzetteln wollen, sehen sich mächtig durch die Erfahrungen der Kollegen vom Druck bestätigt. Bei den Verhandlungen über den Manteltarifvertrag in der Druckbranche war das freie Wochenende anfangs nur ein Thema unter vielen. In den Warnstreiks jedoch, so lernten die Unterhändler in Wiesbaden von den Funktionären vor Ort, waren die Parolen über Arbeit an Samstagen und Sonntagen die besten Stimmungsmacher.

Metaller Schauer: »Der Druckerstreik war ein sozialgeschichtliches Datum für die Bundesrepublik.« #

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