JUGOSLAWIEN Wo der Tod lauert
Zusammengesackt, mit starrem Blick sitzt der Despot in der ersten Reihe der Belgrader Trauergäste. Neben ihm die Witwe und die drei Kinder des ermordeten jugoslawischen Verteidigungsministers Pavle Bulatovic, 51. Keine tröstende Geste, kein Anzeichen von Mitgefühl wecken Slobodan Milosevic bei der Beisetzungsfeier vorige Woche aus seiner Agonie, so als fühle Jugoslawiens Präsident bereits die Schlinge um den eigenen Hals.
Das Attentat auf seinen Vasallen aus Montenegro am vergangenen Montag war in Belgrad der zweite spektakuläre Gewaltakt binnen drei Wochen: Mitte Januar hatte es »Arkan«, den berüchtigten Milizenführer Zeljko Raznatovic, erwischt, exekutiert in der Lobby eines Hotels von einem Killerkommando. Seither, vermutet Nenad Canak von der Liga der Vojvodina-Demokraten, könne »im Umkreis des Regimes niemand mehr ruhig schlafen«.
Begonnen hat der finale Kampf innerhalb der Clans von Politikern, Kriegsprofiteuren, Kriminellen und potenziellen Zeugen für das Haager Kriegsverbrechertribunal. Dabei sind die Gegner des Balkan-Paria offenbar ebenso gefährdet wie dessen
Verbündete. Höhnisch fragt die einflussreiche Belgrader Presseagentur VIP: »Wer wird der Nächste sein?«
Man wird sehen. Chaos und Anarchie wuchern im Land. Schon am frühen Morgen lungern in Belgrads Fußgängerzone Knez Mihajlova Nachwuchs-Mafiosi und Dealer mit ihren dunklen Brillen in den Cafés. Die Unterwelt sucht nach einem neuen Paten und Nachfolger Arkans, der den Öl- und Zigarettenschmuggel, Prostitution und Drogenhandel kontrollierte. Das wird eine höllische Auseinandersetzung.
Die Situation sei »nicht mehr in den Griff zu kriegen«, fürchtet Momcilo Perisic, einst Generalstabschef und heute Chefdissident. In allen gesellschaftlichen Bereichen, bei der Armee, den Gerichten, in den Medien tummle sich die »kriminelle Hierarchie«.
Funktionäre der Oppositionspartei »Bewegung für ein Demokratisches Serbien« wurden unlängst von der Polizei nach einem brutal verhinderten Protestmeeting in Zajecar mit den Worten spöttisch heimgeschickt: »Fahrt vorsichtig, die Straßen sind eisig; man weiß nie, wo der Tod lauert.« Erst vorigen Oktober waren bei einem Attentat auf Oppositionsführer Vuk Draskovic von der Serbischen Erneuerungsbewegung vier seiner Mitarbeiter in einem fingierten Autounfall umgekommen.
Das Regime verfüge über eigene Exekutionskommandos, sagt Mladen Lojovic, ehemaliger Polizeiinspektor und Inhaber einer Detektiv-Agentur. Stil und Platzierung der Todesschüsse gelten in kriminellen Insiderkreisen als Hinweis auf die Verfehlungen des Opfers. Über 500 Morde blieben seit 1991 in Rumpf-Jugoslawien unaufgeklärt. Niemand zweifelt, dass viele dieser Bluttaten politisch motiviert waren und die Mörder bezahlt.
Allerdings: Warum der politisch blasse Milosevic-Loyalist Pavle Bulatovic im Sport-Restaurant »Rad« zur Zielscheibe der Polit-Mafia wurde, darüber rätseln in Belgrad selbst Gutinformierte. Noch vor kurzem hatte Bulatovic Leibwächter »als eine Art modernes Gefängnis« abgelehnt. Als Präsident der YU-Garant-Bank, einer der Bundesregierung unterstellten Finanzeinrichtung für die Armee, pflegte er rege Kontakte zu ausländischen Banken und Firmen. Außerdem war Bulatovic Präsident des serbischen Auto-Motor-Verbands - von vielen als »trojanisches Pferd« für Geldwäsche eingestuft.
Das offizielle Belgrad sieht eine finstere internationale Verschwörung mit ausländischen Agenten am Werk, Vizepräsident Vojislav Seselj bedroht einheimische Kollaborateure und »Verrätermedien« mit der »Liquidierung«. Nach einer anderen These könnte der Tod des Montenegriners Bulatovic als Vorwand dienen, mit dem Ruf nach Revanche in der nach Unabhängigkeit strebenden Teilrepublik Unruhen zu provozieren. Montenegros regierende Sozialisten unter Präsident Milo Djukanovic und Jugo-Verteidigungsminister Bulatovic hatten sich in den vergangenen Monaten gegenseitig beschuldigt, paramilitärische Spezialeinheiten zu formieren. Seit langem kursiert in Belgrad das Gerücht, Milosevic suche nur nach einem Anlass, um Montenegro im Gewaltstreich gleichzuschalten.
Das Attentat auf Bulatovic verdeutlicht aber auch einmal mehr die Misere der serbischen Opposition. »Kastriert wie ein Ochse«, schimpft Dissidenten-General Perisic, habe sich der Westen mit der vorzeitigen Anklage Milosevics als Kriegsverbrecher. Damit sei dem Herrscherpaar jeder Fluchtweg verbaut worden. Es könne »nur noch mit Terror und faschistischen Elementen« versuchen, sich an der Macht zu halten. RENATE FLOTTAU
* Mit Generalstabschef Dragoljub Ojdanic (l.) bei einemRundgang durch Belgrad während des Nato-Luftkriegs im vergangenenApril.