Darf man mit der Bibel »Sprachspiele« veranstalten? Man darf, wenn man kann. Professor Kamal Salibi, von der »FAZ« als »Der Historiker des Libanon« gerühmt, glaubt, es zu können. Er legt eine Fülle Sprachmaterial vor, das zu Prüfungen seitens der Zünfte einlädt.
Salibi möchte beweisen, daß die Urgeschichte der Israeliten ihren Schauplatz nicht in Ägypten und Palästina hat, sondern im Lande Asir, gelegen an der Südwestküste Arabiens zwischen Taif und dem Nordjemen. Er behauptet, der Assyrer-König Sargon II. habe 721 v. Chr. nicht, wie bisher angenommen, das palästinensische Samaria erobert, sondern das westarabische Königreich Israel, und die Eliten deportiert.
587 v. Chr. habe der Babylonier-König Nebukadnezar nicht, wie bisher behauptet, das palästinensische Juda samt Hauptstadt Jerusalem eingenommen und dessen Bevölkerung deportiert, sondern das westarabische Königreich Juda. Aus Babylon zurück im Lande Asir, hätten die Juden kein neues israelitisches Gemeinwesen mehr aufgebaut, sondern seien nach Palästina aufgebrochen. Die Ortsnamen hätten sie mitgenommen.
Die Linguistik ist bisher oft mißbraucht worden, wenn es galt, Bibelthesen zu stützen. Hat Salibi sie mißbraucht, um Bibelthesen zu stürzen? Darum geht es, und um die Frage, wer beweispflichtig ist. Die Zünfte sagen unisono, der Außenseiter, der Abweichler sei beweispflichtig. Ohne Ausgrabungen in Asir kann Salibi aber den Beweis nicht erbringen, und vielleicht, könnte man hinzufügen, mit Ausgrabungen auch nicht. Er findet gar, wie Schliemann, was er nicht gesucht hat.
Der gewichtigste Einwand gegen die bewundernswert zusammengepuzzelten Thesen scheint mir zu sein, daß Salibi gesicherte Erkenntnisse der historischen Forschung, der Geologen und Archäologen auch dann in den Wind schlägt, wenn sie mit biblischen Daten übereinstimmen.
Wir wissen, oder glauben zu wissen, daß der Pharao Necho II., eine Art Vordenker des Suezkanals, den Assyrern gegen den chaldäischen Kronprinzen, späteren babylonischen König Nebukadnezar II., zu Hilfe kam. Wir wissen, oder glauben zu wissen, daß er 605 v. Chr. bei Karkemisch am Euphrat, im Süden der heutigen Türkei, von letzterem geschlagen wurde. Geht es um unser Karkemisch, warum sollte er den Riesenumweg über das Rote Meer und durch das Land Asir wählen?
Nun, er hat, laut Bibel ("Könige« und »Chronik"), Judas König Josia in der Ebene des auch außerbiblisch bezeugten Ortes Megiddo besiegt; Josia wurde auf seinem Streitwagen von einem Pfeil tödlich verwundet.
Necho scheint dem Josia eine Art Neutralitätsangebot gemacht zu haben, mit der Begründung: »Gott hat mir befohlen, ich soll eilen.« Josia aber beherzigte Nechos Gotteswort nicht, sei es, daß er an einen friedlichen Durchzug der Ägypter nicht glaubte, sei es, daß er die Hilfsaktion für die Assyrer und gegen Nebukadnezar blockieren wollte - ein folgenschwerer Fehler. Er wurde in einem Ort namens Jerusalem begraben, den es mithin schon gegeben haben muß. Die »Jerusalemer Bibel«, von beiden Konfessionen erarbeitet, leistet sich das linguistische Kunststück, den Ort »Armageddon« der Apokalypse, an dem der Endkampf aller Könige dieser Erde stattfindet, aus dem Scharmützel bei Megiddo herzuleiten.
Salibi wird da scheitern, wo er die Feldzüge der Meder, Babylonier, Chaldäer und Assyrer bedenkenlos auf der Landkarte verschiebt. Salibis jetzt schon bemerkenswertes Verdienst liegt darin, daß er den Blick für die Schwächen der bisherigen Argumentationsketten schärft. Zu gern wird die alte Erkenntnis verdrängt, daß die religiöse Tradition der Judenheit erst nach dem babylonischen Exil unter dem Führer und Priester Esra schriftlich ausformuliert wurde. Schon der »Große Meyer« von 1905 nennt Esra »den eigentlichen Schöpfer des Judentums im engern Sinn«.
Wenn im Lande Asir mehr jüdische Ortsnamen aus der Zeit vor Esra dingfest gemacht werden können als irgendwo sonst, dann gebührt dieser Entdeckung auch Aufmerksamkeit. Salibi, bei allem, was gegen ihn vorgebracht werden kann und wird, ist kein Däniken. Er hat, um es in den Worten der »FAZ« zu sagen, »seinen Ruf als international anerkannter Wissenschaftler in die Waagschale geworfen«. Man prüfe von Anfang bis zu Ende und urteile erst dann. Die Aufgabe, die Salibi sich gestellt hat, ist für ein Menschenleben zu groß.