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»Wo ist meine Stimme?«

Katajun Amirpur über die Stellung der Frauen in Iran und ihren Widerstand gegen das konservative Regime
• aus SPIEGEL Chronik 54/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zum Gesicht der Protestbewegung wurde eine Frau. Die Studentin Neda Agha-Soltan wird am 20. Juni bei einer Demonstration gegen die vermutete Wahlfälschung von einem Mitglied der Bassidsch-Miliz erschossen. Neda habe die Ungerechtigkeit des angeblichen Wahlausgangs nicht ertragen, sagt eine Freundin. Deshalb sei sie auf die Straße gegangen.

Das Video, das ihr Sterben zeigt und um die Welt geht, macht die Brutalität des iranischen Regimes öffentlich - und weckt ungeahnte Aufmerksamkeit für diese Protestbewegung, die so jung und so weiblich daherkommt.

Es ist kein Zufall, dass so viele Frauen gegen die vermutete Wahlfälschung protestieren. Sie haben am meisten verloren in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Und von dem Mann, den sie für den wahren Sieger halten, von Mir Hossein Mussawi, versprechen sie sich eine Verbesserung ihrer Lage. Denn in Iran herrscht Geschlechter-Apartheid.

Das System, das mit der Revolution von 1978/79 in Iran eingeführt wurde, machte sich als Erstes daran, die Rechte von Frauen einzuschränken. Nur Wochen nach dem Zusammenbruch des Pahlewi-Regimes wird das fortschrittliche Familiengesetz aus dem Jahr 1967 aufgehoben und durch eines ersetzt, das auf den Vorgaben des islamischen Rechts beruht: Das Recht auf Scheidung und das Sorgerecht geschiedener Frauen für die Kinder werden eingeschränkt, das Mindestalter für die Verheiratung von Mädchen wird zunächst auf 13, dann auf 9 Jahre herabgesetzt, Polygamie wird erlaubt.

Das Zeugnis einer Frau vor Gericht ist fortan nur halb so viel wert wie das eines Mannes, das Gleiche gilt für die finanzielle Entschädigung bei einem Unfall mit tödlichem Ausgang: Die Hinterbliebenen einer Frau erhalten nur die Hälfte dessen, was als Entschädigung für ein männliches Opfer bezahlt wird.

Doch ungeachtet dieser rechtlichen Diskriminierung ist Iran heute auch ein Land, in dem zwei Drittel aller Studierenden Frauen sind. Frauen halten ein Drittel aller akademischen Doktorgrade; sie werden Abgeordnete, Ärztinnen, Lehrerinnen und Bürgermeisterinnen - und sogar Polizistinnen.

Auch im künstlerischen Bereich haben die Frauen einen festen Platz gefunden: Einige Regisseurinnen sind inzwischen zu internationalem und nationalem Ruhm gelangt, und sie nutzen ihr Können und ihren Einfluss: Rakhshan Bani Etemad beispielsweise, die in diesem Frühjahr ein erschütterndes Zeugnis der Situation iranischer Frauen vorgelegt hat.

In ihrem Film »Wir sind die Hälfte der Bevölkerung Irans« sammelt sie aber nicht nur die Klagen der Frauen und die Forderungen, die diese an die Präsidentschaftskandidaten stellen: Zum Drehbuch gehört es auch, den Kandidaten diesen Film vorzuführen und dann wiederum ihre Reaktion zu filmen.

Alle vier werden eingeladen, Mahmud Ahmadinedschad kommt allerdings erst gar nicht. Auch die Antworten von Mohsen Resai, Mahdi Karrubi und Mir Hossein Mussawi in diesem Film, der bei YouTube eingestellt wird und so eine enorme Verbreitung erfährt, erfüllen die großen Erwartungen der Frauen nicht.

Doch immerhin kann Bani Etemad drei Präsidentschaftskandidaten dazu bringen, sich diesen Film anzusehen. Das zeigt: Die Politiker haben begriffen, dass sie um die Stimmen von Frauen werben müssen. Und der Film zeigt, dass die Frauen sich wehren. Denn sosehr das Rechtssystem sie auch benachteiligt, unterwürfige Dienerinnen der Ajatollahs sind die iranischen Frauen nicht.

Mussawi erscheint zur Filmvorführung mit seiner Frau. Und als er nicht mehr als Standardfloskeln von sich zu geben weiß wie etwa »Kultur und Gesellschaft müssen sich ändern«, fällt sie ihm ins Wort: »Das größte Problem ist das Rechtssystem«, entfährt es ihr in aller Deutlichkeit, »90 Prozent aller Gesetze in diesem Land sind gegen die Frau.«

Sahra Rahnaward, die Ehefrau von Mussawi, war Kanzlerin einer Universität, bevor Ahmadinedschad kurz nach seinem Amtsantritt 2005 alle iranischen Universitäten von unliebsamen Professoren säubern ließ. Rahnaward ist sicher keine Radikalreformerin und bewegt sich in einem Rahmen, den manche für zu eng islamisch halten. Doch sie hat sich in den vergangenen 30 Jahren immer wieder zu Wort gemeldet und sich für Frauenrechte stark gemacht.

Bislang würden die Stimmen von Frauen viel zu selten gehört. Dass Frauen nicht ausgeschlossen werden dürfen, begründet Rahnaward auch mit dem Engagement der Frauen für die Revolution. So erklärt sie beispielsweise 1990 in einem Interview mit der Frauenzeitschrift »San-e rus": »Frauen waren und sind in dieser Gesellschaft präsent. Auch in der Revolution waren sie sehr präsent und haben zu ihrem Sieg maßgeblich beigetragen. Aber wenn es um die Vergabe öffentlicher Ämter geht, werden Frauen stets beiseitegedrängt.«

Viele Wählerinnen haben sich während des Wahlkampfs gedacht, mit dieser Frau an seiner Seite kann Mussawi gar nicht anders, als sich für Gleichberechtigung einzusetzen, wenn er Präsident wird. Vielleicht hätte Sahra Rahnaward sogar wahlentscheidend sein können. Denn zu Anfang standen die Chancen Ahmadinedschads, der die offiziellen Medien kontrollierte und mit Staatsgeldern Wahlgeschenke verteilte, gar nicht schlecht. Das belegen auch Umfragen, die von unabhängigen ausländischen Institutionen gemacht wurden.

Doch dann kommt es zu jenem denkwürdigen TV-Duell zwischen Ahmadinedschad und Mussawi, bei dem plötzlich der Amtsinhaber seinem Herausforderer ein Bild von dessen Frau entgegenhält und behauptet, sie, die Hochschulprofessorin und Frauenrechtlerin, habe sich ihre Diplome erschlichen. In dem Moment hat Ahmadinedschad verloren. So sehen es zumindest viele Iraner.

Sie fühlen sich erinnert an die inquisitorischen Situationen, die so viele schon erlebt haben: einbestellt von einem sogenannten revolutionären Komitee, weil der Lippenstift zu dick aufgetragen ist; das Kopftuch zu weit hinten; die Musik im Auto zu laut.

Und dann die Reaktion von Mussawi: Der spröde Wirtschaftsfachmann wird wütend und leidenschaftlich und verteidigt auf rührende Art seine Frau gegen die Diffamierung.

Diese Art der zärtlichen Verbundenheit, die das Ehepaar auch im Wahlkampf zeigt, lässt viele auf eine Änderung im Politikstil hoffen - zumal Rahnaward bei jedem Wahlkampfauftritt ihres Mannes dabei ist und immer die abschließenden, frenetisch bejubelten Worte spricht - sogar auf Mussawis offiziellem Wahlkampfspot. Das kannte man bisher nicht in der Islamischen Republik Iran: dass der Mann seiner Frau das letzte Wort lässt.

Kein Wunder also, dass die Frauen besonders enttäuscht sind nach dem angeblichen Wahlausgang - und zu Hunderttausenden auf die Straßen gehen. Neben »Wo ist meine Stimme« und »Kein Krieg, keine Lügen, Freiheit« ist »Frauen = Männer« der Slogan, den man am häufigsten bei den Demonstrationen sieht.

Und selbst wenn die Proteste einstweilen niedergeschlagen wurden, ist das letzte Wort hier noch nicht gesprochen - das werden die Frauen haben.

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