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HORMONE Wohltat oder Risiko?

Jungbrunnen oder fragwürdiges Experiment? Wissenschaftler streiten über die Hormontherapie in den Wechseljahren.
• aus DER SPIEGEL 38/1999
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Wir wollen etwas Besseres als Mutter Natur«, sagt John Studd, Londoner Gynäkologe, wenn die Rede von der Hormonbehandlung in den Wechseljahren ist: »Natürlich ist die Hormonersatztherapie unnatürlich.«

Wie Studd, Begründer der ersten speziellen »Menopause-Klinik« in Großbritannien, propagieren auch deutsche Frauenärztinnen und -ärzte die Einnahme von Östrogenen und Gestagenen gegen lästige Erscheinungen der vorgerückten Jahre: Die »Substitution« mit Sexualhormonen, als Pille, Spritze oder Pflaster auf der Haut, soll vor allem gegen Hitzewallungen und Schweißausbrüche helfen, die viele Frauen in den Wechseljahren heimsuchen.

Aber auch »die Erhaltung des allgemeinen körperlichen und seelischen Wohlbefindens«, so meint Hermann Schneider von der Uni-Frauenklinik in Münster, »begründet die Logik einer Langzeittherapie«. Fast 40 Prozent der Frauen seien, um die 50 herum, »beruflich voll aktiv oder gar auf dem Höhepunkt ihrer Karriere«, betont Cornelia Höß, gynäkologische Chefärztin an der Kreisklinik Ebersberg: »Die Frauen können in ihrem Seidenkostüm nicht klatschnass dastehen: Es gibt nur ganz wenige Patientinnen, denen ich die Substitution nicht anbiete.«

Als eine Art chemischer Jungbrunnen soll die »Hormonersatztherapie« (HET) Knochenschwund (Osteoporose), Herzinfarkt, Blasenstörungen und die Alzheimersche Krankheit verhüten. Sogar eine Schutzwirkung gegen Darmkrebs wurde der Therapie schon nachgesagt: Die Zahl der Übel und Alterserscheinungen, gegen die Ärzte und Pharmafirmen Wirkung versprechen, ist im letzten Jahrzehnt stetig angestiegen - und damit die Zahl der Frauen, die jenseits der fruchtbaren Jahre Gesundheit und Attraktivität mit Hilfe von Hormonen erhalten möchten. Rund 30 Millionen Frauen in der Lebensmitte lassen sich in den Industrieländern mit Hormonen behandeln: Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von fast 82 Jahren, so Gynäkologin Höß, haben sie schließlich nach der Menopause noch mehr als ein Drittel des Lebens vor sich. Eine gesunde Fünfzigerin kann heute sogar damit rechnen, 90 Jahre alt zu werden.

Um den altersbedingten Hormonschwund wieder auszugleichen, lässt sich in deutschen Praxen schon fast jede dritte 50- bis 59-Jährige Pillen, Spritzen oder Pflaster verschreiben. In den USA ist die hormonelle Dauermedikation noch weiter verbreitet, Östrogenpräparate sind dort die meistverordneten Medikamente.

Die »Langzeitverabreichung von Östrogenen und Gestagenen«, so propagiert der deutsche Berufsverband der Frauenärzte, sei »einer der größten Fortschritte der vorbeugenden Medizin der letzten Jahrzehnte«. Immer noch gebe es jedoch Skeptikerinnen, bedauern die Frauenärzte, die aus Angst vor Nebenwirkungen »diese nützliche Behandlung nicht in Anspruch nehmen«.

Anlass für Verunsicherung sind Untersuchungen, in denen ein Zusammenhang zwischen der Hormonsubstitution und Krebserkrankungen nicht auszuschließen war. Zunehmend wehren sich aber auch Frauen grundsätzlich dagegen, die Wechseljahre als »Mangelkrankheit mit beängstigenden Folgen« anzusehen, wie die Bremer Psychologin Ulrike Hauffe sagt.

Von den rund fünf Millionen Frauen in Deutschland, die gerade ihren »Wechsel« erleben, verspüre etwa die Hälfte, so Adolf Schindler, Direktor der Unifrauenklinik Essen, keine Beschwerden. Viele Frauen jedoch leiden mehr oder minder unter den charakteristischen Erscheinungen.

Was das Pillenschlucken, Spritzen und Pflasterkleben wirklich nützen kann, sollte nun eine internationale Konferenz klären, zu der sich im letzten Juni Mediziner und Epidemiologen aus zwölf Ländern in Mailand versammelt hatten.

Die »Ängste, Sorgen und Hoffnungen« der Frauen, die in die Praxen kommen, seien ernst genommen worden, sagte Umberto Veronesi, Chef des in Mailand ansässigen Europäischen Instituts für Onkologie, das die Tagung gemeinsam mit der Harvard School of Public Health in Boston und der britischen Ärztezeitschrift »Lancet« organisiert hatte. Nachdem sie hunderte von klinischen und epidemiologischen Studien über die Wirkungen und Nebenwirkungen der Hormonpräparate gesichtet hatten, diskutierten die Experten den jüngsten Stand der Forschung.

Die Daten der zahlreichen Beobachtungs- und Vergleichsstudien müssten »mit Vorsicht« ausgelegt werden, heißt es in dem Kongressbericht, der im Juli in der Zeitschrift »Lancet« veröffentlicht wurde. Denn Frauen, die eine Hormonersatztherapie machen, unterscheiden sich oftmals noch in anderer Hinsicht von Altersgenossinnen, die sich nicht behandeln lassen: Die Hormonanwenderinnen sind, im statistischen Durchschnitt, gesünder, gebildeter, körperlich aktiver und schlanker. Schon dadurch können im Vergleich zu unbehandelten Frauen die Ergebnisse verzerrt werden und günstiger ausfallen, als sie es in Wahrheit sind. Durch häufigere Mammografie-Untersuchungen wird andererseits bei ihnen Brustkrebs öfter und schneller entdeckt.

Als unbestritten »hochwirksam« wurde von den Kongressteilnehmern die Hormontherapie bei Hitzewallungen eingestuft.

Effektiv seien die Hormone auch im Einsatz gegen den altersbedingten Knochenabbau, hieß es: Die Präparate verdichten die Knochensubstanz und vermindern so, bei gefährdeten Frauen, das Risiko von Frakturen. Diese Wirkung schwindet allerdings schnell, wenn die Frauen - im Durchschnitt nach zwei, drei Jahren - das Medikament wieder absetzen. Risikopatientinnen sollten deshalb vom 60. Lebensjahr an mit einer Langzeiteinnahme vorbeugen, lautete die Empfehlung.

Skeptisch beurteilten die in Mailand versammelten Experten hingegen die Wohltaten, die den meist kombinierten Östrogen-Gestagen-Präparaten bei der Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten zugeschrieben werden: Östrogen vermag jedenfalls im Tierversuch den Pegel des als »HDL« bekannten »guten« Cholesterins im Blut zu erhöhen und den Anteil an LDL, dem schädlichen Blutfett, zu mindern. Doch die 1998 als HERS-Studie (Heart and Estrogen Replacement Study) bekannt gewordene einzige große und wissenschaftlich untadelige Untersuchung zu dieser Frage dämpfte die Erwartungen erheblich. Bei besonders infarktgefährdeten Frauen stellten die HERS-Forscher statt eines schützenden Effektes sogar ein geringfügig erhöhtes Risiko durch die Hormoneinnahme fest.

Hingegen erwies sich in unterschiedlichen Untersuchungen, dass das Thrombose-Risiko bei einer Hormonbehandlung in den Wechseljahren auf das Zwei- bis Dreifache ansteigt. Für Frauen ohne Vorbelastung, so hieß es, wirke sich dieser Anstieg aber nur geringfügig aus.

Dass die Hormonsubstitution vor Altersgebresten wie dem Alzheimerschen Gedächtnisabbau und anderen Formen von Demenz schützen könne, hatten Experimentatoren aus Laborversuchen mit Tieren und Zellmaterial geschlossen. Doch diese Arbeiten seien noch völlig unzureichend, resümierte Psychiater Ingmar Skoog von der Universität Göteborg nach der Prüfung sämtlicher Publikationen. Die Hoffnung auf hormonelle Hilfe gegen geistigen Abbau sei vage und rechtfertige allein keineswegs die Behandlung, lautete das Mailänder Fazit.

Erstmals mit eindeutigen Belegen untermauerte die britische Epidemiologin Valerie Beral die vieldiskutierte Annahme, eine langfristige Einnahme der Wechseljahrshormone erhöhe die Brustkrebsgefahr. Statistisch gesehen, so Beral, mache der »leichte Anstieg sechs zusätzliche Fälle unter 1000 Frauen aus, die vom 50. Lebensjahr an durchgehend zehn Jahre lang mit Hormonen substituiert worden sind": Statt 45 pro 1000 Frauen erkranken laut Beral 51 an Brustkrebs.

Fünf Jahre nach Beendigung der Hormonbehandlung, so ermittelte die Oxford-Professorin, schwand jedoch das Brustkrebsrisiko wieder erheblich. Überdies seien die hormonell bedingten Brustkrebs- und Endometrium-Tumoren »weniger aggressiv« als diejenigen bei Frauen, die niemals Östrogene und Gestagene gegen Wechseljahrsbeschwerden genommen hatten. Das sei »ein schwacher Trost«, kommentierte auf der Konferenz die australische Wissenschaftlerin Debra Anderson von der Queensland University of Technology: Brustkrebs sei schließlich das wahre Schreckgespenst für Frauen in diesem Alter.

»Einige Jahre lang angewandt«, werde die Hormontherapie »Wechseljahrsbeschwerden mildern«, aber »nicht zu einer wesentlichen Zu- oder Abnahme von Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Osteoporose führen«, lautet das Resümee der dreitägigen Diskussionen: »Für manche Frauen werden bei einer Langzeittherapie die Risiken überwiegen, für andere die Wohltaten.« Weitere kontrollierte Studien seien dringend erforderlich, um mehr Klarheit zu schaffen.

Mehr Aufklärung und bessere Kenntnisse, so macht das abschließende Statement deutlich, wünschten sich die Fachleute bei den praktizierenden Gynäkologen. Die Entscheidung für eine Hormonersatztherapie müsse, nach »fundierter Information«, gemeinsam mit der Patientin getroffen werden.

In jedem einzelnen Fall müsse die Behandlung »maßgeschneidert« sein - ein Aufwand, den längst nicht alle Ärzte treiben. »Dafür muss man viel und ganz konkret fragen«, weiß Gynäkologin Höß und fasst ihre Ärzte-Kollegen am Portepee: »Wir sollten Hormone nicht nach dem Gießkannenprinzip austeilen.« RENATE NIMTZ-KÖSTER

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Die zwei Seiten von Östrogen Langzeitwirkungen des Sexualhormons ERWÜNSCHTE WIRKUNGEN (1) GEHIRN beeinflusst über das vegetative Nervensystem die Regulation der Körper- temperatur und die Gefäßdurchblutung (2) BRUST stellt die Brustdrüsen auf Milchproduktion ein (3) KNOCHEN erhält die Knochendichte (4) GEBÄRMUTTER steuert den Eitransport zum Uterus und programmiert ihn auf die Ernährung des Fetus UNERWÜNSCHTE WIRKUNGEN (5) BRUST fördert Brustkrebs (6) GEBÄR- MUTTER fördert Krebs der Uterus- schleimhaut

[GrafiktextEnde]

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