NEW YORK Wowee!
Der Reisende, der in New York mit
einer Schönen anbändelt, muß sich nicht länger in Torbögen oder auf Parkbänken herumdrücken. Ein neuer Stadtführer durch die Millionen-City empfiehlt ihm ein gemütlicheres Séparée: den Rücksitz der New Yorker Taxis.
Fast alle Droschkenfahrer der US -Metropole dulden den Austausch von Zärtlichkeiten auf den hinteren Polstern
- solange die Fahrgäste die Verkehrsregeln beachten:
- nur das Notwendigste ausziehen,
- keine übermäßige Unruhe,
- höchstens drei Beteiligte,
- ein paar Dollar für den Fahrer.
Diesen nützlichen Hinweis erteilt ein Autor unter dem Pseudonym »Petronius« in einem »unmoralischen Fremdenführer«, der soeben in New York erschienen ist*.
Der verdienstvolle Wegweiser kommt einer Pioniertat gleich: Er unterscheidet sich von allen Drucksachen, die bisher über New York verfaßt wurden. Das Buch enthält Tips, die gemeinhin mühsam von Hotelportiers und Parkwächtern erkauft werden müssen: Gelegenheiten, Rufnummern, Adressen.
Auf keiner der 246 Seiten des New -York-Führers wird man die Öffnungszeiten von Museen und Bibliotheken finden, wohl aber - auf den Seiten 19 und 169 - die besten Zeiten, um in dem Studenten- und Vergnügungsviertel Greenwich Village Bekanntschaften zu schließen: Wochentags zwischen 14 und 20 sowie nachts zwischen 1.30 und 5.00 Uhr (im »Cafe Figaro«, bis 6.00 Uhr).
Auch Tarife nennt Petronius, wenngleich nicht die für U-Bahn, Bus oder Fähre: 20 bis 35 Dollar tagsüber in den sechziger Straßen östlich Central Park (Erkennungssignal: Pudel oder Katze in der Haarfarbe von Frauchen), 15 Dollar nachts am Times Square (weniger
empfehlenswert, unsauber), 75 Cent im spanischen Teil Harlems (abzuraten).
Der Ratgeber - der nicht mit Sternen, sondern mit lautmalenden Auszeichnungen wie »wowee!« oder »yummy!« wertet - informiert den Fremden über New Yorker Intimgewohnheiten ("Viele Mädchen lassen sich nicht gern nackt verführen") ebenso wie über die Erkennungszeichen der New Yorker Masochisten ("Pflaster im Gesicht, Brandmal auf dem Handrücken").
Und er weist Wege - nicht nur zu Massage-Salons, Porno-Buchhandlungen und dem »größten, verrücktesten, lautesten« Beat-Schuppen ("The Cheetah"), sondern auch zu »Schrafft's« Kaffeehaus in der Madison Avenue, wo nachmittags millionenschwere Ladys auf junge Männer, oder zu »Keliy's« (45. Straße), Wo abends Gentlemen auf noch jüngere Männer warten.
Unter den Adressen, die das Buch aufführt, befinden sich - statt Rathaus und Kunsthalle - »Star Adels« (Nachbildungen und andere Hilfsgeräte), »Kiehl Pharmacy« (Adam-und-Eva -Wurzel und andere Aphrodisiaka) und »ACDC Appliance«, 29. Straße ("Batteriebetriebene Sex-Maschinen").
Unter »Notruf« ist der hilfswillige Gynäkologe rubriziert, und als Lektüre empfiehlt Petronius beispielsweise »Mister Magazine«, das Hausorgan der Frauentausch-Bewegung.
Nebenher plaudert der Autor über New Yorker Kuriositäten und Originale - etwa den älteren Herrn, der sich in Hotel-Toiletten schleicht, in der Hoffnung, daß ihm ein anderer die Tür gegen den Kopf knallt, oder das Mädchen in der Bar »Twenty-one«, das sich zu seinem Vergnügen Zigaretten auf dem Handrücken ausdrücken läßt.
An Gründlichkeit der Recherchen ("Orgien unter Intellektuellen gleichen allen anderen Orgien, nur sieht man dort mehr Brillen") steht das Werk des Petronius dem ruhmreichen französischen »Guide Michelin« kaum nach. Garantien für risikoloses Reisen aber mag der New-York-Führer - anders als Michelin - nicht geben. Weder physische Unversehrtheit noch Preisstabilität können zugesichert werden. Petronius-Ratschlag an die Reisenden: »Bringen Sie einen Batzen Geld mit.«
* Petronius: »New York Unexpurgated«. Matrix House Ltd., New York; 246 Seiten; 4,95 Dollar.
Beat-Lokal »The Cheetah": Für die Stadt ein unmoralischer Fremdenführer