Wuchern im Bad - DER SPIEGEL
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Wuchern im Bad

Am Samstag startet der WDR die »Knapp-Familie« - eine neue Serie, der alte Krampf.
• aus DER SPIEGEL 46/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vielleicht in dem engen Siedlungshäuschen, womöglich in dessen Bad, das immer besetzt ist; eventuell an der Fleischtheke im Supermarkt oder bei Paul im Wohnwagen - irgendwo muß die »neue Programmfarbe« des WDR doch zu finden sein.

Wo sonst Kulenkampff schäkert und Fuchsberger flachst, will die Kölner Anstalt, dieses selbsternannte »deutsche Humorpotential«, eine »völlig neue Wirklichkeit« verbreiten, in der laut Redakteur Jörn Klamroth »alle Definitionen und Theorien zusammenfließen« sollen. Dieser Zusammenfluß, angeblich »intelligent und vor allem witzig«, droht erstmals am kommenden Samstag (ARD 20.15 Uhr) und dann noch zweimal abendfüllend: »Die Knapp-Familie«.

Elfriede Knapp (Rosel Zech) ist eine patente Frau, selbstsicher schreit sie schon frühmorgens mit vollem Mund durchs Treppenhaus, ob oben das Bad frei sei. Meist ist es nicht frei, und deshalb schreit Elfriede häufig. Endlich gewaschen, räumt sie im Supermarkt Katzenfutter ein. Als ihr der Chef dumm kommt, wirft sie ihm das Kitekat vor die Füße, säuft sich die Hucke voll und torkelt schließlich in die Arme des blonden Trabrennfahrers Hans.

Paul Knapp (Eberhard Fechner) als Zech-Kumpan ist das leibhaftige Kontrastprogramm zu Ehefrau Elfriede. Er schreit nicht, ob das Bad frei sei, schreit überhaupt nicht, sondern denkt still und friedlich unter seiner ehrlichen Haut über die Bourbonen nach, deren Geschichte er im Wohnwagen hinterm Haus zu einem Roman verarbeitet. Elfriede nennt ihn deshalb gelegentlich einen »Saftsack« und tut damit echten Konfliktstoff auf.

Die Knapps haben auch jede Menge Kinder: Roswitha, die den dicken Metzger Bernd heiraten möchte; Elisabeth, die als Studierte manchmal kluge Brocken von Erich Fromm in der Wohnküche fallen läßt; Dietlinde, die dem lockenköpfigen Griechen Wassili von gegenüber um den Hals hängt und ihm, als er nach Piräus zurückgeht, eine scheuert; und schließlich Siggi, den kleinen Klugscheißer, der am liebsten auf dem Lokus hockt, weshalb das Bad, siehe oben, häufig besetzt ist.

Wer wollte bezweifeln, daß es in dieser putzmunteren Sippschaft an »Deftigkeit der Auseinandersetzungen« nicht fehlen wird? Aber es fehlt, weitaus schlimmer, auch nicht »an Aktualität, an Zeitbezug«. Denn bei Co-Autor und Regisseur Stephan Meyer »wucherte das Material«.

Es wucherte vor allem im Badezimmer der Knapps. Nachdem der dicke Fleischer Bernd dort in einem Wutanfall das einzige Waschbecken zertrümmert hat, werden endlich auch sozialkritische Sprünge sichtbar. Denn was geschieht? Elfriede kauft kurzerhand ein komplettes Bad für 4000 Mark, das die Wohnungsbaugesellschaft Vobag bezahlen soll. Aber die denkt nicht an Ersatz des Beckens, sondern an den Abriß der ganzen Siedlung. Während Klein-Siggi daheim schon auf der neuen, kratzfesten S.274 Klobrille rumrutscht und aus dem Klopapierhalter Radio hört, findet Elfriede im Rennstall des blonden Hans einen neuen Job, um die Raten für die Luxuswanne zahlen zu können, und auch sonst vielerlei Gutes.

Zum Zwecke zwischenmenschlicher Ausgewogenheit fährt derweil bei den Knapps der Bücherwagen mit einer neuen Bibliothekarin vor. Die heißt Putzi und interessiert sich spontan für den Lieblingskäse der Comtesse de la Bagne und für deren literarischen Verwerter Paul.

Am Ende springt aus Meyers wucherndem Material auch noch eine richtige Hausbesetzung. Die ganze Siedlung malt auf einmal Plakate und Spruchbänder, vermutlich mit der »neuen Programmfarbe« des WDR. Die soll nun auch noch für weiteren Klamauk ausreichen. Im nächsten Jahr dreht das »deutsche Humor-Potential« drei neue Folgen der unseligen »Knapp-Familie«. Fortsetzung droht.

S.272Mit Erika Skrotzki, Eberhard Fechner, Christiane Leuchtmann, UlrichGebauer, Rosel Zech.*

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