Würde und Charakter - DER SPIEGEL
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Österreich Würde und Charakter

Das Nationalheiligtum Schönbrunn soll privatisiert werden. Gegen die Pläne gibt es heftigen Protest.
• aus DER SPIEGEL 9/1990
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Dem Enkel des letzten Kaisers hat die Idee gar nicht gefallen. »Ich finde, daß hier mit historischen Werten, die in Österreich so viel ausmachen, Schindluder getrieben wird«, zürnte Karl Habsburg, als er von Plänen erfuhr, die von der Republik enteignete Sommerresidenz seiner Ahnen möglichst gewinnbringend zu vermarkten.

Um die Mittel zur Renovierung des meistbesuchten Touristenzieles im Land aufzutreiben, will Wiens Wirtschaftsminister Wolfgang Schüssel das Schloß an Konzessionäre verpachten. Der Zahn der Zeit, vor allem aber die über anderthalb Millionen Besucher, die jedes Jahr durch die Prunkräume traben, oft in regennassen Kleidern, weil es nicht genug Garderoben gibt, haben dem historischen Juwel zugesetzt. Fresken bröckeln, Holz und Mauerwerk verrotten, kostbare Parkette ächzen unter den Besuchertritten.

Eine Generalsanierung tut dringend not. Um das Prunkschloß Schönbrunn mit seinen weitläufigen Anlagen samt Tiergarten vor dem Verfall zu bewahren, müßte nach Schüssels Berechnung mindestens eine halbe Milliarde Schilling investiert werden - über 70 Millionen Mark. Aus dem Staatsbudget sei das kaum zu finanzieren, wohl aber durch einen potenten privaten Pächter.

Als im vergangenen Sommer die Pläne für eine privatwirtschaftliche Nutzung des einstigen Kaiserschlosses bekannt wurden, meldeten sich mehr als zwei Dutzend Interessenten, die Schönbrunn in eine Goldgrube verwandeln wollten.

Sie schlugen vor, die Orangerie zum Luxushotel umzubauen, die Gloriette zum Kaffeehaus, fürs fußfaule Volk per Zahnradbahn erreichbar. An einen Heurigen-Garten mit original Wiener Schrammeln war genauso gedacht wie an private Feste in den kaiserlichen Prunkgemächern und Romantikhochzeiten mit anschließender Rundfahrt in einer Barockkutsche; farbige Wasserspiele sollten her, ein elektrischer Minizug für den Park, ein Streichelzoo im Tiergarten - alles fürs Touristenherz.

Eines der prächtigsten Kulturdenkmäler Österreichs solle zur »Erlebniswelt Habsburg-Land« verhunzt werden, alarmierte Wiens Wochenpresse die traditionsbewußten Mitbürger.

Wirtschaftsminister Schüssel versteht die Aufregung nicht. Er habe sich entschieden dagegen verwahrt, Schönbrunn »in ein Disneyland« zu verwandeln. In der engeren Auswahl der Bewerber um die Nutzung Schönbrunns stünden nur Firmen, die »Behutsamkeit in Sachen Denkmalschutz« (Schüssel) bewiesen. Die Entscheidung über den zukünftigen Nutzer soll nun im Frühsommer fallen.

Unterdessen hat das Bundesdenkmalamt einen ganzen Katalog von Einschränkungen und Auflagen erarbeitet, der private Investoren aus allzu gewagten Profitträumen reißen dürfte.

Gerhard Sailer, Präsident des Amtes, ist zwar nicht grundsätzlich gegen eine Privatisierung, kann sich aber nur schwer vorstellen, »daß die Schauräume von Privaten gemanagt werden«. Eine Steigerung der Besucherzahlen sei »aus konservatorischen Gründen nicht mehr zu verantworten«.

Zusätzliche Einrichtungen, die Gäste locken könnten, etwa ein Cafe, seien im Hauptschloß nur schwer unterzubringen. Die Vorstellung, die Gloriette könnte an einen Kaffeesieder verpachtet werden, findet der Beamte »unerträglich«. Sailer: »Der Bau wurde als Totenmal konzipiert, und dort sollen die Leute ihren Kapuziner schlürfen?«

Hofrat Walter Koschatzky, pensionierter Direktor der berühmten Graphischen Sammlung Albertina, will nicht abwarten, bis »dieses geistige Monument unserer historischen Identität« sorglos in eine »Geldmaschine« verwandelt wird. Der Kunsthistoriker gründete die »Gesellschaft der Freunde Schönbrunns« und versucht seither, eine Privatisierung zu verhindern.

Koschatzky mißtraut den Versprechen der Investoren, »Würde und Charakter des Kaiserschlosses« zu wahren - vielleicht nicht nur aus Pietät: Er zählt zu jenen privilegierten Wienern, die im Schloß eine Wohnung haben.

»Schönbrunn kann sich ohne weiteres selbst erhalten«, behauptet Koschatzky, »man muß die Beamten nur vernünftig wirtschaften lassen.« In der Tat stehen Ausgaben von jährlich rund 50 Millionen Schilling Einnahmen von fast 75 Millionen gegenüber, die allerdings im bodenlosen Budgettopf des Finanzministers verschwinden. Ein unglaublicher »Kompetenzwirrwarr«, so Koschatzky, läßt derzeit an wirtschaftliches Rechnen gar nicht denken.

Kurt Kumhofer, Vorsitzender der Sektion Wirtschaftsverwaltung in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, der im Namen der 170 Schloß-Beamten vehement gegen Schüssels Pläne protestiert, bestätigt dieses Urteil: »So ein Beamter muß dreimal im Ministerium anrufen, ehe er eine Lampe, die nicht einmal denkmalgeschützt ist, um 20 Zentimeter versetzen darf«, schildert der Gewerkschafter die Erfahrungen der Staatsdiener mit der Bürokratie.

Schüssel riecht hinter den Protesten Unrat: Gegen sein Privatisierungsprojekt formiere sich eine »ganz seltsame Koalition der Verhinderer - Ultrarechte, die den Kaiser im Grab rotieren hören, und radikale Linke, die schon Schaum vor den Mund bekommen, wenn sie nur das Wort Privatisierung vernehmen«. f

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