WUNDE STELLEN - DER SPIEGEL
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Briefe

WUNDE STELLEN
• aus DER SPIEGEL 27/1965
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WUNDE STELLEN

Ich finde es höchst verdienstlich, daß Hochhuth die Autorität, die er durch seinen »Stellvertreter« gewann, dazu benutzt, in die Sozialproblematik unserer Tage hineinzuleuchten. Zu viele Jahre hat es auf diesem Gebiet von Regierungs - und Unternehmerseite Beschönigungs - und Beschwichtigungsreden gegeben, mit denen die Wirklichkeit verkleistert werden sollte. Es ist

höchste Zeit, daß diese Traumwelt zerrissen wird. G. B. Shaw stellte schon fest: »Die schlichte Wahrheit ist, daß es den Leuten nicht nur guttut, wenn sie gelegentlich aufgeschreckt werden, sondern daß es für den Fortschritt der Gesellschaft unerläßlich ist, sie recht oft aufzuschrecken.«

In meinem vor wenigen Monaten erschienenen Buch habe ich als Unternehmer das gleiche Thema wie Hochhuth aufs Korn genomnien, und ich bin sicher, daß sich nun auch andere Stimmen zu Wort melden werden. Damit wird hoffentlich eine schon lange fällige Diskussion endlich in Gang kommen und die Möglichkeit eröffnen, Formen des-Zusammenwirkens und Besitzens, die der heutigen Zivilisationsgesellschaft gemäß sind, auf breiter Basis in der Industrie zu praktizieren. Dazu muß allerdings die Unternehmeraufgabe neu formuliert werden.

Hochhuth hat auf viele wunde Stellen seinen empfindsamen Finger gelegt. Kein Wunder, daß das Geschrei groß ist! Als Schriftsteller hat er ein Recht zu Übertreibungen, wahrscheinlich sogar die Pflicht, um die Problematik deutlich zu machen. Die Schärfe in der Argumentation ist heute notwendig, um überhaupt gehört zu werden. Es ist erstaunlich, immer wieder zu beobachten, wie dickfellig der Wohlstand macht. Ich finde es nur bedauerlich, daß Hochhuth keinen anderen Weg zu Reformen der Gesellschaft sieht, als die Wiederbelebung des Klassenkampfes. Auch machen seine offensichtlich einseitigen Vorstellungen und' gewisse Unrichtigkeiten in der Darstellung es seinen Gegnern leicht, ihn als unsachlich abzutun. Es gibt noch andere wichtige Probleme, außer der Besitzlosigkeit, die das Objektdasein des abhängig Arbeitenden kennzeichnen. In seinem geplanten Bühnenstück über »Die Unternehmer« sollte Hochhuth das berücksichtigen. Wir brauchen ein aktuelles Drama über die soziale Problematik unserer Zeit. Das Stück »Die Weber« kann es nicht mehr sein.

Hilden (Nordrh-Westf.) GERT P. SPINDLER

Spindler*

* Fabrikant im rheinischen Hilden, der seine Arbeiter zu Mitbesitzern seines Werks machte und von Hochhuth als Gerechter »im Sodom der bundesdeutschen Arbeitgeberverbände« gewürdigt wurde. Spindler ist Autor des Buchs »Neue Antworten im sozialen Raum« (Econ Verlag).

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