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Tschechoslowakei Wunder Punkt

Wird Parteichef Husák von Stalinisten erpreßt?
• aus DER SPIEGEL 25/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer frühere politische Auffassungen verleugnet, gilt unter Kommunisten als »Renegat«. So schimpfte die Moskauer »Prawda« vor kurzem über Prager Reformer: »Renegaten wollen unter der Flagge der ;Erneuerung' des Marxismus andere, verschiedene konterrevolutionäre Modelle des Sozialismus ;mit menschlichem Antlitz' aufdrängen«

Das Rezept des sowjetischen Parteiorgans stammt von Lenin: »Man muß sie einfach in einen Käfig sperren und neben irgendeinem australischen Känguruh zur Schau stellen.«

Dubcek-Nachfolger Gustav Husák hat bereits eine ganze Reihe dieser »Renegaten« einsperren lassen (SPIEGEL 5/1972). Offenbar noch nicht genug

der »Prawda«-Angriff kann gegen Husák selbst gerichtet sein: Auch er zählte zu den Erneuerern des Sozialismus. Im Prager Frühling, im April 1968, war Husák Vizepremier der CSSR geworden. Denn er galt als ein Opfer des Stalinismus: Wegen seiner früheren politischen Auffassungen hatte Husák von 1951 bis 1960 im Zuchthaus gesessen.

Husák gehörte damals zu einer »parteifeindlichen Bande«, die -- so erklärte im Februar 1951 der slowakische Parteisekretär Bastovansky vor dem Prager ZK -- »mit ihrer separatistischen Aktivität vorsätzlich die Einheit der Republik zu zerschlagen und den sogenannten selbständigen slowakischen Staat aufrechtzuerhalten suchte, um im gegebenen Augenblick die Slowakei von der Republik loszureißen«.

Der Hintergrund: Die Slowakei war 1939 -- unter deutschem Protektorat -- ein eigener Staat geworden; nach dem Krieg wurde sie wieder Bestandteil der Tschechoslowakischen Republik. Da geriet der ehemalige Partisan Husák unter Verdacht, er hänge einem slowakischen Nationalkommunismus an. Ankläger Bastovanský (der im darauffolgenden Jahr selbst verfolgt wurde und Selbstmord beging): »Kurz, es sollte das putschistische, bonapartistische Abenteuer Titos wiederholt werden ...«

Husák wurde verhaftet, Nach »illegalen, überaus brutalen Untersuchungsmethoden« gab Husák ein Geständnis ab und widerrief es, ehe er veurteilt wurde. »obwohl er von den Sicherheitsorganen auf jede nur mögliche Weise gequält wurde« -- so steht es in einem parteiamtlichen Untersuchungsbericht. den eine Kommission unter Vorsitz des Politbüromitglieds Drahomir Kolder am 3. und 4. April 1963 dem ZK erstattete.

Das ZK billigte den Bericht, der sofort für geheim erklärt und unter sicheren Verschluß genommen wurde. Der Öffentlichkeit blieb der Kolder-Bericht bis heute unbekannt. Doch das ehemalige ZK-Mitglied Jiri Pelikán, bis zur Intervention 1968 Fernsehdirektor in Prag, brachte bei seiner Flucht in den Westen den Horror-Bericht mit und veröffentlichte ihn jetzt*.

Pelikán stieß in dem Geheimpapier auch auf einen »wunden Punkt« im Lebenslauf Husáks -- womöglich eine Erklärung dafür, warum es Moskau nach der Intervention gelang, Husák »zum »Mann der Normalisierung' zu machen und zum Verrat an Dubcek ... zu bewegen« (so Pelikan).

Im Kolder-Bericht wird nämlich behauptet, Husák habe im Krieg mit Alexander ("Saño") Mach, dem Innenminister des deutschen Satellitenstaats Slowakei. kollaboriert:

Es muß jedoch erwähnt werden, daß Husak sich ein ernstes Vergehen hatte zuschulden kommen lassen, indem er 1941 . . an einer von Saño Mach organisierten Reise durch die damals bereits von den deutschen Faschisten besetzte Ukraine teilgenommen halle. Saño Mach hatte diese Reise propagandistisch ausgeschlachtet, um namentlich unter der slowakischen Intelligenz antisowjetische und antikommunistische Stimmung zu machen. Dieses Vergehen Husáks war der Partei bekannt, er war deswegen scharf kritisiert worden, wurde aber trotzdem in hohe Partei- und Staatsämter gewählt. Genau kennen den Kolder-Bericht jene konservativen Genossen, die der Untersuchungskommission angehört hatten, darunter Lubomir Strougal -- heute Premier der CSSR -- und der Parteichef der Slowakei, Jozef Lenárt, sowie der Vorsitzende Drahomir Kol-

* Pervertierte Justiz, Bericht der Kommission des ZK der KPC über die politischen Morde und Verbrechen in der Tschechoslowakei 1949 bis 1963, herausgegeben von Jiri Pelikan; Europaverlag Wien-Zürich-München: 208 Seiten: 14 Mark.

der selbst (er leitet heute im Ministerrang das Komitee für Volkskontrolle).

»Vielleicht ist dies die Trumpfkarte in der Hand der Stalinisten mutmaßt Pelikan, »mit der sie Husák jederzeit erpressen können.« Vielleicht ist dies auch der Trumpf der »Prawda«.

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