Wundersame Rettung - DER SPIEGEL
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FRANKREICH Wundersame Rettung

Im Kampf um das höchste Staatsamt macht Chirac und Jospin ein dritter Bewerber zu schaffen: der Republikaner Chevènement.
Von Romain Leick
• aus DER SPIEGEL 52/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Löwe von Belfort ist ein in ganz Frankreich bekanntes Denkmal von Frédéric Auguste Bartholdi, dem Schöpfer der New Yorker Freiheitsstatue: 22 Meter lang und 11 Meter hoch in den Fels gehauen. Er erinnert an die heldenhafte Verteidigung der Stadt zwischen Elsass und Burgund 1870/71 im Krieg gegen die Preußen.

Im beginnenden französischen Präsidentschaftswahlkampf reckt nun der leibhaftige Löwe von Belfort das Haupt - und lehrt manche das Fürchten. Jean-Pierre Chevènement, Abgeordneter und Bürgermeister der Stadt unweit des Rheins, hat den beiden Spitzenkandidaten für das höchste Staatsamt, Präsident Jacques Chirac und Premier Lionel Jospin, eine unangenehme Überraschung bereitet.

Was sich zunächst wie ein störungsfreies Duell zwischen Staats- und Regierungschef anließ, entwickelt sich immer mehr zu einem spannenden Dreikampf. Binnen kurzem ist Chevènement, 62, zum Spielverderber im Hof der Großen geworden, zum lange gesuchten »dritten Mann«, der sich als wahrhaft republikanische Alternative anbietet und an alle appelliert, die der beiden Amtsinhaber überdrüssig sind.

»Chirac und Jospin, das ist eine einheitliche Suppe«, verkündet er, und in die will er kräftig spucken. Obwohl er nur eine winzige Partei, die linke »Bürgerbewegung«, hinter sich hat, stieß Chevènement in den Meinungsumfragen gleich bis auf 12 Prozent vor - zwar noch deutlich hinter Chirac und Jospin, die beide bei über 20 Prozent liegen, aber mit wachsendem Potenzial.

Linke und Rechte, orthodoxe Kommunisten und historische Gaullisten laufen dem ehemaligen Innenminister zu, dessen Programm aus drei Prinzipien gehämmert zu sein scheint: Ordnung, Autorität, Nation. Für Chevènement ist die Republik in Gefahr, bedroht im Äußeren von Europa, in dem sich Frankreichs Souveränität angeblich aufzulösen droht; und im Inneren von einer Erosion der Staatsgewalt, die in wachsende Kriminalität und tiefe soziale Brüche mündet.

Chevènement will die jakobinische Republik mit ihrem geheiligten Grundsatz »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« wieder aufrichten. Sein Charme der Nostalgie zieht auch viele Intellektuelle an, die gern in französischer Geschichte baden, etwa den Schriftsteller und früheren Mitterrand-Sprecher Max Gallo, einen Fließbandproduzenten von blau-weiß-roter Literatur.

Mit seiner Synthese aus Patriotismus und Sozialismus habe es Chevènement geschafft, der unbestrittene »Herbstmeister« des Wahlkampfs zu werden, wie die Zeitung »Libération« feststellt. Mit einem Mal scheint nichts mehr ausgeschlossen. »Alle Hoffnungen sind erlaubt«, verkündet der Kandidat, der fest daran glaubt, dass er im ersten Wahlgang Ende April zuerst Jospin und dann im zweiten Anfang Mai Chirac schlagen könne.

Mit einer Freudschen Fehlleistung, die verborgene Ängste freilegte, redete der Premier in der Fragestunde des Parlaments den Abgeordneten Chevènement, den er seit 35 Jahren kennt, neulich mit »Monsieur le Président« an, für den so Aufgewerteten ein gutes Omen. Dass Jospins Sozialisten, zu denen Chevènement 29 Jahre lang gehörte, über den Störenfried mit den Zähnen knirschen, entlockte ihm einen Anfall von Heiterkeit: »Die Sozialisten haben doch gar keine Zähne mehr, wie wollen sie damit knirschen?«

Der selbst ernannte Retter der Republik kommt von weit her. Bei einem harmlosen chirurgischen Eingriff vor drei Jahren erlitt er einen Narkoseschock, der einen Herzstillstand von 55 Minuten auslöste und den Patienten acht Tage lang ins Koma versetzte. Die Ärzte gaben ihm eine Überlebenschance von 1 zu 10 000, »aber Gott wollte mich nicht, der Teufel auch nicht, und deshalb bin ich wieder da«, sagt Chevènement. Seitdem glaubt der Wiederauferstandene, dass er vom Schicksal ausersehen sei, Frankreich wiederzuerwecken.

Würde er es schaffen, hätte Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Problem. Denn Chevènement hasst lauwarme Sozialdemokraten, und ihn treibt eine Leidenschaft um, ja eine Obsession: Deutschland.

»Muss man Angst vor Deutschland haben?«, lautet der erste Satz seines 1996 erschienenen Buchs »France-Allemagne. Parlons franc«. Als Student lernte er Deutsch in Wien. Am Tag, an dem der EU-Gipfel von Laeken begann, warf er Schröder und dessen Außenminister Fischer vor, »stur« am föderalistischen Modell für Europa festzuhalten, einer Organisationsform, die Deutschland seinen Partnern aufzwingen wolle, weil es darin die Ausweitung seiner selbst erkenne.

Stehen die Preußen wieder vor Belfort? Der französische Osten, die Grenzregion zu Deutschland, sei immer die Heimstatt des Patriotismus gewesen, erklärt Chevènement. Seine historischen Vorbilder ließ er einmal auf einer Neujahrskarte allegorisch abbilden: Jeanne d'Arc, die »reine Heldin«, Léon Gambetta, der 1870 nach der Niederlage Napoleons III. gegen die Deutschen die Republik ausrief, den »Tiger« Georges Clemenceau, Vater des Siegs im Ersten Weltkrieg, und natürlich Charles de Gaulle - alles Gestalten, die Frankreich aus höchster Not erlösten und den Widerstandswillen der Nation anfachten.

In dieser messianischen Tradition sieht sich auch der Bewerber Chevènement. Sein unerschütterlicher Glaube an die Größe und Unschuld der Republik verleiht ihm eine pathetische Aura, neben der Chirac und Jospin fahl wirken. Die Frage ist nur, ob sich Frankreich heute noch mit einer Vision der Vergangenheit verführen lässt. ROMAIN LEICK

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