Wundertüte für Werbemuffel - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN Wundertüte für Werbemuffel

Das ist der Schrecken der privaten TV-Sender: Digitale Festplattenrecorder verheißen den Zuschauern zeitversetztes, fast werbefreies Fernsehen.
• aus DER SPIEGEL 35/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Terminator des werbefinanzierten Fernsehens ist ein kleiner schwarzer Kasten. Harmlos sieht er aus, kaum anders als ein DVD-Spieler - aber in dieser Elektronik-Kiste steckt unter Umständen der Totengräber von RTL, ProSieben und Sat.1.

»TiVo« heißt das Gerät, das derzeit in den USA Furore macht. Von ihm kriegen die Fernsehbosse schlechte Träume; denn eine ganze Armada ähnlicher Digitalmaschinen droht das werbefinanzierte Fernsehen von heute in Kürze sturmreif zu schießen. Einige dieser Produkte werden jetzt auf der Ifa vorgestellt - und dort Entzücken wie Entsetzen verbreiten.

TiVo ist ein digitaler Videorecorder. Er kann Sendungen in brillanter Qualität aufnehmen, aber er kann noch viel mehr: Er befreit die TV-Zuschauer von allem, was sie unfrei machte - von Werbeblöcken, von unseligen Startzeiten, dem Ärger über einen Anruf während eines Fußballspiels und von der Angst, im Fernsehen etwas zu verpassen. »Diese Maschine hat Gott gemacht«, hat Michael Powell, Chef der US-Telekom-Regulierungsbehörde gesagt.

Als hingegen TiVo-Chef Mike Ramsay neulich bei einer Konferenz vor erbosten Fernseh-Werbeleuten auftrat, musste er sich von ihnen als Erstes fragen lassen: »Sind Sie der Teufel?«

Digitale Videorecorder speichern Filme nicht auf Kassetten, sondern auf eingebauten Festplatten. Viele Geräte verfügen bereits über 80 Gigabyte Speicherplatz - genug für über 40 Stunden Programm. Wer gerade die »Tagesschau« guckt und eben in die Küche muss, der drückt auf die Pause-Taste: Das Live-Programm bleibt stehen wie ein Standbild, während der Rest der Tagesschau digital aufgezeichnet wird. Die weitere Sendung ist sofort abrufbar, denn TiVo kann gleichzeitig aufnehmen und wiedergeben.

Die Werbung, die bislang im Stile eines Raubüberfalls über den Zuschauer hereinbricht, hat in TiVo-Zeiten einen schlechten Stand: Wer mit TiVo einen Spielfilm herunterlädt, der kann sich den Werbeblöcken fast ganz entziehen - ein Druck auf die Vorlauftaste reicht. Der Zuschauer muss dabei nicht einmal bis zum Ende des Films warten; es genügt, ihn um eine halbe Stunde zeitversetzt zu gucken.

Und TiVo kann noch mehr. Über 700 000 Amerikaner haben nicht nur das Gerät für etwa 300 Dollar gekauft, sie zahlen überdies eine Monatsgebühr von rund 13 Dollar. Dafür stellt sich TiVo dann wie ein Haustier ganz auf die Vorlieben seines Besitzers ein: Wer gern Clint Eastwood sieht, für den sammelt TiVo im Gewirr der Sender unablässig alles, was mit ihm zu tun hat - Spielfilme, Interviews, Rezensionen. Wer eine neue Lieblingsserie gefunden hat, muss dies TiVo nur einmal mitteilen, und fortan zeichnet das Gerät jede Folge auf. TiVo denkt auf Wunsch sogar über Vorlieben und Wünsche seines Besitzers nach. Wer als Fan von »Raumschiff Enterprise« aufgefallen ist, dem kredenzt das Gerät unaufgefordert die Nachfolgeserien »Voyager« oder »Deep Space Nine« dazu.

TiVo ist eine elektronische Wundertüte, jederzeit bereit und immer gefüllt mit stundenweise Lieblingsprogramm. Niemand muss dem Zaubergerät erklären, was wann auf welchem Kanal läuft, denn das weiß es selbst: In der Nacht ruft die Maschine selbständig in der TiVo-Zentrale an und saugt sich die Programminformationen vom Zentralcomputer.

Welch ein Unterschied zu den alten VHS-Videorecordern! Schon die Dinger zu programmieren hat viele Menschen heillos überfordert. Die Digitalrecorder hingegen sind - nach durchlittenem Aufbau - fast alle mit Leichtigkeit bedienbar. Und das ist es, was sie für das Fernseh-Establishment so gefährlich macht.

Viele der TiVo-Nutzer in den USA sagen, dass das Gerät ihr Leben vor dem Bildschirm grundlegend verändert habe. Die Firma TiVo aus dem kalifornischen San Jose bestätigt das: Ihre Kunden schauten eher mehr fern als zuvor, aber sie sähen weniger Werbung dabei. Werbespots ertragen die Menschen vor allem bei Programmen, die sie gern live sehen, etwa Nachrichten und aktuelle Shows.

Jedes TiVo-Gerät liefert dem Hersteller zudem sekundengenaue Daten darüber, wie viel Werbung ein Kunde angeschaut hat. Und diese Informationen verkauft TiVo in anonymer Form neuerdings an alle, die sich dafür interessieren. TiVo-Kunden werden vor ihrer eigenen Glotze ausspioniert, denn die Glotze glotzt zurück.

In der anbrechenden Ära der digitalen Videorecorder könnte vieles an Bedeutung verlieren, was in den letzten 50 Jahren Fernsehgeschichte so wichtig geworden war: Programmdirektoren, Einschaltquoten, Sendeplätze, Fernsehzeitschriften. Und Videokassetten sowieso: Der Elektronikriese Philips hat bereits alle Fabriken für herkömmliche Videorecorder verkauft.

Schon im Jahr 2007, so erwarten die Marktforscher von Forrester Research, wird mehr als jeder dritte US-Haushalt einen digitalen Videorecorder haben. In den USA steigen jetzt vor allem die Betreiber der großen Kabelnetze und die Anbieter von Satellitenprogrammen in das Geschäft mit den Digitalrecordern ein. Auf der Ifa werden bereits Fernseher und Settop-Boxen präsentiert, in denen die Festplatte integrierbar ist. In Zukunft dürfte der Speicher zur Standardausstattung gehören.

Ein ähnlicher Trend zeichnet sich derzeit in Deutschland ab. Zwar ist TiVo selbst hier nicht erhältlich, aber fast alle einschlägigen Hersteller drängen mit Macht in den jungen Markt, egal ob Nokia, Panasonic oder Metz. Bislang konnten zwar erst 30 000 Stück verkauft werden; aber die Absatzzahlen dürften sich allein seit letztem Jahr verdreifachen, erwarten Analysten von der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK Gruppe). Und bis 2005 dürften die Absatzzahlen der digitalen Filmsauger die der herkömmlichen Recorder überrunden.

Die meisten Marktbeobachter haben wenig Zweifel, wohin die digitale TV-Revolution führen wird: »Rein werbefinanziertes Fernsehen«, heißt es beim Marktforschungsunternehmen Mercer Management Consulting, »könnte sich schon bald als Auslaufmodell entpuppen.«

Womit also verdienen die Sender dann ihr Geld? Was die Analysten vorschlagen, lässt nicht gerade auf ein interessanteres Fernsehen hoffen: Die Euros sollen unter anderem im Pay-TV und im TV-Shopping fließen. MARCO EVERS

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