Wundervolle Liebesnacht - DER SPIEGEL
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KENNEDY Wundervolle Liebesnacht

Eine ehemalige Mätresse John F. Kennedys plaudert neue Details über die guten Beziehungen des früheren Präsidenten zur Mafia aus.
• aus DER SPIEGEL 9/1988
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Die Herren begrüßten sich mit Vornamen, dann besprachen sie Geschäftliches. Der eine, so behauptet die Zeugin Judith Campbell Exner, sei der amerikanische Präsident John F. ("Jack") Kennedy gewesen, der andere Sam Giancana, Chef des Chicago-Syndikats und eine der mächtigsten Figuren des organisierten Verbrechens in den USA.

Die Zusammenkunft, so Frau Exner, heute 54, vorige Woche in einem Interview mit der Illustrierten »People«, habe sie selbst auf Wunsch Kennedys arrangiert.

Daß sie damals, im April 1961, dazu in der richtigen Position war, darf als sicher gelten: Sowohl mit dem ältlichen Mafioso als auch mit dem ranken Präsidenten pflegte Frau Exner enge Kontakte.

Seit 1975, als die politisch brisante Affäre ruchbar wurde, hatte Judith Exner stets bestritten, daß es zwischen ihren beiden Liebhabern irgendwelche Verbindungen gegeben habe. Doch weil sie an Krebs leide und nicht mehr lange zu leben habe, möchte sie nun »die Wahrheit sagen«. Die habe sie bisher verschwiegen, denn »ich fürchtete um mein Leben«.

Mit gutem Grund: Bevor Giancana 1975 vor einem Senatsausschuß aussagen konnte, wurde er ermordet.

Erstmalig, so hatte »New York Times«-Kolumnist William Safire nach dem Bekanntwerden der Affäre zwischen Ms. Exner und John F. Kennedy geschrieben, sei »das organisierte Verbrechen in das Weiße Haus eingedrungen«. Judith Exner zufolge war es eher andersherum, war es der Präsident, der in die Unterwelt eindrang: »Ich war eine Art Kurier und habe zwischen Jack und Sam vermittelt, wenn der Präsident Sam sehen wollte.« Zehnmal hätten sich die beiden getroffen, einmal gar, so meint Frau Exner zu wissen, im Weißen Haus.

In den kriminellen Untergrund stieß Kennedy vor, weil sein sexueller Heißhunger stets nach Stillung verlangte und ihn die Ehe mit Jackie langweilte. Als der Bostoner Millionenerbe und Kriegsheld, damals noch Senator, sich mit seinem Freund Frank Sinatra zum Wochenende in Las Vegas traf, seien »Showgirls aus der ganzen Stadt« bei Kennedy »ein- und ausgegangen«, notierte ein FBI-Beamter, der Kennedy im Auftrag des prüden FBI-Chefs Edgar Hoover observierte. Kennedy-Schwager Peter Lawford bekannte 1983, er habe »Frank mit Mädchen versorgt, und Frank wiederum versorgte Jack«.

So war es denn auch Sinatra, der Ms. Exner und Kennedy im Februar 1960 miteinander bekannt machte. Schon kurz darauf verbrachte Judith mit dem zum Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur avancierten Kennedy in New York nach eigener Aussage »eine wundervolle Liebesnacht«.

Sinatra, sowohl ein Bewunderer Kennedys als auch der Mafia, diente Frau Exner kurz darauf - und mit gutem Erfolg - auch seinen Mafia-Freunden Sam Giancana und Johnny Rosselli an.

Bei einem Dinner in Washington, erzählt Judith Exner, habe Kennedy sie dann um einen Termin mit dem Mafia-Boss gebeten: »Ich könnte seine Hilfe im Wahlkampf gut gebrauchen.«

Um seinen Konkurrenten Hubert Humphrey beim Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei zu schlagen, mußte der Katholik Kennedy vor allem beweisen, daß er auch in einem überwiegend protestantischen Bundesstaat gewinnen konnte. Also brach der Giancana-Gehilfe Paul ("Der Dünne") D'Amato umgehend nach West Virginia auf, wo er Mafia-Verbindungen aktivierte, über 50 000 Dollar eintrieb und damit Wahlleiter und Sheriffs einkaufte.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, Kennedy gewann mit 60,8 Prozent der Stimmen in West Virginia.

Beim Hauptwahlgang im November 1960 gegen den Republikaner Richard Nixon half nach Auskunft Judith Exners abermals die Mafia nach: In Chicago hätten Giancana und das Syndikat für die Mobilisierung der Kennedy-Wähler gesorgt, während Bürgermeister Richard Daley die Stimmauszählung so lange hinausgezögert habe, bis Kennedy Chicago und damit den damals wahlentscheidenden Bundesstaat Illinois gewonnen hatte. »Hör mal, Schätzchen, wenn ich nicht gewesen wäre, dann würde dein Freund nicht im Weißen Haus sitzen«, brüstete sich Giancana gegenüber Judith Exner nach der Wahl.

Will man Frau Exner glauben, dann fand der Freund, kaum daß er ins Weiße Haus eingezogen war, gleich neue Arbeit für die Männer aus der Unterwelt. Schon während der Eisenhower-Präsidentschaft hatte die CIA erwogen, den in Kuba 1959 an die Macht gekommenen Fidel Castro mit Hilfe der Mafia aus dem Weg zu räumen. Jetzt, nach Kennedys Wahlsieg, wurde das Mordkomplott gegen den bärtigen Revoluzzer neu aufgelegt.

Bis heute ist umstritten, ob Kennedy darin eingeweiht war. Seinem Mitarbeiter Richard Goodwin zufolge lehnte der Präsident die Ermordung Castros ab, »weil wir letztlich alle zu einem Ziel werden, wenn wir diese Art von Sachen machen«.

Judith Exner aber will mehrmals bedeutsame Unterlagen zwischen Giancana und Kennedy hin- und hertransportiert haben, und sie glaubt heute, es habe sich dabei um Mordpläne gegen Castro gehandelt.

Fest steht, daß die CIA Anfang 1961 Giftpillen an Giancanas Adjutanten Rosselli aushändigte. Castro überlebte, Giancana, Kennedy und Rosselli nicht.

Bei seiner Festnahme in Chicago 1957.

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