PRESSE Wurstwagen umgefallen
Die Schlagzeilen kündeten von einer Katastrophe biblischen Ausmaßes. »Der schwarze Tod«, schrieb der »Stern«, lauere vor Deutschlands Küste, »das große Sterben« habe begonnen.
Als im November 1998 der havarierte Holzfrachter »Pallas« vor der Nordseeinsel Amrum dümpelte und Öl verlor, schien Dantes Inferno eine vergleichsweise müde Veranstaltung zu sein.
Am Strand der Insel ließen sich Helfer von Umweltorganisationen mit toten Enten ablichten. »Bild«-Reporter sahen damals Schleswig-Holsteins grünen Umweltminister Rainder Steenblock »weinen, als er einen verölten Vogel sah«. Eine Grafik der »Hamburger Morgenpost« zeigte die Insel von einem schwarzen Ölfilm eingekesselt wie Sarajevo von serbischen Truppen.
Jetzt hat eine interdisziplinäre Forschungsgruppe aus Sprachwissenschaftlern der Universität Hamburg und Naturwissenschaftlern des Forschungszentrums GKSS in Geesthacht die Havarie und deren publizistisches Echo untersucht. »Bilder der Pallas« heißt das Projekt, an dessen Anfang die Verwunderung darüber stand, dass »Experten, die etwas von der Materie verstehen, damals kaum gefragt wurden«, wie Hans von Storch, Direktor des GKSS-Instituts für Gewässerphysik, feststellen musste.
Gemeinsam mit Wolfgang Settekorn und Martin Döring vom Zentrum für Medien und Medienkultur der Universität Hamburg hat Storch die »Pallas«-Folgen mit den Auswirkungen anderer Eingriffe in den Naturhaushalt verglichen. Resultat: Viele Medien haben auf die Havarie vor Amrum mit unverhältnismäßig großer Aufgeregtheit reagiert. Das ironisch angehauchte Fazit der Studie: »Furchtbare Angelegenheit für die betroffenen Enten, aber keinesfalls eine Bedrohung des Ökosystems Wattenmeer, noch des Freizeit- und Erholungswertes Nordfrieslands.«
Den rund 10 000 Enten, die im Herbst 1998 den »Öltod« ("Bild am Sonntag") starben, stellen die Forscher das Schicksal jener 100 000 Enten an der nordfriesischen Küste gegenüber, die Jahr für Jahr allein von dänischen Jägern abgeknallt und anschließend ohne Folgen für das ökologische Gleichgewicht in Speiseöl gebrutzelt werden.
Vor allem Boulevardblätter heizten die Empörung an, Berlins »BZ« gab dabei auf ihrer Titelseite sogar eine von Natur aus schwarze Ente als Ölopfer aus. Chefredakteur Franz Josef Wagner verteidigte sich später, die »BZ« habe »eine real existierende, lebende Ente gezeigt, die vor Amrum schwamm": »Mit diesem bedrohten Tier warnten wir vor der Ölpest.«
Gegen die verölte Ente »als lebendige Ikone der Umwelt-Angst«, urteilt Settekorn, »kommt man mit naturwissenschaftlicher Ratio allein nicht an. Das geht nur mit einer umfassenderen Form der Aufklärung.« Die impliziere auch eine »Bringeschuld der Naturwissenschaft«, die, wie Storch einräumt, »sich zu oft darauf verlassen hat, dass ihre Messungen korrekt sind und die Bevölkerung dies akzeptieren muss«. Mittlerweile ist er sicher, »dass wir die Leute dort abholen müssen, wo sie stehen«.
Die Medien-Mär vom »Pallas«-Unglück als Umwelt-GAU kontern die Forscher mit dem Verweis auf andere Havarien. Schon die Bezeichnung »Ölunfall«, so der GKSS-Experte Carlo van Bernem, sei bei der »Pallas« irreführend. Weniger als 500 Tonnen Schweröl seien aus dem maroden Holzfrachter gelaufen - dabei gelte selbst noch eine Menge von 20 000 Tonnen unter Fachleuten als »bekämpfbar«.
»Zwischenfälle« wie vor Amrum, dies zeige der Bericht des Kieler Katastrophenforschers Lars Clausen an die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis, ereigneten sich an Deutschlands Küsten häufig und ohne »ein annähernd hohes Aufmerksamkeitsniveau«. Er habe die »Vermutung«, schreibt Clausen, dass »hier wirklich nur ein Wurstwagen umfiel«.
Als die »Brady Maria« 1986 in der Elbmündung eine vergleichbare Menge Schweröl verlor, war dies den meisten Zeitungen noch nicht einmal eine Meldung wert. »Zu Recht«, wie Storch meint, »denn im Sediment sind bei solchen Mengen schon nach wenigen Wochen kaum mehr Schäden nachweisbar.«
Warum solche Fakten häufig nur in Fachzeitschriften zu lesen sind, liegt nach Ansicht der »Pallas«-Forscher nicht zuletzt daran, dass Umweltangst und Umweltschutz zu einer Art Ersatzreligion für verunsicherte Zeitgenossen geworden sind. Dass dabei auch schon mal der Verstand aussetzt, ist für Storch allerdings nicht wirklich beunruhigend: »Die Angst vorm Öl ist jedenfalls tausendmal harmloser als die Angst vor irgendwelchen Weltverschwörungen.« GUNTHER LATSCH, THILO THIELKE