STATISTIK Z. B. Senf
Bestimmten Briefen sieht Betriebsrechner Aribert Gums von der hannoverschen Firma »Martin Braun, Backmittel und Essenzen KG« schon von außen an, was sie der Firma bringen: Arbeit jede Menge, Nutzen null. Es sind prall gefüllte amtliche Kuverts, aus denen Gums vielseitige Fragebögen mit ebenso vielseitigen Erläuterungsblättern herauszieht.
Solche Post kommt oft -- schier unersättlich erscheint die amtliche Neugier für das, was die Martin Braun KG mit ihren 250 Mitarbeitern in Hannover so macht. Da will das Amt für Zivilschutz in Hannover den Kfz-Bestand und die Trockeneivorräte wissen, das Statistische Bundesamt den präzisen Materialeingang von »Obstpülpe und Mark« und den Bezug von »Gewürzsoßen, zusamengesetzten Würzmitteln, z. B. Senf«, erfahren.
Daneben bitten die Landeshauptstadt Hannover um eine »Arbeitsstättenbefragung«, das Landesverwaltungsamt neben einem monatlichen »Produktions-Eilbericht« auch noch um einen ausführlichen, alle Vierteljahr zu erstellenden »Produktionsbericht«, der insgesamt mal eben 5000 Warenpositionen erfaßt.
Nicht nur das, was Firmen produzieren, auch was sie in die Luft entweichen lassen, weckt die akribische Neugier amtlicher Zähler -- und in den Firmen rauchen die Köpfe: So müssen im »Emissions-Erhebungsbogen«, den das Institut für Arbeitsmedizin, Immissions- und Strahlenschutz entwickelt hat, Fragen danach beantwortet werden, wie hoch auf den Meter genau der »Rechtswert und Hochwert« gemäß den »Gauß-Krüger-Koordinaten« eines »Schornsteins oder senkrechten Schlots mit freier Abströmung« ist.
Ohne Abstimmung untereinander schicken alle möglichen amtlichen Stellen den Firmen Fragebögen ins Haus -- oft anscheinend bar jeder Kenntnis über die innerbetriebliche Datenerfassung und ohne zu ahnen, welche Schwierigkeiten sie den Firmen machen.
Da möchte das Statistische Bundesamt in seiner »Material- und Warenerhebung bei Unternehmen des Bergbaus und des verarbeitenden Gewerbes« Angaben über »bezogene Rohstoffe und sonstige Vorprodukte« als »Wert in vollen DM« haben.
Folge für das Unternehmen Braun: Da es für die Firma zu umständlich ist, sämtliche Einkaufsrechungen von »Graupen, Gries und Grütze aus Getreide« bis hin zu Minimalpositionen wie Speisesalz herauszuziehen und zu addieren, läßt Betriebsrechner Gums die EDV-Anlage von der verkauften Menge auf die bezogenen Rohstoffe zurückrechnen. Dies kann er aber nur über die in den Computer eingespeisten mehr als hundert verschiedenen Rezepte des Unternehmens, das Bäckereien mit Vorprodukten beliefert -- ein, stöhnt Gums, »unwahrscheinlich mühsames Verfahren«.
Was die Bundesstatistiker in Mark und Pfennig haben wollen, das will das Amt für Zivilschutz in Tonnen wissen. Sein sechzehn Blatt umfassender Fragebogen, den Bürokraten sich aufgrund einer »Ernährungswirtschaftsmeldeverordnung« vom 10. 9. 1975 erdacht haben und der helfen soll, »Art und Weise der Ernährungssicherstellung für Verteidigungszwecke, Spannungsfälle und Versorgungskrisen« zu regeln, möchte neben Fuhrparkgröße, Wasserverbrauch und Vorratsbeständen an Eiern auch hypothetische Fragen von der Firma beantwortet haben. Etwa: »Um wieviel könnte nach Ihrer Einschätzung die Jahresproduktionsmenge bei voller Auslastung der technischen Betriebskapazität gesteigert werden?«
Der persönlich haftende Gesellschafter der Firma, Wilhelm Nolting, hat auch seine Zweifel am Sinn amtlicher Erbsenzählerei zum Katastrophenschutz: »Was nützt es im Falle X, wenn die wissen, wieviel Erdbeeraroma wir vor Jahren hatten? Da sollen doch nur Beamte beschäftigt werden.«
Den Verdacht hegt auch die gegen Staatsaktivitäten in der Wirtschaft besonders S.89 allergische niedersächsische CDU-Wirtschaftsministerin Birgit Breuel. Sie setzte vor kurzem durch, daß die Frage der Eindämmung öffentlicher Erhebungswut auf die Tagesordnung der Konferenz der Länderwirtschaftsminister gesetzt wird.
In ihrem Hause ließ sie dazu die Belastung der Wirtschaft durch Statistikbeantwortungen untersuchen. Ergebnis: Kleine und mittlere Unternehmen müssen sich jährlich 150 Stunden mit öffentlichen Fragebögen beschäftigen.
Außerdem spürten die Breuel-Bediensteten besondere Mißstände im statistischen Berichtswesen auf. So ist es nach dem Ergebnis der Untersuchung nicht einzusehen, warum jede amtliche Stelle ihr eigenes Kennziffersystem hat und also Grütze vom Zivilschutzamt mit einer anderen Zahl versehen wird als Grütze, die das Statistische Bundesamt für seine Tabellen benötigt.
Ferner leuchtet nicht ein, warum sich Fragebögen verschiedener Behörden nicht zusammenfassen lassen. So müßte ja nicht die Firma Braun -- wie es jetzt ist -- der Bezirksregierung Hannover aufgrund der »Meldeverordnung Getreide« vom 26. Juni 1978, dem Zivilschutzamt und dem Statistischen Bundesamt dreimal auf je verschiedenen Fragebogen den Maisbestand mal als Wert und mal in Tonnen mitteilen.
Auch regt die Breuel-Untersuchung an, keine Vollerhebungen zu machen und jeden Betrieb zu befragen, sondern nach dem Gesetz der großen Zahl nur eine repräsentative Auswahl. Außerdem sollten nur noch Betriebe von 50 Beschäftigten an und nicht wie bisher von 20 zur Berichterstattung verpflichtet sein. Einsparungseffekt: Allein in Niedersachsen wäre nur noch die Hälfte der Unternehmen gezwungen, sich mit den amtlichen Fragebögen herumzuschlagen.
Ein 1980 vom Bundestag verabschiedetes »1. Statistikbereinigungsgesetz« konnte die Flut amtlicher Fragebögen kaum eindämmen. Nach den Erkenntnissen im niedersächsischen Wirtschaftsministerium verminderte sich der Statistikaufwand in den Unternehmen nur um fünf Prozent.
Der Grund für den schwachen Bremseffekt: In den Ausschußberatungen war der Gesetzentwurf verwässert worden, weder Ämter noch Verbände wollten sich ihre Zahlenspiele wegnehmen lassen. So wehrten sich die sonst zerstrittenen Tarifpartner gemeinschaftlich und erfolgreich dagegen, daß die gesetzliche Verdiensterhebung statt viertel- nur noch halbjährlich erstellt wird. Jede Seite wollte nur mit frischester Zahlenmunition in die Tarifschlacht ziehen.
Firmenchef Nolting jedenfalls hat bisweilen eine bedrückende Vision: »Irgendwann machen die eine Statistik, welche Statistiken wir beantwortet haben.«