Zehnmal oder elfmal? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 38 / 88

RUDOLF AUGSTEIN Zehnmal oder elfmal?

Von Rudolf Augstein
• aus DER SPIEGEL 3/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eugene Rostow, 69 Jahre alt und in internationalen Geschäften erfahren, hat aus seiner Abneigung gegen das sowjetrussische System nie ein Hehl gemacht. Er, der oberste Abrüstungsbeauftragte des Präsidenten Ronald Reagan, hat vor seiner Ernennung an einen republikanischen Parteifreund geschrieben: »Wir leben nicht in einer Nachkriegs-, sondern in einer Vorkriegszeit ...«

Aber vielleicht ist Rostow Großvater und hat sich mittlerweile darauf besonnen, daß seine Enkel nicht in einem Feuersturm verglühen sollen. Vielleicht ist er auch ein guter Geschäftsmann, der in seinem Alter keine Lust hat, einen aufreibenden Job zu tun, in dem ihm die Hände gebunden sind.

Nun hat ihm niemand die Hände gebunden, man hat ihm vielmehr seinen rechten Arm abgehauen, so sagt er selbst. Das Bild stimmt nicht ganz, weil er ja noch mit zwei Armen herumläuft. Vielmehr, man hat ihm einen Stellvertreter nicht bewilligt, den er für fähig hält, der aber einigen Kriegs-Falken im Kongreß nicht gefällt.

An die Stelle von Rostow tritt der 36jährige Kenneth L. Adelman, bisher Stellvertreter der wildgewordenen Uno-Botschafterin Jeane Kirkpatrick. Man würde ihn als Juniorpartner einer hoffnungsfrohen Werbeagentur jederzeit freudig begrüßen. Einschlägige Kenntnisse hat er nicht vorzuweisen.

Er wird formal Vorgesetzter der ebenfalls mit ihrer Regierung zerfallenen Rüstungs-Falken Nitze (eurostrategische Waffen) und Rowny (strategische Atomwaffen). Beide sind sich zu gut, um gar nicht ernsthaft zu verhandeln.

In Wien bei den Verhandlungen über die konventionellen Streitkräfte (MBFR) kommt an die Stelle eines offenbar nicht ganz Zurechnungsfähigen ein 49jähriger Karriere-Diplomat und ehemaliger Botschafter in Thailand, Morton Abramowitz. Auch er ein Amateur.

Dieses Wechselspiel, und nicht die wahlverqueren Proklamationen des deutschen Wahlkampfes, kennzeichnet die Realität. Kein Mann der amerikanischen Regierung, der Verantwortung trägt, ist außenpolitisch und sicherheitspolitisch erfahren: Reagan nicht, Shultz nicht, Weinberger nicht, Clark nicht.

Statt dessen lesen wir tagtäglich in den besten Blättern der Vereinigten Staaten, wie inkompetent die Regierung Ronald Reagans allenthalben ist, gehe es nun um die Wirtschaft oder um Rüstung und Sicherheit.

Was soll man, Großvater oder nicht, Europäer oder nicht, von folgendem Satz halten, der am 5. Januar 1983 in der »New York Times« »tand: Berater des Präsidenten flüstern ihm ein ("suggest"), daß » » man die Russen auf die Knie zwingen könnte - oder zumindest » » zu einem grundlegenden Wandel ihrer Politik - durch eine » » Kombination aus militärischer Aufrüstung und wirtschaftlichem » » Druck des Westens. Sie denken, diese Kombination könnte die » » strategische Überlegenheit der Amerikaner wiederherstellen, » » wohingegen die Russen, wenn sie mithalten wollen, an den Rand » » des Bankrotts gedrückt würden. »

Dies ist kein Zitat einer albanischen Zeitung, auch keins aus der »Iswestija«, sondern, wie gesagt, aus der »New York Times«. Wer diese Politik, selber ahnungslos, unterstützt, der unterstützt eine Politik, die ohne allen bösen Willen zum allgemeinen Atomkrieg drängt.

Kaum haben die Sowjets sich in Richtung einer vernünftigen Verhandlungslösung bewegt, die sicher Jahre dauern kann, so schallt ihnen aus Washington und natürlich auch aus Bonn ein solides Nein entgegen. Frankreich als Wiege der Menschheit kann ohnehin für Rüstungskontrollverhandlungen nicht in Anspruch genommen werden, dafür hat es der Menschheit zuviel gegeben. Aber macht es einen Unterschied, ob die Sowjets Europa zehnmal oder elfmal vernichten können?

Die Bonner Parteien mögen sich wohl in acht nehmen, wie sie argumentieren werden. Wer behauptet, Europa sei durch die Dislozierung der SS-20-Raketen mehr bedroht als früher, der unterstellt, daß die USA einen wirksamen Schutz weder bieten können noch wollen.

Wer Frankreich wie selbstverständlich aus allen Rüstungsverhandlungen heraushält, wie das die frühere Regierung Schmidt getan hat und die jetzige Regierung Kohl tut, der stellt nicht nur die Logik auf den Kopf. Er stempelt die Bundesrepublik zum bevorzugten Probier- und Schlachtfeld, zum Glacis der Franzosen und der Amerikaner.

S.98

Berater des Präsidenten flüstern ihm ein ("suggest"), daß man die

Russen auf die Knie zwingen könnte - oder zumindest zu einem

grundlegenden Wandel ihrer Politik - durch eine Kombination aus

militärischer Aufrüstung und wirtschaftlichem Druck des Westens. Sie

denken, diese Kombination könnte die strategische Überlegenheit der

Amerikaner wiederherstellen, wohingegen die Russen, wenn sie

mithalten wollen, an den Rand des Bankrotts gedrückt würden.

*

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 88