Am Rande Zeit-Kommissar
Zeit ist der einzige Rohstoff, der durch keinen anderen ersetzt werden kann. Für Erdöl, Kohle, Wein und Tabak gibt es Alternativen, für die Zeit nicht. Vorbei ist vorbei, weswegen in manchen Gesellschaften, zum Beispiel bei den Ureinwohnern auf den Aleuten vor Alaska, der »Diebstahl der Zeit« ein schadensersatzpflichtiges Delikt ist. Umso wichtiger ist es, genau zu wissen, wie die Menschen ihre Zeit verbringen.
Der Italiener, das wurde jetzt bekannt, verbringt sieben Jahre seines Lebens im Auto, davon zwei Jahre mit der Suche nach einem Parkplatz. Vertane Zeit? Nicht unbedingt. Es ist eine kreative, nicht entfremdete Tätigkeit, bei der man auf andere Menschen stößt, die das gleiche Problem haben. In Palermo soll es inzwischen die erste Selbsthilfegruppe der »Anonymen Falschparker« geben.
In Frankreich gibt es auch mehr Autos als Parkplätze, aber die Franzosen rechnen lieber aus, wie viele Jahre ihres Lebens sie damit verbringen, morgens im Bistro zu sitzen und abends Boule zu spielen. Nur wir Deutsche sind mal wieder, zeitpolitisch betrachtet, das Schlusslicht Europas.
Statt durch die Gegend zu kurven oder eine Kugel zu schieben, diskutieren wir uns um den Verstand. Wenn es nicht die Rechtschreibung ist, dann sind es die deutsche Leitkultur und die Ausländerfrage. Als ob wir endlos Zeit hätten! Auch hier muss eine europäische Lösung gefunden werden, bei der die Ressourcen und die Lasten, wie in der Landwirtschaft und im Umweltschutz, anständig verwaltet werden. Wir brauchen einen Koordinator, einen erfahrenen Vermittler, der darauf achtet, dass bei der Zuteilung von Zeit die Italiener und die Franzosen nicht wieder bevorzugt werden oder sich nach Belieben selbst bedienen dürfen.
Wenn Freimut Duve und Bodo Hombach mit ihren Einsätzen auf dem Balkan fertig sind, könnten sie diese Aufgabe übernehmen. Jeder für sich oder gemeinsam. Die nötige Erfahrung im Verteilen knapper Mittel hätten sie ja. Und genug Zeit auch.