SPANIEN »Zeit zu reden«
Am ersten September-Tag des Jahres 1936 gegen sechs Uhr morgens stürmte ein Trupp Falangisten ein paar ärmliche Häuser im Bauerndorf Fresnedo und zerrte fünf Bewohner weg: den sozialistischen Bürgermeister Antonio García, dessen Bruder, den Lehrer und zwei weitere Sympathisanten der Republik. Der Pfarrer hatte sie als »gefährliche Rote« denunziert.
García und seine vier Genossen wurden auf einen Lastwagen geladen und etwa zehn Kilometer weiter südlich am Straßenrand bei Cabañas de la Dornilla in der Provinz León im Nordwesten Spaniens hinterrücks erschossen. Währenddessen schleppten die Uniformierten die Schinken aus den Speisekammern und brannten dann die Häuser der Verhafteten nieder.
Szenen aus den ersten Wochen des Spanischen Bürgerkriegs: Die Toten wurden im Straßengraben verscharrt, nachts brachten ihre Frauen heimlich Blumen an die Landstraße. Die Angst vor Francos Schergen war überwältigend. Selbst nach dem Tod des Diktators 1975 blieben die Angehörigen gelähmt vor Furcht.
Erst 66 Jahre später, wieder im September, wurde Spaniens erstes Denkmal für getötete Republikaner eingeweiht - drei mächtige schwarze Schiefersteine auf eben- jenem Grab bei Cabañas, das inzwischen nahe einer neuen Autobahn liegt. Die Ansprachen hielten ranghohe sozialistische Politiker. Ihr Tenor: Franco habe Spanien in Fanatismus und Unterentwicklung verbannt. Am schändlichsten aber sei, sagte Jesús Caldera, Sprecher der PSOE-Fraktion in Madrids Parlament, dass er »seine Opfer in Massengräbern verschwinden ließ, um jegliche Erinnerung an die politischen Gegner zu tilgen«.
Doch das ist dem Diktator letztlich nicht gelungen. Während nun erstmals Massengräber untersucht werden, die die Gebeine von Verschollenen freigeben, beginnt eine verspätete öffentliche Debatte über die Opfer der Franco-Zeit. Jüngsten Recherchen zufolge hat das Regime mehr als 50 000 Gegner in Massengräbern verschwinden lassen, deren genaue Lage noch heute weit gehend unbekannt ist. Allein in den ersten Wochen seines Aufstands wurden etwa 20 000 Republikaner hingerichtet und verscharrt.
Plötzlich berichten im ganzen Land Zeitungen von Knochenfunden. Da wird über die Arbeitslager für politische Häftlinge und die vom Staat angeordneten Entführungen ihrer Kinder zum Zweck der Adoption durch Franco-Offiziere oder Regimetreue diskutiert. Die ganze verdrängte Geschichte der als kommunistisch diffamierten Hälfte Spaniens bricht sich Bahn.
In den vergangenen Monaten schwemmte eine Flut von Sachbüchern und Romanen über die von Franco als »Anti-Spanier« geschmähten Republikaner auf die Büchertische - Verkaufsschlager allesamt. Eine Dokumentationsserie des staatlichen Fernsehens erinnerte an ein düsteres Versprechen des Generalísimo: Um 25 Millionen Spanier unters Joch zu zwingen, müssten mehrere Millionen auf der Strecke bleiben. Vor den Toren einer soeben in Madrid vom König eröffneten Ausstellung über jene Million Landsleute, die während der Diktatur ins Exil getrieben wurde, stehen vornehmlich alte Menschen selbst im Regen bis zu eineinhalb Stunden Schlange.
Natürlich hatte der Diktator dafür gesorgt, dass die Toten seines nationalen Lagers ihren Familien übergeben wurden. Diesen Gefallenen ließ er Denkmäler errichten, das bombastischste im Valle de los Caídos. Das Tal der Gefallenen beim Königsschloss El Escorial vor Madrid, überragt von einem 150 Meter hohen Kreuz, mussten republikanische Kriegsgefangene in 16 Jahren Zwangsarbeit aus dem Fels hauen.
Doch die Verlierer des Bürgerkriegs - Sozialisten, Kommunisten, katalanische und baskische Nationalisten - hatten nach Francos Tod in eine Art »Pakt gegen die Erinnerung an die Geschichte« eingewilligt. So nennt der nordamerikanische Bürgerkriegsforscher Gabriel Jackson das ungeschriebene Schweigeabkommen. Die Politiker, viele gerade erst aus dem Exil zurückgekehrt, waren überzeugt, dass nur so ein versöhnlicher Übergang zur Demokratie möglich sei.
Diese noch heute besonders vom konservativen Regierungschef José María Aznar als modellhaft angepriesene »transición« blendete jede Beschäftigung mit den Opfern aus. »Der Franquismus hat Angst gesät«, sagt Juan Carlos Monedero, 39, ein Politologe an der Madrider Complutense- Universität, »aber die transición hat den Spaniern Selbstgefälligkeit statt Widerstandsgeist eingeimpft.«
Erst jetzt räumen junge Historiker mit der frommen Lüge auf, dass beide Bürgerkriegsparteien gleich grausam waren: Dreimal so viele Anhänger der Republik als Nationale wurden hingerichtet, insgesamt 150 000. Nach jüngsten Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlers Julián Casanova fielen dem Franco-Terror auch nach dem Bürgerkriegsende zwischen 1939 und 1946 noch mindestens 50 000 Menschen zum Opfer. Die katholische Kirche hatte Franco erlaubt, den Vernichtungskampf gegen seine Gegner als nationalen Kreuzzug auszugeben.
Nun fordern auch Politiker Aufklärung über das, was im Land nach dem Putsch gegen die gewählte Regierung 1936 wirklich geschah. Die Sozialisten unter ihrem Parteichef José Luis Rodríguez Zapatero - sein Großvater wurde ebenfalls in der Provinz León erschossen - brachten im Parlament einen Antrag ein, der Staat solle die Exhumierung und genetische Identifizierung der Überreste von anonym begrabenen Republikanern ermöglichen sowie die Militärarchive für die Suche öffnen.
»Heute steht die spanische Demokratie in der Schuld der Verschwundenen«, begründete der Sozialist Caldera am Mahnmal von Cabañas den Vorstoß seiner Partei. Denn die Republikaner hätten ihr Leben hingegeben, indem sie die Demokratie gegen die Diktatur verteidigten.
Unter den Zuhörern sind viele Angehörige von Opfern. »Mit Politik will ich nichts zu tun haben«, flüstert Asunción Alvarez Méndez, 87. Es gehe ihr nicht um Schuld, schon gar nicht um Rache. Sie will lediglich ihre zwei im November 1937 hingerichteten Brüder im Familiengrab beisetzen können. Die beiden Soldaten der republikanischen Armee hatten sich den Behörden ihres Heimatdorfs gestellt, weil Franco allen Kämpfern, »denen kein Blut an den Händen klebt«, Straffreiheit versprochen hatte.
Als ein Bagger Anfang Juli nahe dem Gebirgspass von Piedrafita de Babia in der Provinz León die Knochen von sieben Männern freilegte, fühlte sich Asunción wie magisch angezogen von einem Schädel. Sie war überzeugt: »Das sind doch die Zähne von Joaquín, wie kleine Perlen.« Jetzt liegen die Gebeine zur Identifizierung in der Asservatenkammer eines Gerichts. Asunción, vom Alter gebeugt, aber zäh, ist sehr besorgt wegen der Verzöge-
rung. Ihre Freundin Isabel González Losada, 85, sagt: »Immer waren wir die Bösen, und immer haben wir geschwiegen. Jetzt ist es an der Zeit zu reden.«
Es war der Journalist Emilio Silva, 36, der die Suche nach den Massengräbern angestoßen hat. Kurz vor ihrem Tod hatte seine Großmutter bestimmt, auf den Grabstein auch den Namen ihres Mannes setzen zu lassen. Emilio Silva Faba, 44, ein wohlhabender Argentinien-Heimkehrer, Vater von sechs Kindern und Wahlhelfer für die republikanische Linke, war im Oktober 1936 mit weiteren zwölf Männern aus seinem Dorf verschleppt, erschossen und am Straßenrand verscharrt worden. 64 Jahre später gelang es dem Journalisten, mit Hilfe eines greisen Zeugen den Ort der Hinrichtung zu finden. Der sozialistische Bürgermeister war der erste Amtsträger in Spanien, der die Öffnung eines Massengrabs genehmigte. Jetzt nimmt das Institut für Gerichtsmedizin der Universität Granada kostenlos eine DNS-Analyse vor.
Während der Suche nach dem Großvater wandten sich so viele Angehörige von Verschwundenen aus dem Nordwesten an Silva, dass er einen Verein zur »Wiedereroberung der Erinnerung an die Geschichte« gründete. Zehn Gräber sind bislang geöffnet worden, 41 Tote geborgen, über 1000 Suchanträge eingegangen.
Anfang November soll im Parlament über den Vorschlag der Sozialisten debattiert werden. Die mit absoluter Mehrheit regierende Volkspartei, in deren Reihen sich viele Anhänger Francos und deren Nachkommen befinden, könnte staatliche Hilfe bei der Suche nach den Verschwundenen verweigern. Bisher hatten es die Parteifreunde von Ministerpräsident José María Aznar noch stets abgelehnt, Francos Putsch zu verurteilen.
Sollte der Antrag scheitern, hat der Angehörigenverein eine Klage vorbereitet. Die Staatsanwaltschaft wird darin aufgefordert, von Amts wegen nach Francos verschollenen Opfern zu suchen. Überdies hat eine Anwältin der Angehörigen schon im August 70 Fälle von Verschwundenen vor die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen gebracht.
»Es wäre doch zu peinlich«, sagt Emilio Silva, »wenn die Uno dem spanischen Staat die Vergangenheitsbewältigung erst vorschreiben müsste.« HELENE ZUBER
* Isabel González Losada, Asunción Alvarez Méndez.