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ISRAEL Zerbrochene Träume

Die einstige Kibbuz-Gesellschaft zerfällt in Arm und Reich: Die Stadt Ofakim, Abschiebeplatz für Einwanderer, gilt als Problemzone Nummer eins.
• aus DER SPIEGEL 28/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Wohnung von Natascha Schwarzburg hängen zwei Bilder ihres Vaters. Eines zeigt ihn fröhlich lachend gemeinsam mit ihr. Auf dem anderen Foto sitzt er am Flügel, hingebungsvoll in sein Klavierspiel versunken. Es stammt aus seiner Zeit am Moskauer Konservatorium.

Besonders häufig denkt Schwarzburg, 50, an ihren Vater, wenn sie auf dem verstimmten Klavier des Altersheims für die Rentner in die Tasten greift. Das Gefühl der Scham, es nicht weitergebracht zu haben, mischt sich dann mit der Erinnerung an sein Leid in der Verbannung, in die ihn Stalin 1938 geschickt hatte.

Erst vor zehn Jahren hat sie es endlich geschafft auszuwandern. Ihre Schwester Irena ging nach Düsseldorf, doch Natascha wollte unbedingt nach Israel - und landete in Ofakim.

In Reiseführern wird die kleine Stadt rund hundert Kilometer südlich von Tel Aviv aus guten Gründen gar nicht erst erwähnt. 25 000 Einwohner leben hier am Rande der Negev-Wüste meist in Siedlungshäusern aus postsozialistischem Waschbeton oder Plattenbauten. Wer es sich leisten kann, zieht weg - Tausende Einwohner flohen schon aus der Ödnis, die den meisten Israelis nur aus dem Fernsehen bekannt ist - als Inbegriff für Arbeitslosigkeit, verfehlte Politik und Verzweiflung.

Ofakim gilt als Israels Problemstadt Nummer eins. Wann immer die Regierung neue Arbeitslosenzahlen bekannt gibt, wann immer sich Fachleute zu Kinderarmut oder anderen sozialen Konflikten äußern, stets sind die Fernsehkameras zuerst auf Ofakim gerichtet, wenn das Elend bebildert werden muss.

Für Israel ist die Existenz einer Stadt, in welcher der Durchschnittslohn von gerade mal 3200 Schekel (etwa 1600 Mark) knapp über der offiziellen Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie liegt, ein Alarmsignal. Ofakim steht für die dramatisch wachsende soziale Kluft im Judenstaat - ein Fiasko für eine Gesellschaft, die in den Kibbuzim mit dem Traum von der Gleichheit aller begann. »Eine Schande« nennt das der Chef der Meretz-Partei, Jossi Sarid.

Längst sind Multimillionäre im ehemals sozialistisch orientierten Israel keine Seltenheit mehr. Einige Spitzenverdiener, unter anderem bei den Banken, kassieren über 70 000 Mark im Monat, selbst der Strandbeauftragte einer mittleren Stadt bringt mehr als 18 000 Mark im Monat nach Hause.

Während rund um Tel Aviv die Hightech-Industrie blüht, sieht das Gewerbegebiet von Ofakim eher aus wie ein Industriefriedhof. Nahezu jede zweite Halle steht leer, auf dem Gras zwischen den verlassenen Baracken weiden Esel. In der Computer-Boomtown Herzlija schenken Restaurants Weine für 800 Mark die Flasche aus, in Ofakim erhält der Kunde am Falafelstand auf dem Rathausplatz eine Kneifzange, um den rostigen Wasserhahn zum Händewaschen zu öffnen.

Ofakim war die erste von 25 so genannten Entwicklungsstädten, in der sichtbar wurde, dass sich Teile der zionistischen Erfolgsstory in ein Drehbuch des Scheiterns verwandelten. Die Orte wurden als Auffangbecken für Neubürger gegründet - und dann abgeschrieben. Bis heute gibt es keine ordentliche Verkehrsanbindung. Regierungsgelder seien plan- und wirkungslos versickert, monierte der israelische Staatskontrolleur: »In diesen Städten gibt es keinen Fortschritt und keine Hoffnung.«

Jeden Monat werden an mehrere hundert bedürftige Familien in Ofakim Lebensmittelpakete verteilt. Fast ein Drittel der Bürger ist von staatlicher Unterstützung abhängig, nicht gerechnet die Arbeitslosenhilfe für die elf Prozent Einwohner ohne Jobs. Weniger als die Hälfte der Schüler, die zum Abitur antreten, bestehen auch die Prüfungen.

Hier liegt sozialer Sprengstoff, der »irgendwann vor den Füßen der Regierung explodieren wird«, fürchtet ein Berater von Premierminister Ehud Barak. Der schneidige General a. D., der selbst in Kochav Jir, der wohlhabendsten Kommune des Landes, lebt, ist den Israelis noch die Erfüllung seines Wahlversprechens schuldig, die soziale Kluft im Land zu überbrücken.

Der Erfolg der ultraorthodoxen Schas-Partei, an deren Gängelband auch die Regierung Barak hängt, hat im krassen Unterschied zwischen Arm und Reich ihre Ursache. Die sozial Benachteiligten werfen sich den Frommen in die Arme, die kostenlos Hilfe anbieten und zugleich vom Minderwertigkeitsgefühl der orientalischen Juden profitieren. Bei den Wahlen zur Knesset erzielte Schas in Städten wie Ofakim die meisten Stimmen, der Vizebürgermeister dort ist ein Schas-Rabbi.

Viele benachteiligte Bewohner beklagen unisono, dass »zuerst immer die Siedler drankommen, dann alle anderen, und irgendwann vielleicht wir«. Tatsächlich investiert die Regierung zweimal so viel Geld in die besetzten Gebiete wie in den strukturschwachen Süden des Landes.

Marokkanische und tunesische Juden hatten die Stadt vor fast 50 Jahren aus dem Nichts aufgebaut. Voller Hoffnung nannten sie ihre neue Heimat »Ofakim«, hebräisch für »Horizonte«. Ihr zionistischer Traum, Teil eines starken Israels zu sein, ist längst geplatzt. »Das ist nicht das Erez Israel, wie wir es uns vorgestellt haben«, sagt ein Alteingesessener.

Nach den Marokkanern wurden russische Einwanderer nach Ofakim geschickt, dann kamen Äthiopier. Anfang der neunziger Jahre verdoppelte sich so die Einwohnerzahl. Mit billigem Wohnraum, der ihnen sogar den Bau von Eigenheimen erlaubte, lockte die Regierung Neusiedler in den Süden. »Die Leistungsfähigen blieben im Zentrum des Landes, und wir bekamen die Schwächsten der Schwachen«, klagt der Sozialhelfer Pini Kohen. 62 Prozent der Bürger von Ofakim zahlen keine oder nur geringe Steuern.

Um Firmen anzusiedeln, werden Investitionen vom Staat unterstützt. Doch die Hilfe verführt zum Missbrauch. Gern streichen die Unternehmer die Steuervorteile der ersten Jahre ein und schließen ihre Tore, sobald es teurer für sie wird.

Wer das Glück hat, einen Job zu finden, muss sich häufig mit dem gesetzlichen Mindestlohn von knapp 1500 Mark bescheiden. Die 30 Männer und Frauen etwa, die in der städtischen Papiersortieranlage in brütender Hitze weißes und farbiges Papier auseinander zupfen und in Reißanlagen füttern, schuften für knapp 16 Schekel (acht Mark) die Stunde. Viele entscheiden sich deshalb gleich für das fast genauso hohe Arbeitslosengeld.

Vor allem weil sie sich woanders kaum eine Wohnung leisten können, verlassen nicht noch mehr Einwohner Ofakim. Die russische Einwanderin Natascha Schwarzburg etwa lebt mit ihrer Tochter in einer Doppelhaushälfte, die sie vor zehn Jahren für umgerechnet knapp 50 000 Mark erstand. Einen Arbeitsplatz fand sie bis heute nicht.

Der Musikkurs für Kinder, den sie anfangs gab, wurde schon nach einem halben Jahr aus Geldmangel wieder eingestellt. Seitdem jobbt die Lehrerin für Russisch und Musik gegen ein Taschengeld im Sozialdienst oder schreibt kleine Artikel für die örtliche russischsprachige Zeitung. Damit kommt sie im Monat auf rund 1400 Schekel (700 Mark). Dazu erhält sie noch Sozialhilfe vom Staat.

Viele Jugendliche hält nichts in der Stadt ohne Zukunft. Die 24-jährige Ajena Kohen studiert in Haifa Arabistik und Nahost-Wissenschaft. Ihr Großvater, ein Textilarbeiter aus Marokko, gehörte zur Gründergeneration der Stadt. Ihr Vater brachte es bei der Armee zu gewissem Wohlstand und blieb. Doch für Ajena ist klar: »Ich komme bestimmt nicht zurück, was soll ich in Ofakim denn werden?«

Der pensionierte Polizeioffizier Joaw Ifrach kämpfte fast zwei Jahre, um für die judobegeisterten Jugendlichen, die er trainiert, eine Halle zu bekommen. Erst als er drohte wegzuziehen, bekam er den Luftschutzkeller unter der Synagoge zugewiesen - ein Raum ohne Licht und ohne Duschen. »Ich weiß nicht, wie viele Talente wir hier verpassen«, sagt Ifrach.

Der Likud-Bürgermeister Jair Chasan ist überzeugt, dass die Stadt noch einmal 25 000 Einwohner braucht, um aus der Misere herauszukommen. Die Neuankömmlinge müssten aber »bitte schön diesmal leistungsstarke Bürger der Mittelschicht« sein.

Auf 400 neue Arbeitsplätze bis zum Jahresende hofft er. Auch ein riesiger Freizeitpark inklusive Golfplatz soll das Leben in Ofakim attraktiver machen. »Nur wenn wir die Lebensqualität und das Ausbildungsniveau hier steigern, bekommen wir Geld in die Stadt«, glaubt der Bürgermeister. Dass Barak die Stadt nun in einen Aktionsplan aufnahm, gibt ihm Auftrieb.

Andere haben die Hoffnung längst aufgegeben. Ajena Kohens Großvater, einer der Ersten in Ofakim, wollte am Schluss nicht mal mehr hier begraben sein. Als er vor fünf Monaten starb, folgte die Familie seinem Wunsch - und bestattete ihn in Jerusalem. ANNETTE GROßBONGARDT

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