TÜRKEI Zerriebenes Glas
Korea hat Chancen, Truppenübungsplatz mit Scharfschießen - à la Spanien 1936 - zu werden. Das türkische Kabinett hat in einer überraschend einberufenen Sitzung beschlossen, der UNO 4500 Soldaten für den Einsatz südlich - nun schon reichlich südlich - vom 38 Breitengrad anzubieten.
Zwischen sumpfigen Reisfeldern und unter tiefhängenden Regenwolken werden 4500 Türken dann in der Praxis ausprobieren können, worüber sich in der Heimat türkische Generäle und amerikanische Militärmissionare theoretisch gestritten haben: Ist eine amerikanisch gedrillte und ausgerüstete Division nach West-Point-Muster*) überall und unter noch so verschiedenen Geländebedingungen gleich gut zu gebrauchen?
Diese Frage tauchte am 18. Mai 47 zum ersten Male auf, zusammen mit den ersten 20 Offizieren der amerikanischen Militärmission, die in der Türkei an Land gingen. Die Mission hatte feste Order aus Washington. Die Türken sollten eine »streamlined army«, eine Stromlinienarmee, bekommen, mit den neuesten Errungenschaften der US-Kriegstechnik aus dem zweiten Weltkrieg, mit US-Panzern, Raketen und Radar. Präsident Truman hatte das mit seinem Hilfeversprechen an die Türken vom 12. 3. 47 so gewollt.
General Nafiz Gürman, damals Generalstabschef der türkischen Armee, war von den importierten Strategen nicht sonderlich begeistert. Die Türken hatten bisher eine Armee gehabt, die ohne komplizierte technische Ausrüstung nicht auf umständlichen Riesennachschub angewiesen war. Gürman hielt das für zweckmäßig
Eine »Stromlinienarmee« könne mit ihrem ungeheuren Materialverbrauch, der weit über See herangeschafft werden müsse, in einer einzigen Schlacht vernichtet werden. Die Türkei habe keine Rüstungsindustrie, nicht einen Tropfen Benzin und keine technischen Schulen. Das kahle und rauhe
*) West Point: Militärakademie der USA im Staate New York am Hudson. Terrain eigne sich nicht für einen Panzerkrieg.
Jüngere Offiziere und Unteroffiziere indessen waren von den reichen Waffengaben aus den USA begeistert und wurden gelehrige Schüler der 450 US-Militärmissionare. Innerhalb von zwei Jahren haben die Amerikaner 23 einsatzbereite Türken-Divisionen auf die Beine gestellt, von denen jede die Stärke einer US-Division von 1945 hat. Lkws. Geschütze. MGs. Jeeps, Pionier- und Nachrichtenmaterial tragen »Made in USA«-Stempel.
US-Erziehungsversuche mit General Nafiz Gürmans konservativem Generalstab wurden am 14. Mai 1950 überflüssig. Am Abend dieses Tages, an dem sich die Wahlniederlage der seit 25 Jahren regierenden Volkspartei abzuzeichnen begann, statteten General Nafiz Gürman und einige Armeechefs Ismet Inönü einen Besuch ab und fragten, »ob er ihnen Befehle zu erteilen habe«. Mit anderen Worten: ob die Armee zugunsten der damaligen Regierungspartei eingreifen und die Machtübernahme der Demokraten verhindern solle. Präsident Ismet Inönü lehnte dankend ab.
Nicht lange darauf enthoben die frisch an die Macht gekommenen Demokraten Stabschef Nafiz Gürman und einen Teil der türkischen Generalität ihrer Stellungen. Der neue Stabschef. General Nuri Yarmut, 60 Jahre, energisch, ist im Camp Fort Benning in USA mit den neuesten US-Errungenschaften vertraut gemacht worden. Die entlassenen Generäle schauen indessen ein wenig schadenfroh auf die amerikanischen »streamlined« Divisionen in Korea und verfassen Denkschriften. General a. D. Salib Omurtak hat eine an den Vorsitzenden des Ausschusses der US-Generalstabschefs, General Omar Bradley, geschickt.
Er prophezeit, die neue, wundervoll mechanisierte türkische Armee werde, wenn sie die Uebergangszeit von zwei Jahren überleben sollte, wie ein Flugzeugmotor funktionieren, in dessen Oel man zerriebenes Glas gestreut habe. Die türkische Armee brauche türkische Taktik und türkische Transportmittel, die den türkischen Bodenverhältnissen angepaßt seien. Sie solle schließlich in Anatolien und nicht - wie Salib Omurtak schreibt - in der Normandie kämpfen.