USA Zigarette und Piß
Als die Polizei am Unfallort eintraf, wimmelte es von Menschen: Auf dem Lastwagen des mächtigen US-Misch-Konzerns Gulf & Western, der im Morgengrauen verunglückt war, waren statt der zugelassenen 80 über 130 Landarbeiter verfrachtet worden. Einer der Zuckerrohrschneider starb, 86 wurden verletzt.
Wie die meisten Zuckerrohrplantagen-Besitzer in Florida importiert Gulf & Western billige Tagelöhner von der Armutsinsel Jamaika. Wer sein Soll nicht erfüllt, wer sich über die Arbeitsbedingungen oder das Essen beklagt, wird zumeist kurzerhand nach Jamaika zurückgeschickt -- und muß selbst die Passage bezahlen. Die »Miami News« zitierte einen Pflanzer in Florida: »Früher hielten wir uns unsere eigenen Sklaven, jetzt mieten wir sie.«
Im US-Staat Kalifornien bezeugte der Landarbeiter Ismael Gonzáles vor Gericht: »Vorarbeiter und Aufseher trieben uns ungeheuer an. Einer belegte mich mit üblen Flüchen. Hätte ich ihm geantwortet, wäre ich geflogen. Manchmal mußten wir unmittelbar hinter einem Spritzwagen arbeiten, der giftige Pflanzenschutzmittel versprühte.«
Ismael Gonzáles ist nur einer der rund drei Millionen amerikanischen Landarbeiter, die rechtlos und in Armut im reichsten Land der Erde leben. Die meisten von ihnen sind »chicanos«, US-Bürger mexikanischer Abstammung, und Mexikaner, die jährlich zu Tausenden illegal über die Grenze strömen und sich für Hungerlöhne bei der Ernte auf den riesigen Gemüsefeldern und Fruchtplantagen im Südwesten der USA und in Florida verdingen.
Diese »campesinos« (spanisch: Landarbeiter) ziehen mit der Ernte von Süden nach Norden -- bis zu 4000 Kilometer in einer Saison. Sie werden in Lagern zusammengepfercht, die keine oder nur unzureichende sanitäre Anlagen haben. Die Camps werden häufig mit Stacheldraht umzäumt und von der privaten Polizei der Plantagenbesitzer bewacht. »Wissen Sie«, höhnte ein wohlhabender Plantagenbesitzer in Bakersfield über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Landarbeiter, »woraus das Frühstück eines Chicano besteht? Eine Zigarette und ein Piß.«
Das Einkommen von drei Vierteln aller Landarbeiter, so ergab 1971 eine Studie der Universität von Denver, liegt unter der von der Bundesregierung festgelegten Armutsgrenze von 2885 Dollar im Jahr für eine vierköpfige Landarbeiterfamilie. Um überleben zu können, müssen auch die Kinder mitarbeiten. So ist jeder vierte in der Landwirtschaft Beschäftigte ein Kind unter 16 Jahren.
Die Lebenserwartung der Landarbeiter beträgt 49 Jahre (US-Durchschnitt 71,2 Jahre). Die Kindersterblichkeit liegt um 125 Prozent höher als im Durchschnitt der USA, ebenso die Müttersterblichkeit. Ober zweieinhalbmal so viele Landarbeiter erkranken an Tuberkulose und anderen schweren Infektionskrankheiten als durchschnittlich die übrige Bevölkerung. Und nach einer Untersuchung der kalifornischen Gesundheitsbehörde aus dem Jahr 1969 zeigten 150 von 1000 Campesinos Symptome von Vergiftungen durch chemische Pflanzenschutzmittel. 109 Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in Amerika, fast 40 Jahre nach Erlaß der ersten umfassenden Arbeitsgesetzgebung durch den Kongreß in Washington (National Labor Relations Act) sind Amerikas Landarbeiter von jeder Gesetzgebung ausgeschlossen, die das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer regelt. Ihnen wird noch immer das Recht auf kollektive Tarifverhandlungen verweigert, sie haben keinen Kündigungsschutz und keine Arbeitslosenversicherung, keine gesetzliche Krankenversicherung und kein Krankengeld, keine bezahlten Feiertage, keinen Urlaub, keine Überstundenbezahlung. Nicht einmal auf die Wohlfahrts-Unterstützung können die Landarbeiter setzen, denn die springt nur für den ein, der längere Zeit bei einem Arbeitgeber beschäftigt war -- für Erntearbeiter nahezu unmöglich.
Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit gab den Campesinos allein ein Mann: Cesar Chavez, 47, der in den 60er Jahren eine Gewerkschaft aufbaute, die die Aufmerksamkeit der ganzen Nation auf die Lage der Landarbeiter lenkte: die United Farm Workers (UFW).
Chavez ist selbst Chicano. Er mußte schon mit zehn Jahren als Trauben- und Gemüsepflücker arbeiten. Seine UFW wird in den USA oft als zweite Bürgerrechtsbewegung -- neben der der Schwarzen die .der mexikanischen Minderheit -- angesehen. »La causa«, die Landarbeiterbewegung, errang ihren ersten Sieg erst 1970 -- nach einem fünf Jahre dauernden Arbeitskampf, dem längsten in der amerikanischen Geschichte.
Und auch das nur mit unkonventionellen Mitteln: Mit Unterstützung anderer Gewerkschaften, der Kirchen und vieler freiwilliger Helfer gelang es, einen Verbraucher-Boykott zu organisieren. Der Traubenumsatz ging zeitweilig uni bis zu 30 Prozent zurück.
Hilfreich sprang die Washingtoner Regierung dem Agribusiness hei. Als Supermarktketten Restaurants und Fluggesellschaften sich unter dem Druck der öffentlichen Meinung weigerten, Trauben zu kaufen, die auf den Verpackungskisten nicht den schwarzen Adler der Landarbeitergewerkschaft trugen, glaubte der da malige Verteidigungsminister Melvin Laird, daß eine Traubendiät für die Soldaten gerade das sei, was sie brauchten, Das Pentagon schickte bis zu 80 Prozent mehr Trauben nach Vietnam -- trauben, die von Streikbrechern gepflückt waren.
Dennoch hatte die Doppelstrategie Streik plus Boykott Erfolg. 1970 beugten sich die Plantagenbesitzer: Erst mals akzeptierten sie die Campesinos als Tarifpartner. Die Löhne wurden er höht, Kinderarbeit verboten, Kündigungsschutz, bezahlte Feiertage. Gesundheits- und Altersversorgung zugesichert. Die berüchtigten Arbeitsvermittler der Plantagenbesitzer. die nach Gutdünken heitern und feuern durften, wurden durch eine geschaftliche Arbeitsvermittlung ersetzt.
Doch das Agribusiness sann auf Revanche. Verbündete land es in Amerikas größter, reichster, aber auch korruptester und berüchtigtster Gewerkschaft: The International Brotherhood of Teamsters. Diese Transportarbeiter-Gewerkschaft war schon vor 18 Jahren wegen der kriminiellen Methoden ihrer Funktionäre damaliger Teamster-Boß James Hoffa wurde in der Kennedy-Ära wegen Erpressung, Bestechung und Steuerhinterziehung zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt, von Nixon aber vorzeitig begnadigt aus dem Gewerkschaftsdachverband AFL/CIO ausgeschlossen worden.
Teamster Chef Frank Fitzsimmons verschwor sich mit den Plantagenbesitzern. Als im April letzten Jahres die Tarifverträge ausliefen, erneuerten nur zwei Großgrundbesitzer ihre Abkommen mit den United Farm Workers. Die 30 anderen, die allein 95 Prozent der Traubenplantagen besitzen, nahmen die Chance wahr, sich an der Chavez-Gewerkschaft zu rächen. Oft binnen weniger Stunden schlossen sie Verträge mit den korrumpierten Teamsters.
George Meany, Präsident des Gewerkschaftsverbandes AFL/CLO, verurteilte diese Gefälligkeistsabkommen ("sweetheart contracts") als »absolut heimtückisch« und »zynische Geschäftemacherei«.
Tatsächlich waren diese Verträge nicht nur ohne jede Ermächtigung der Teamsters durch die Campesinos abgeschlossen worden, sie annullierten auch wieder ide hart erkämpfte Rechte: Den Landarbeitern wurde wieder jede Möglichkeit zur Mitsprache genommen. Alters- und Gesundheitsversorgung. Kündigungsschutz. Sicherheitsvorkehrungen vor allem gegen Vergiftungen durch Schädlingsbekämpfungsmittel wurden weitgehend verwässert. Kinderarbeit ist wieder üblich. Die verhaßten privaten Arbeitsvermittler dürfen wieder willkürlich Leute anstellen und entlassen.
Abermals versucht Cesar Chavez seither mit Streik und Verbraucher-Boykott das Agribusiness in die Knie zu zwingen. Doch wie in den früheren Arbeitskämpfen werden arbeitslose Mexikaner massenhaft als Streikbrecher zumeist illegal mit Bestechungsgeldern für Grenzbeamte ins Land gebracht.
Mit einer Serie brutaler Gewalttätigkeiten suchten die Teamsters zudem die Chavez-Anhänger einzuschüchtern: Von den Teamsters für 64 Dollar pro Tag gedungene Schläger verprügelten Streikposten, zwei Traubenpflücker kamen ums Leben.
Da sich der Streik unter den derart eingeschüchterten Campesinos als nicht ausreichend durchsetzbar erweist, setzt Chavez nun vor allem auf den Boykott Chavez: »Gewerkschaftsmitglieder sollten es ablehnen. Streikbrecher-Trauben in die Hand zu nehmen.«
Vor allein auch auf die Unterstützung der europäischen Verbraucher hofft Chavez. Besonders in der Zeit von Dezember bis Februar drängen die amerikanischen Pflanzer mit Weintrauben (Marke Red Empora) udn Kopfsalat (Marke: Eisberg auf den nord- und mitteleuropäischen Markt.
Nachdem er in Finnland, Enggland, Schweden und Dänemark für seine Sache geworben hatte, sprach Chavez deshalb Anfang Oktober auch bei Westdeutschlands Gewerkschaftern vor. Altbundespräsident Heinemann sekundierte dabei dem Besucher: »Der Appell der amerikanischen Landarbeiter«, so Heinemann, »verdient alle Unterstützung.«