Zigeuner durften in der Disko tanzen
Im Foyer der Stadthalle zu Göttingen ging einem Grüppchen Frankfurter Freaks jählings eine Illusion zu Bruch. Barfüßig, die langen Haare kunstvoll zu Zöpfchen geflochten, in buntgeflickten Jeans und die unvermeidlichen Leinentaschen über den Schultern, waren sie Anfang vergangener Woche einem ältlichen VW-Bus namens »Bulli« entstiegen, um jede Menge Sponti-Solidarität gegen eine Prise prallen Zigeunerlebens zu tauschen.
Doch über die Profis waren die alternativ-naiven Amateure dann zutiefst enttäuscht: Von den über 300 Delegierten des 3. Welt-Roma-Kongresses, Vertreter der Kalderas aus Ost- und Südeuropa, der Gipsies aus England und Irland, der Gitans aus Frankreich, Gitanos aus Spanien, der Sinti aus der Bundesrepublik, waren die meisten, korrekt von der Krawatte bis zum Aktenkoffer, in dunkelblaues Tuch gewandet und bewegten sich wie ausgebuffte Diplomaten auf internationalem Parkett.
Beim Anblick eines jugoslawischen Teilnehmers, der vor Eintritt in den palisandergetäfelten Sitzungssaal an seinem Maßanzug zupfte, als ginge es hinaus auf den Laufsteg, entfuhr einem deutschen Bürgersohn sein ganzer Frust: »Die sind ja auch schon völlig angepaßt und kaputt, diese Zigeuner.«
Daß die Kluft nach rechts, zur Generation der deutschen Väter und Großväter, kaum kleiner ist, erfuhr Anton Fojn, 60, genannt »Bubele":
Als der aus Graz gebürtige und heute in Hessen lebende Artist, den die SS sechs Jahre lang durch die berüchtigtsten KZ-Lager geschleppt hatte, mit seinem Caravan in Göttingen einfuhr, stimmten Gäste eines Gartenlokals mit erhobenen Bierkrügen gerade das Horst-Wessel-Lied an. Einige Querstraßen weiter brüllten ein paar Göttinger Demokraten, was Fojn unzählige Male in seinem Leben gehört hat: »Haut bloß ab, ihr dreckigen Zigeuner.«
Doch die Roma (von Rom = Mensch), wie die Zigeuner sich selbst nennen, harrten diesmal vier Tage aus in jener Stadt, die sich laut Oberbürgermeister Artur Levi durch den Kongreß »sehr, sehr geehrt« fühlte und ausnahmsweise sogar den Schützenplatz für die rund um die Uhr aus allen Teilen Deutschlands eintreffenden Wohnwagen-Gespanne freigab.
Daß die Universitätsstadt an der Leine nach London (1971) und Genf (1978) zum dritten Tagungsort der Roma-Weltunion gewählt wurde, verdankt sie freilich weniger dem Ruf besonderer Liberalität und Fremdenfreundlichkeit als vielmehr der Tatsache, daß in Göttingen die »Gesellschaft für bedrohte Völker« zu Hause ist, die das Treffen gemeinsam mit dem »Verband Deutscher Sinti« (VDS) organisierte.
Diese Gesellschaft, 1970 aus einer Hilfsaktion für die von Ausrottung bedrohte Bevölkerung Biafras hervorgegangen, versteht sich als Menschenrechtsanwalt für nationale, ethische und religiöse Minderheiten. Seit längerem fungiert sie auch als Lobby für die Interessen deutscher Sinti. »Jedenfalls anfangs«, beschreibt es Vorstandsmitglied Tilman Zülch, 41, zurückhaltend, »haben wir sie an die Hand genommen.«
Freilich nicht alle gleichermaßen. Von den neun Zigeuner-Organisationen der Bundesrepublik, urteilt ein Kenner der Szene, sei »das Protektionskind der Gesellschaft eindeutig der ''Verband der Sinti'' und dessen Vorsitzender Romani Rose«.
Der Engländer Grattan Puxon, Generalsekretär der Welt-Roma-Union, ortete noch kurz vor dem Kongreß »Dispute und Fraktionismus« unter den deutschen Sinti, die freilich »meist durch Manipulation von außen verursacht worden« seien.
Doch während dem 34jährigen VDS-Chef Rose in Göttingen der steile Aufstieg zum Vizepräsidenten des Weltverbandes glückte, wurde Generalsekretär Puxon, jahrelang Motor der Bewegung, ohne offizielle Begründung abgelöst: Von unkorrekten Geldgeschäften war unter den Delegierten die Rede, von »schmutziger Wäsche« (Rose). Ein Präsidiumsmitglied ließ kolportieren, nicht wegen seines Blutes (Puxon gilt nicht als »echter« Zigeuner), sondern »wegen seiner Hände« sei der international erfahrene Mann geschaßt worden.
Doch was immer an altem Sippen- und Stammeshader und neuen politischen S.119 Differenzen den Einigungsprozeß einstweilen noch verlangsamt -die Bürgerrechtsbewegung gerade der deutschen Sinti hat es innerhalb nur weniger Jahre vermocht, besonders trübe Kapitel germanischer Polizeistaat-Mentalität und Mordlust aufzuhellen und sie dadurch vorm vollständigen Vergessenwerden zu bewahren.
Mindestens 200 000, möglicherweise sogar eine halbe Million europäischer Zigeuner wurden in den Zuchthäusern und Lagern des Dritten Reiches erschossen, erschlagen oder vergast. Drei Viertel der deutschen und über die Hälfte der österreichischen Sinti und Roma wurden Opfer der NS-Rassenpolitik.
SS-Hauptsturmführer Adolf Eichmann hatte schon im Oktober 1939 angeregt, dem »ersten Judentransport von Wien« könnten leicht »3--4 Waggons Zigeuner angehängt werden«. Ein halbes Jahr später wurden in sieben deutschen Großstädten die ersten 2500 Sinti in Nacht-und-Nebelaktionen zusammengetrieben: Zwangsarbeiter-Nachschub für die sich allmählich lichtenden Gettos im besetzten Polen.
Zur gleichen Zeit empfahl der Grazer Oberstaatsanwalt Meissner die Sterilisierung der gesamten Roma-Bevölkerung im österreichischen Burgenland: Die Zigeuner seien »rassisch minderwertig«, »geschlechtlich zügellos«, »sittlich und geistig minderwertig«, »arbeitsscheu« -- kurzum, sie würden »nie ein reichstreues Element werden und die sittliche Höhe der deutschen Bevölkerung immer wieder gefährden«.
Rosalia Kreitz, 58, Sintiza aus Göttingen, hat diese deutsche Sittlichkeit kennengelernt: Eltern und Geschwister wurden in Konzentrationslagern umgebracht, sie selbst überlebte sieben Lager-Jahre. Bis heute erhielt sie »keinen Pfennig« Entschädigung.
Vom Weltkongreß der Repräsentanten ihres Volkes in der feinen Göttinger Stadthalle, von den Bemühungen um Gleichberechtigung der Sinti-Verbände erwartet Rosalia Kreitz wenig: In Deutschland, sagt sie wie von einem sehr fernen Land, »wird sich für uns nie etwas ändern«. Wenn es irgend ginge, glaubt auch Wilhelm Spindler, Delegierter aus Freiburg, »würden die meisten von uns Deutschland verlassen«.
Städte und Gemeinden würden sich einen solchen Exodus womöglich etwas kosten lassen. Noch 1971, erzählt der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Thüsing, hat die Bundeshauptstadt Bonn einer Zigeunergruppe fürs Abziehen 30 000 Mark bar auf die Hand gezahlt.
Seit Jahresbeginn kümmert sich Thüsing, der als einziger halbwegs Offizieller aus Bonn den Weg zum Göttinger Kongreß fand, erneut um eine bereits vor sechzehn Jahren aus Jugoslawien emigrierte Roma-Gruppe, die im Winter halbverhungert, ohne Pässe, ohne auch nur eine einzige Geburtsurkunde und mit abgewrackten Wohnwagen in Bonn gestrandet war.
Noch ist diese inzwischen 150 Köpfe starke Sippe provisorisch in einem leerstehenden Internat des Minoritenordens untergebracht. Aber schon überlegen einige Stadtväter, ob Bonn sich nicht durch einen Ablaß in Form von Autos und Wohnwagen erneut loskaufen könne. Die Polizei nahm schon mal, so Thüsing, bei einer großangelegten Razzia »selbst von sechs Wochen alten Kindern Fingerabdrücke«.
Ob das »neue Selbstbewußtsein der Sinti in Deutschland«, das der Stuttgarter Experte für Minderheitenprobleme Herbert Spaich in seinem gerade erschienenen, bemerkenswert materialreichen Buch »Fremde in Deutschland«
( Herbert Spaich: »Fremde in Deutschland. ) ( Unbequeme Kapitel unserer Geschichte«. ) ( Beltz Verlag, Weinheim; 287 Seiten; 48 ) ( Mark. )
konstatiert, jemals ausreichen wird, die Ausgrenzung hinter Vorurteile, Müllberge und Schrottplätze zu durchbrechen, war das leidenschaftlich diskutierte Konferenzthema. Die im Teufelskreis messen dabei Schuldbekenntnissen von ganz oben beinahe magische Kräfte zu: »Ein deutscher Bundeskanzler«, fordert VDS-Sprecher Rose stets an erster Stelle, »muß endlich den Holocaust an unserem Volk eingestehen.«
Wiedergutmachung, kollektive wie auch individuelle, erscheint diesem Glauben an einen moralischen Satz, der die Welt in Ordnung brächte, ebenso nachgeordnet wie jede Art von reformerischer Praxis. Die freilich wäre vor allem nötig, um die soziale Lage der Sinti nachhaltig zu verbessern -- besonders im Wohn-, Schul- und Berufsbildungsbereich.
Viel Zeit, das so lange Versäumte nachzuholen, wird der Bundesrepublik nicht bleiben. Denn zu nationalen Forderungen könnte leicht internationaler Druck hinzukommen.
Bereits vor zwei Jahren erhielt die internationale »Romani-Union« mit Sitz in Bern einen beratenden Status bei den Vereinten Nationen. Indien, aus dessen Pandschab-Region die Roma vor tausend Jahren vertrieben wurden, aber auch Jugoslawien, wo heute über 700 000 Zigeuner zu Hause sind, haben eine Art internationaler Patenschaft für die in alle Welt versprengte Volksgruppe übernommen.
So reiste zum Kongreß nicht nur der indische Botschafter aus Bonn mit einem Grußwort seines Außenministers an, sondern direkt aus Neu Delhi auch der Herausgeber des »National Herald«, Jaschpal Kapur, ein Vertrauter von Ministerpräsidentin Indira Ghandi.
Das Management der Roma-Bewegung dagegen übernahmen die Jugoslawen: Sait Balic, Chefingenieur aus Nis und Vorsitzender der serbischen Roma-Union, wurde einstimmig ins Präsidentenamt gewählt. Gemeinsam mit seinen beiden jugoslawischen Generalsekretären will er »dafür kämpfen, daß die Roma überall so wie in Jugoslawien seßhaft werden können«.
Ob das jugoslawische Vorbild vom kollektiven Volksgruppen-Recht die stärker an individuellen Bürgerrechten interessierten deutschen Sinti allerdings lange zu begeistern vermag, ist mehr als zweifelhaft.
Für die Sintiza Elfriede Frantz aus Göttingen beispielsweise wird sich der Erfolg des Treffens unter anderem daran erweisen, ob ihre Töchter und Nichten »auch noch in der nächsten Woche in die Diskothek ''Las Vegas'' dürfen«.
Unter dem Schutz des Kongresses durften sie dort erstmals tanzen.
S.118Mit Bilddokumenten von NS-Verbrechen.*S.119Herbert Spaich: »Fremde in Deutschland. Unbequeme Kapitel unsererGeschichte«. Beltz Verlag, Weinheim; 287 Seiten; 48 Mark.*