ITALIEN Zu Hause duschen
Die Odyssee des kleinen Danilo Natalizi, 1, durch römische Krankenhäuser dauerte drei Tage -- dann war er tot: akute Lungenentzündung.
»An Fieber ist noch keiner gestorben«, hatte der Aufnahmearzt im Hospital Sant'Eugenio den verzweifelten Eltern erklärt, als sie Danilo einliefern wollten, und ihnen Aspirin in die Hand gedrückt. Auch im Ospedale San Camillo verharmlosten leichtfertige Medizin-Männer den Fall.
Der herzkranke Römer Fabrizio Mancini, 70, wurde im Ambulanzwagen vier Stunden lang von einem Hospital zum anderen gefahren. Doch nirgends war ein Bett frei. An einem Klinik-Tor stand in großen Lettern »Tutto Esaurito« (alles belegt). Schließlich kam Mancini in einem Pflegeheim auf einer Pritsche unter.
Fehldiagnosen, Schlamperei, Überfüllung -- in Italiens Krankenhäusern herrschen desolate Zustände. Dabei ist seit dem 1. Januar 1980 ein Reformgesetz in Kraft, das die Versorgung im Krankheitsfall wesentlich verbessern soll.
Die »Legge 833« schuf, nach englischem Vorbild, einen Nationalen Gesundheitsdienst. Alle Italiener haben nun das Recht, sich bei Vertragsärzten und in staatlichen Kliniken praktisch kostenlos behandeln zu lassen -- auch jene 2,6 Millionen Bürger, die bisher keinerlei Versicherungsschutz genossen.
Die KPI, die mit den Sozialisten jahrelang hartnäckig für die Reform gekämpft hatte, lobt die Legge 833 als »das vielleicht fortschrittlichste Gesundheitsgesetz in Europa«.
Bisher freilich zeigen sich eher die Nachteile der Reform. Beispiel: Laut Gesetz muß sich jeder Bürger, der den neuen Service in Anspruch nehmen will, aus einer Liste einen Vertrauensarzt auswählen. Dieser Mediziner erhält vom Staat für jeden Patienten ein jährliches »Kopfgeld« von 15 000 Lire (31,50 Mark) -- gleichgültig, ob er den Kranken einmal oder 50mal untersucht. Für ein solches Hunger-Honorar aber mögen sich die Ärzte nicht gern anstrengen: Das Niveau der Behandlung sinkt.
Diagnosen per Telephon, Gefälligkeitsatteste, Tabletten-Ausgaben durch die Sprechstundenhilfe sind an der Tagesordnung. Manche Ärzte schieben Billig-Patienten so rasch wie möglich ins Krankenhaus ab.
So füllten sich unmittelbar nach Inkrafttreten des Gesetzes die Hospitäler. In der römischen 900-Betten-Klinik San Giovanni drängten sich 1500 Patienten und obendrein noch viele Anverwandte, die ihren Lieben Spaghetti im Henkelmann brachten. Für je 55 Kranke stand nur ein Waschbecken zur Verfügung.
Oberarzt Luciano Persico zog die Konsequenz: »Wenn ich einen Patienten, einen leichten Fall, waschen lassen will, gebe ich ihm eine Sondergenehmigung, damit er nach Hause fährt und dort mal duschen kann.«
Als alle Korridore im San Giovanni verstopft waren, protestierten die Krankenpfleger -- sie errichteten vor dem Hospital eine Straßensperre aus alten Bettgestellen und Matratzen.
Protest kommt seit Monaten auch von seiten der Patienten; sie klagen über stundenlanges Warten bei der Aufnahme, über grobfahrlässige Behandlung, über Schmutz und Ungeziefer.
In manchen Hospitälern huschen schon mal Mäuse über den Korridor, ein Kranker in der römischen Poliklinik entdeckte Ameisen in der Suppe S.112 sowie im Mund eines röchelnden Bettnachbarn. Im Mailänder Hospital San Carlo wurde ein scharlachkrankes Kind mit Hepatitis-Patienten zusammengelegt.
Mitte März gründeten KPI-Parlamentarier und Linkskatholiken eigens ein »Tribunal für die Rechte des Kranken«. Es sammelt die Beschwerden der Patienten und will die Schuldigen »symbolisch, politisch und moralisch bestrafen«, indem es ihre Namen bekanntmacht. Bisher gingen beim Tribunal rund 2000 Anzeigen ein.
Doch wie viele skandalöse Einzelfälle das Tribunal und die Presse auch anprangern -- gegen die strukturellen Mängel im italienischen Gesundheitswesen läßt sich offenbar schwer etwas ausrichten. Schlecht ausgebildete Krankenhausärzte, die halbtags in Privatkliniken herumdoktern, rebellisches (weil schlecht bezahltes) Pflegepersonal, ineffiziente Verwaltung, uralte Gebäude -- der Mißständekatalog ist lang.
Und seit Inkrafttreten des Reformgesetzes herrscht in der Gesundheitsbürokratie größere Konfusion denn je. Zwar sieht die Legge 833 Abschaffung der 250 Krankenkassen vor. An die Stelle der Kassen treten neue Ämter mit dem imposanten Titel: »Servizio amministrativo unitario di base« (Saub), zu deutsch: einheitlicher Grundverwaltungsdienst. Der Saub wiederum soll später in den 650 geplanten örtlichen Gesundheitszentren aufgehen.
Aber diese neue Organisation gibt es erst in Ansätzen. Außerdem ist die Übernahme des Krankenkassenpersonals durch die Regionalverwaltungen noch nicht geregelt. Deshalb bestehen die alten Kassen erst mal weiter.
Viele Patienten finden sich in dem Wirrwarr alter und neuer Institutionen kaum zurecht. Verwaltungsbeamte und Ärzte andererseits warten auf Anordnungen, wer für was zuständig ist.
»Die Behörden hätten schon längst, spätestens Anfang 1980, ein detailliertes Programm vorlegen sollen, um die Reform zügig zu verwirklichen«, kritisiert der Sozialist Aldo Aniasi, seit drei Monaten Gesundheitsminister. »In der vorbeugenden Medizin, einem Kernpunkt der Reform, sind wir noch fast bei Null. Und solange diese Vorsorge nicht funktioniert, wird unser Land weiterhin riesige Gesundheitskosten tragen müssen.«
Für 1980 sieht der »Nationale Gesundheitsplan« denn auch Ausgaben von 16 000 Milliarden Lire (34 Milliarden Mark) vor. Experten rechnen damit, daß diese für Italiens Staatskasse gigantischen Beträge noch aufgestockt werden müssen.
Minister Aniasi spricht zweifelnden Bürgern, und auch sich selbst, Mut zu: »Wir dürfen nicht aufgeben. In zwei Jahren sind wir über den Berg.«