Zu hoher Preis
Nr. 34/2003, Titel: Weltmacht ohne Strom - Schein und Sein der USA
Das US-amerikanische Volk hat im kommenden Jahr die Möglichkeit, einen neuen Präsidenten zu wählen, der den Rüstungswahnsinn und die damit verbundene Kriegslust wieder beendet. Dann könnten die riesigen frei werdenden Geldbeträge in die Modernisierung der amerikanischen Stromversorgung gesteckt werden, und man könnte andere dringend anstehende innenpolitische Probleme lösen.
BESIGHEIM (BAD.-WÜRTT.)
PAUL GOTTSCHALD
In vielen Häusern New Yorks, so auch in meinem Apartment, wird die Heizung vom Vermieter ein- und ausgeschaltet. Ein Heizventil, mit dem die Zimmerwärme individuell geregelt werden könnte, gibt es nicht. Also muss ich im Winter, wenn es zu heiß in der Wohnung wird, als Ausgleich die Klimaanlage aufdrehen. Solange die Großmacht USA an solcher Energieverschwendung nichts ändert, kann der Spott, der auf diesen Stromschaden folgt, gar nicht groß genug sein. Die Häme ist durchaus angebracht.
NEW YORK HEINER KIRCH
Wer konnte sich vom Gefühl der Schadenfreude wirklich befreien, als die Meldung vom Strom-GAU in den USA bekannt wurde. Ihr Artikel aber reagiert leider wieder mit den alten Reflexen: Die Liberalisierung des Strommarktes ist schuld! Und der E.on-Chef Bernotat bekräftigt diese These natürlich. Wo sonst lässt sich denn auch in der angeblich »freien Marktwirtschaft« so ungeniert abkassieren wie in den Quasimonopolen der Energieversorger? Ihr Artikel widerlegt die These von der sicheren staatlichen Versorgung im Übrigen selbst, indem er auf frühere vergleichbare Stromausfälle in den USA hinweist, als es eben noch keine Liberalisierung gab.
HANNOVER NIELS KNIGGE
Bleibt zu hoffen, dass die zu missionierenden Völker dieser Welt, den American Way of Life auch im Dunklen finden. Es ist selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht alles Gold, was glänzt.
MERZENICH (NRDRH.-WESTF.) STEPHAN ERVEN
Ich mache gerade ein Praktikum für das Uno-Entwicklungsprogramm in der Dominikanischen Republik. Gerade ist wieder das Licht ausgegangen, und es fehlt an Strom, nicht nur im Büro, sondern auch auf der Straße oder in Krankenhäusern. Dies ist ein alltägliches Phänomen in diesem Land und ein noch extremeres in vielen ärmeren Ländern fast ganz ohne Strom, daher wohl auch die hiesige Gelassenheit. Warum wird ein solches Ereignis in den USA so aufgebauscht? Ich kann die Prioritäten der Menschen nicht verstehen.
SANTO DOMINGO JOERG SCHIMMEL
Auch wenn der SPIEGEL mit keinem Wort darauf eingeht: Durch ihre extreme Energieverschwendung nehmen die USA die ganze Welt in Mithaftung. Da sind die immensen Umweltschäden auf unserem Planeten, nicht zuletzt zu Lasten künftiger Generationen. Da werden im Übermaß Agrarprodukte erzeugt - und den Entwicklungsländern brechen die Absatzmärkte weg. Da »befreit« man eigennützig ölreiche Staaten wie Kuweit 1991 und den Irak 2003, nur um einen törichten und hoch gefährlichen Lebensstil weiterzuführen. Mir erscheint der Preis für die Kühlung aller Innenräume in den USA auf 14 bis 16 Grad Celsius (!!!) und so weiter entschieden zu hoch.
MÜNCHEN ALF TONDERN
Wenn man die Fakten objektiv betrachtet, dann wird man feststellen, dass Amerika in den wichtigen Zukunftsbereichen der Wirtschaft wie etwa der Gentechnik oder der Hard- und Software-Branche bis auf wenige Ausnahmen den Weltmarkt weit vor allen anderen Wirtschaftsmächten dominiert. Auch durch den x-ten Aufguss Ihrer antiamerikanischen Thesen werden diese nicht wahrer. Eine fortschrittsfeindliche und reformunfähige deutsche Neidgesellschaft, die statt Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft auf die Allmacht des Staates und seiner Bürokraten setzt, wird niemals an die wirtschaftlichen und politischen Erfolge Amerikas anknüpfen können, geschweige denn diese übertreffen.
FRANKFURT AM MAIN
HANS-PETER RINNER
Na also, jetzt wissen wir es - bei uns kann das nicht passieren. Unser engmaschiges, nicht voll ausgelastetes Verbundnetz gibt uns das, was wir hier schätzen: Versorgungssicherheit. Wie die zukünftig aussehen soll, angesichts des Ausstiegs aus der Kernenergie und der Probleme, die Wind- und Sonnenenergie durch erzwungene Abnahme zu nicht marktgerechten Preisen bereits heute verursachen, sollte bedacht werden, bevor wir unbedacht über die USA lächeln. Bisher fehlen die Konzepte aus Politik und Wirtschaft, scheinen vergleichbare Probleme für Deutschland nur aufgeschoben, nicht jedoch mit Nachhaltigkeit behoben.
STUTTGART FRANK RIEHL