»Zug nach nirgendwo« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 55 / 126

ARD »Zug nach nirgendwo«

Ärger beim Hauptstadtsender: Über Jahre haben sich Angestellte des öffentlich-rechtlichen SFB womöglich persönlich bereichert. Bei ihren Ermittlungen stießen Revision und Landeskriminalamt auf ein Netz von privaten TV-Produzenten und Mitarbeitern.
Von Oliver Gehrs
• aus DER SPIEGEL 32/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im silbernen Hochhaus des Senders Freies Berlin (SFB) bemisst sich das Ansehen der Mitarbeiter nach der Zahl der Fenster. Einfache Sachbearbeiter haben drei, Redakteure schon mal vier, Hauptabteilungsleiter bis zu fünf.

Der Intendant Horst Schättle genießt sogar einen Beinahe-Rundblick über Berlin. Im Westen das Olympiastadion und der Teufelsberg, weit im Osten die Wahrzeichen der neuen Hauptstadt: die Reichstagskuppel und die Hochhäuser am Potsdamer Platz.

Doch mit der Aufbruchstimmung in der Stadt hat der SFB wenig zu tun. Während Berlin boomt, kämpft der Sender seit Jahren gegen den fortschreitenden Bedeutungsverlust.

Im Radio haben andere Kanäle die Führung in der Hörergunst übernommen, und auch das TV-Programm der öffentlichrechtlichen Anstalt findet immer seltener den Weg zum Zuschauer: Nach der Wende sank der Zulieferungsanteil des SFB für das Erste Programm von acht auf unter fünf Prozent. Nur die Politsendung »Kontraste« und die altgedienten Humor-Arbeiter Dieter Hildebrandt ("Scheibenwischer") und »Didi« Hallervorden ("Spott-Light") gelten nach wie vor als Premiumware des TV-Betriebs.

Am Selbstverständnis rüttelt auch, dass B1, das Regionalprogramm des SFB, im Gegensatz zu den anderen Dritten in keinem anderen Bundesland über Kabel empfangen werden kann. Und noch ärger: Selbst in Berlin glauben manche, der Sender sei nach der Wende abgewickelt worden - zusammen mit dem Rias.

In der Intendantenrunde muss sich SFB-Chef Schättle ständig gegen das Ansinnen der Kollegen wehren, seinen am Tropf des Länderfinanzausgleichs hängenden Sender weiter einzuschrumpfen. Die spannenden Aufgaben in der Stadt erledigt schließlich das neue ARD-Hauptstadtstudio.

Eher glücklos agiert auch die CDU-nahe Fernsehchefin Barbara Groth, die dem SPD-Mann Schättle vor zwei Jahren als politisches Regulativ beigeordnet wurde. Deren programmmacherische Großtat war es, die erste Ausgabe der lokalen Nachrichtensendung »Abendschau« auf sieben Uhr morgens vorzuverlegen. Ansonsten fahndet Groth gerade mal wieder nach einem neuen »Tatort«-Kommissar, nachdem die alte Besetzung vor den Drehbüchern geflohen war.

Nun will Schättle mit einer neuen Image-Kampagne für einen Ruck in Bevölkerung und Belegschaft sorgen. Diskutiert werden Plakate, auf denen landende Ufos zu sehen sind. Motto: Der SFB ist zurück.

Doch die ehrgeizige Mission ist noch vor dem Take-off ins Stocken geraten, denn seit einigen Wochen hat der SFB die Kripo im Haus. Das Wirtschaftsdezernat des Landeskriminalamts ermittelt gegen einen Mitarbeiter wegen des Verdachts der Untreue. Auch die Revisionsberichte auf seinem Schreibtisch lassen Senderchef Schättle erahnen, dass die Stagnation zum Teil etlichen Seilschaften geschuldet ist, die sich über Jahre etablieren konnten.

Offenbar losgelöst von allen Vorschriften wurde in der Abteilung SFB-Werbung agiert, die für den Sender Programme verkauft, Videokassetten vertreibt und mitunter auch herstellt. Darunter jene endlosen Eisenbahnfahrten, die im Nachtprogramm der ARD zum Wegdösen einladen.

Was als Programm pure Langeweile verbreitet, hält interne wie externe Prüfer seit Monaten in Atem. So wurde Anfang 1998 die Berliner TV-Firma Happy End, die einem ehemaligen SFB-Mitarbeiter gehört, mit der Produktion von sieben Bahnfahrten in der ganzen Welt beauftragt - darunter befanden sich ein Trip durch China und ein Dreh auf der Strecke von San Francisco nach San Diego. Volumen des Auftrags, der sowohl ohne die notwendige Zustimmung des Aufsichtsrats als auch ohne eine übliche Vorkalkulation abgeschlossen wurde: 210 000 Mark.

Unterschrieben wurde der Vertrag sowohl vom Geschäftsführer der SFB-Werbung, Rolf Schäfer, als auch von einem Sachbearbeiter, der unter derselben Adresse wie Happy End mittlerweile als Geschäftsführer der Firma »Media Island« agiert.

Zügig wurden die Raten von jeweils 70 000 Mark zur Überweisung freigegeben - ohne dass Happy End dafür eine Gegenleistung erbracht hätte. Die wurde anscheinend auch gar nicht erwartet: Bereits wenige Wochen nach Vertragsabschluss teilte der betreffende Sachbearbeiter laut Revisionsbericht mit, dass von Happy End »nichts mehr kommt« und die Firma »bisher nur Flops« gelandet habe. Wo das Geld abgeblieben war, interessierte offenbar niemanden. »Das wurde gruselig schnell abgehakt«, erinnert sich ein SFB-Mann.

Stattdessen eisten der SFB-Abteilungsleiter für »zentrale Programmaufgaben« Ulrich Thiele und Fernsehdirektor Ulrich Anschütz weitere 130 000 Mark aus dem Sender-Etat los, um die verabredeten Bahnstrecken von den ARD-Auslandsbüros produzieren zu lassen - obwohl derlei Projekte eigentlich im Jahr zuvor bewilligt werden müssen. Schließlich mussten die Sendeplätze ja mit irgendetwas gefüllt werden. »Die Eisenbahngeschichte«, so bilanziert ein SFB-Manager, »war von Anfang an ein Zug nach nirgendwo.«

Trotzdem erhielt Happy End im Juni 1999 den nächsten Großauftrag, nämlich die Produktion von insgesamt 15 »Führerstandsfahrten« unter dem Stichwort »Die schönsten Bahnstrecken Europas«. Veranschlagte Kosten diesmal: 240 000 Mark.

Erneut landete das Geld prompt auf dem Konto der dubiosen TV-Firma. Bereits einen Monat nach Vertragsabschluss wurde die letzte von drei Tranchen à 80 000 Mark überwiesen - und das, obwohl die Abschlussrate laut Vertrag an eine »Endabnahme« der fertigen Filme gekoppelt war. Davon aber konnte keine Rede sein, schließlich hatten die Dreharbeiten gerade erst begonnen.

Produziert wurde in diesem Fall nicht von Happy End selbst, sondern von einem freien SFB-Mitarbeiter, der dafür von Happy End 130 000 Mark erhielt. »Die einzig erkennbare Leistung« für die restlichen 110 000 Mark, so vermerkt ein internes Papier, sei die »Beauftragung des Mitarbeiters gewesen«.

Nun muss das Landeskriminalamt prüfen, ob und wenn ja an wen das Geld im Sender zurückfloss. Geschäftsführer Schäfer sieht sich als Opfer eines betrügerischen Kollegen mit »guten Beziehungen in die Programmdirektion des SFB«. Nur so sei »dieses Ausmaß« an Täuschung möglich gewesen.

Tatsächlich stießen die Beamten bei ihren Nachforschungen auf ein fein gesponnenes Netzwerk von Mitarbeitern und Produktionsfirmen, die den chronisch finanzschwachen Sender um stattliche Summen erleichtert haben sollen. »Der Kreis ist recht groß geworden«, sagt ein LKA-Mann.

So erwarb zum Beispiel eine private Produktionsfirma im vergangenen Jahr wertvolles Archivmaterial über den Mauerfall für 100 Mark statt der üblichen 500 Mark pro Minute und stellte daraus Kaufkassetten her, die in den Souvenirshops mit einem SFB-Video konkurrieren. Im Abspann bedanken sich die Macher sogar bei Mitarbeitern des SFB für die freundliche Unterstützung.

In einem anderen Fall erhielt eine Fotoagentur namens »Der Gallier« insgesamt 10 000 Mark überwiesen - im Wesentlichen für die Übersetzung eines einzigen Schriftstücks. Inhaber der Agentur ist laut Revisionsbericht ein »Bekannter« einer engen Mitarbeiterin von SFB-Abteilungsleiter Thiele.

Der gerät nun auch wegen eines weiteren Revisionsberichts unter Druck. Darin ist vermerkt, wie Thiele Produktionen im Umfang von mehreren zehntausend Mark ausgerechnet an einen Mitarbeiter vergab, dem im Dezember vergangenen Jahres wegen des Verdachts des Betrugs fristlos gekündigt worden war.

Noch gilt Thiele beim SFB als Adlatus von Intendant Schättle, der ihn trotz Widerstands im Haus sogar zum Unterhaltungschef befördern wollte. Nun liegt der Wechsel in die so genannte Vergütungsgruppe A erst einmal auf Eis. Angesprochen auf die Vorfälle im Haus, verspricht der Senderchef rückhaltlose Aufklärung. »Solche Sauereien können wir uns nicht leisten.«

Einer seiner engsten Mitarbeiter weiß der Angelegenheit immerhin etwas Positives abzugewinnen: »Wir brauchen gar keinen 'Tatort' mehr, wir haben den Krimi im Haus.« OLIVER GEHRS

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 126

Mehr lesen über